Die Banken beklagen sich, sie könnten nicht genügend gut ausgebildete Spezialisten rekrutieren. Ist in der Schweiz zu wenig Ausbildungskapazität im Bereich Banking und Finance vorhanden?

Olivier Steimer: Die Finanzmärkte sind in einer glänzenden Verfassung und entsprechend günstig sieht es für die Banken aus. Sobald die Märkte wachsen, werden früher oder später die personellen Ressourcen knapp. Die Anforderungsprofile für neue Mitarbeiter haben sich markant verändert. Vor 20 Jahren hatten weniger als 10% der Bankmitarbeiter einen Hochschulabschluss. Unter den neu eingestellten Mitarbeitern der BCV waren im vergangenen Jahr bereits ein Drittel Hochschulabgänger. Dazu gehören nebst den klassischen Studiengängen, wie Ökonomie und Jurisprudenz, zunehmend auch ETH-Ingenieure, Mathematiker, Physiker und Biologen, die wir nach unseren Bedürfnissen weiterbilden. Die Bankbranche industrialisiert sich zunehmend, und dafür sind neue Spezialkenntnisse notwendig. Zur Ausbildungskapazität: Es wäre wünschenswert, wenn die Fachmaterie Banking und Finance bei uns in der Grundausbildung eine höhere Bedeutung hätte.

Sind die mangelnden Kenntnisse auch ein Grund dafür, dass sich nicht genügend junge Leute für einen Studiengang in Richtung Finanzdienstleistungen entscheiden?

Steimer: Es hat sicher mit dem Wissensstand zu tun. Zudem schwankt das Image der Schweizer Banken und zieht entsprechend mehr oder weniger junge Leute an.

Mit dem Swiss Finance Institute (SFI) wurde vor knapp zwei Jahren ein Kompetenzzentrum geschaffen, das den Finanzplatz Schweiz mit Forschung und Bildungsangeboten unterstützen soll. Was wurde bisher erreicht?

Steimer: Mittlerweile existieren drei regionale Zentren in Zürich, Léman und Lugano. Es besteht im Bereich Banking und Finance eine Fakultät mit über 40 Professoren. Damit nehmen wir in Europa quantitativ die Spitzenposition ein. Gemäss unserer Planung sollen nochmals 20 Professoren dazukommen. Bei den jüngsten Anstellungen ist es uns gelungen, zwei weltweit renommierte Fachkräfte in die Schweiz zu holen. Bereits haben gegen 700 Studierende die neuen Ausbildungsprogramme, ausgehend von Swiss Banking School und Fame, durchlaufen. In den nächsten Jahren kommen drei Masters-Programme dazu. Der Doktorandenlehrgang, mit derzeit gegen 70 Teilnehmern, zählt zu den weltweit grössten.

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Es werden ambitiöse Ziele angestrebt. Das SFI soll sich zu einer der drei führenden Forschungs- und Lehrstätten in Europa und einer der Top Ten weltweit entwickeln. Ist man bei dieser Vorwärtsstrategie im Plan?

Steimer: Ja, wir sind im Marschplan. Letztlich werden wir an der internationalen Bedeutung, also der Qualität dieser Fakultät gemessen. Über das Ranking des Swiss Finance Institute entscheiden die Güte der Forschungsprojekte und die wissenschaftlichen Publikationen.

Wo sehen Sie das Institut in zehn Jahren?

Steimer: Jeder renommierte Forscher sollte dann das SFI als eines der fünf bevorzugten Arbeitsstandorte nennen. Die Absolventen unserer Masters-Programme müssten global zu den begehrtesten Fachkräften gehören. Zudem beschicken sämtliche Schweizer Banken die Executive-Lehrgänge mit den besten Führungskräften. Schliesslich hat Pierre Mirabaud, Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung, die Vision von einem Nobelpreisträger formuliert.

Die meisten Innovationen im Finanzsektor stammen aus dem angloamerikanischen Raum. Kann die Schweiz diesen Rückstand dank dem SFI verkürzen?

Steimer: Wir wollen uns nicht von diesem angloamerikanischen Forschungsraum abkoppeln. Viele unserer Professoren stammen aus diesem Sektor. Es gibt auch Schweizer, die dort Karriere gemacht haben. Gemeinsam mit dem international zusammengesetzen Beirat haben wir entschieden, dass in einem ersten Schritt renommierte Forscher gesucht werden, und erst danach, die Forschungsschwerpunkte zu bestimmen. Auch künftig sollen die Ziele nicht zu eng gesteckt werden, weil sich herausragende Leistungen in Innovationen nicht einfach planen lassen.

Trotzdem: In welchen Bereichen ist mit innovativen Produkten und Prozessen zu rechnen?

Steimer: Im Vordergrund stehen das Asset Management, das Risikomanagement ebenso wie die Kreditprozesse und die Entwicklungen im Retailgeschäft.

Wichtige Hochschulen, wie etwa die Universitäten St. Gallen oder Basel, mit spezialisierten Instituten im Bereich Banken und Finanz, sind beim SFI-Programm nicht dabei. Wird sich das ändern?

Steimer: Die jetzt engagierten Hochschulen sind bereit, mindestens zehn SFI-Professuren zu unterhalten. Die Universitäten Basel, Bern und Neuenburg wollen nicht so viel investieren. Trotzdem können die Professoren und Studierenden dieser Hochschulen an den Forschungsprojekten des Swiss Finance Institute teilnehmen. Mit der Universität St.Gallen und ausländischen Partnern verfolgen wir ein Projekt in der Executive Education.

Kritiker bemängeln die dezentral aufgebauten Forschungsaktivitäten. Sie versprechen sich von einer Konzentration der Kräfte bessere Resultate.

Steimer: Man kann beide Meinungen vertreten. Die kleinräumige Schweiz mit den kurzen Distanzen zwischen den Forschungsplätzen lässt sich nicht mit den USA vergleichen. Wichtig sind die Kommunikation und der Erfahrungsaustausch zwischen den einzelnen Universitäten.

Die Schweiz hat den Weg der Public Private Partnership gewählt. In den USA sind die Eliteuniversitäten im Bereich Banking und Finance alle privat geführt. Kommt das bei uns später auch?

Steimer: Da müssen wir mit der politischen Realität in der Schweiz und in Europa leben. Es gibt nur ganz wenige Privatuniversitäten, wie bei uns das IMD. Dahinter liegen 20 Jahre Aufbauarbeit. Das haben wir uns auch überlegt, nur schien uns der Anmarschweg zu lang. Es geht nicht ohne die Universitäten, die anerkannte Diplome vergeben.

Zu den Vorteilen der privaten Eliteuniversitäten gehören die höheren Saläre, mit denen Spitzenkräfte für die Forschung angelockt werden.

Steimer: Das ist eine Argumentation. Heute können aber die Schweizer Universitäten ihre Top-Leute auch besser honorieren. Zudem gibt es andere Kriterien, die für Forscher wichtig sind: Etwa die Lebensqualität oder der Kontakt zu anderen Fakultäten innerhalb der Hochschule.

Kann das SFI mit dieser pragmatischen Vorgehensweise die nötige kritische Masse erreichen und international wettbewerbsfähig sein?

Steimer: Ja, nach vielen Gesprächen mit den Professoren bin ich sehr zuversichtlich.

Die Kantonalbanken sind jüngst mit den Optionen-Transaktionen der ZKB im Fall Sulzer oder der Kreditvergabe für ein türkisches Staudammprojekt in ein schiefes Licht geraten. Erneut steht auch die Staatsgarantie zur Diskussion. Ist sie im heutigen Umfeld noch nötig?

Steimer: Die Staatsgarantie ist eine historische Sache. Als eine der wenigen Ausnahmen verfügt die BCV über keine Staatsgarantie. Jede Kantonalbank muss sich heute die Frage stellen, ob sie ausserhalb dem traditionellen Spar- und Kreditgeschäft noch in anderen Sparten tätig sein will. Bei den meisten Instituten ist dies der Fall, weil sie damit die regionalen Privatkunden und Unternehmen besser unterstützen können.

Die BCV musste vom Steuerzahler mit zwei Kapitalspritzen saniert werden, als sie sich nach riskanten Finanzierungen mit hohen Kreditausfällen konfrontiert sah. Das hatte Konsequenzen für den zuvor nach politischen Kriterien zusammengesetzten Verwaltungsrat.

Steimer: Krisensituationen schaffen Raum für Veränderungen. Der Verwaltungsrat wurde verkleinert und die Mitglieder werden nicht mehr nach ihrem Parteibuch, sondern gestützt auf ihre Fachkompetenz ins Aufsichtsgremium gewählt. Die BCV hat bei der Corporate Governance grosse Fortschritte gemacht.

Nur in zwei Kantonen, Solothurn und Appenzell, gibt es keine Staatsinstitute mehr. Bei den Regionalbanken ist der Konzentrationsprozess weit stärker vorangekommen. Weshalb gilt das für die Kantonalbanken nicht?

Steimer: Das hängt mit unserer föderalistischen Struktur zusammen.

Ist das aus marktwirtschaftlichen Überlegungen noch sinnvoll?

Steimer: Wenn die Kantonalbanken gegenüber den Grossbanken und den Raiffeisenbanken die dritte Kraft sein wollten, dann müssten wir uns vom heutigen Verband zum Verbund entwickeln. Das haben wir bisher nicht geschafft.

Vor einigen Jahren gab es Pläne für eine Kantonalbanken-Holding oder ein LeadBankenmodell. Warum ist das gescheitert?

Steimer: In guten Zeiten eine Revolution durchzuführen ist beinahe unmöglich. Die führenden Köpfe sind meist nicht bereit, etwas von ihren Kompetenzen aufzugeben. Deshalb wurde der Weg über die Gemeinschaftswerke beschritten. Die Vision einer Fusion von 23 Kantonalbanken steht und fällt mit der grossen Diversität der einzelne Institute.

Dann bleibt es bei den fallweisen Kooperationen, wie jüngst der angekündigten Zusammenarbeit zwischen der ZKB und der BCV in der Informatik?

Steimer: Man kann davon ausgehen, dass die Kantonalbanken auch künftig neue Produkte in Gemeinschaftswerken entwickeln, wie zum Beispiel der kürzliche ankündige Zusammenschluss im Konsumfinanzierungs-Markt mit der Aduno-Gruppe. Einzelne Institute werden gemeinsam Projekte vorantreiben, wie wir das nun mit der ZKB bei der Informatik und Abwicklung tun. Dabei hoffen wir, dass später auch andere Banken, sei es aus der Kantonalbankenwelt oder wo anders, dazustossen.

Wo müssen sich die Kantonalbanken reformieren?

Steimer: Der Margendruck erfordert Einsparungen bei der Informatik und den Abwicklungsprozessen. Nebst der äusserst erfolgreichen Swisscanto-Organisation im Anlagefondsgeschäft sind weitere Initiativen für Gemeinschaftswerke im Produktbereich notwenig. Zudem gilt es die Marke zu pflegen, damit die hohe Kundenbindung erhalten bleibt.

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Steckbrief

Name: Olivier Steimer
Funktion: Verwaltungsratspräsident Banque Cantonale Vaudoise, Stiftungsratspräsident Swiss Finance Institute
Alter: 52

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Swiss Finance Institute

Braintrust
Das Swiss Finance Institut (SFI) geht auf eine Initiative der Schweizerischen Bankiervereinigung zurück und wurde 2005 als private Stiftung gegründet. Gemeinsam mit den Partneruniversitäten Zürich, Genf, Lausanne und Lugano will das SFI die Forschung rund um Banking und Finance stärken und den Kontakt zwischen der Wissenschaft und den Banken intensivieren.