Noch 126 Meter bis zum nächsten Obike. Das orange Velo des Bike-Sharing-Betreibers aus Singapur steht gemäss App vor dem Aldi beim Zürcher Letzipark. Per Smartphone und QR-Code wird das Velo entsperrt. Alles klappt, nur die Kurbel eiert. Das Velo könnte eine Wartung vertragen.

Bike-Sharing-Modelle boomen. Jetzt auch in Zürich. In China werden bis Ende Jahr fünfzig Millionen Leihvelos im Einsatz sein. In Europa liegt das Potenzial fürs Erste bei drei Millionen Stück.

Neuer Player mit Partner aus China

Die weltgrössten Hersteller und Betreiber kommen aus China. Sie heissen Mobike, Ofo und Xiaoming. Europa ist noch ein Zwerg im Bike-Sharing. Doch - in der Schweiz noch unbekannt - geben Chinas Velo-Riesen auch hierzulande das Geld mit vollen Händen für die Digitalversion der neuen Zweirad-Uber aus. Der Trend ist nicht zu bremsen. Nach Obike drängt jetzt die Schweizer Onebike auf den Heimmarkt. Start ist im Frühling 2018, in Kooperation mit Xiaoming.

Es bewegt sich was im Zweiradmarkt. Hinter Chinas Bike-Sharing-Riesen stecken namhafte Investoren, unter anderen iPhone-Hersteller Foxconn (150 Milliarden Franken Umsatz) und Wechat-Erfinder Tencent (15 Milliarden). Sie reissen sich in Europa um ein Geschäft mit 400 Millionen Konsumenten. Und dabei auch um Nutzerdaten von unschätzbarem Wert - für Stadtplaner, Detailhändler, Touristiker, Versicherungen und öffentliche Verkehrsunternehmen. Es ist die erste Exportindustrie Chinas, die nicht den Westen kopiert und Know-how importiert. Sondern das Reich der Mitte zeigt dem Rest der Welt, wie es geht.

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1 Franken pro Stunde

Europa ist zwar der Nachzügler, dafür umso lukrativer. Hier insbesondere die Schweiz: Bei nur 8,3 Millionen Einwohnern soll es bald mehr als 50'000 Bikes geben, wenn man den Plänen der ambitiösen Jungunternehmer von Onebike glauben darf. Davon 4000 allein in Zürich.

Nur schon die Leihgebühren für die smarten Velos sind für die Firmengründer ein aussichtsreiches Geschäft. Der prognostizierte Branchenumsatz ist hierzulande ein mittlerer zweistelliger Millionenbetrag. Und Onebike stösst mit der Kampfansage dazu, den Preis noch einmal deutlich zu drücken: auf 1 Franken pro Stunde.

Das wird die Konkurrenz ins Schwitzen bringen. Bei Smide, dem Angebot der Versicherung Mobiliar, kostet eine Stunde mit dem E-Bike 15 Franken, Obike will für eine Stunde auf einem eingängigen Leihvelo 3 Franken, das Stadt-Züri-Projekt von Publibike verlangt 6 Franken pro Stunde. Die einen setzen Qualitätsvelos im Wert von vielen hundert Franken pro Stück ein, die anderen auf günstige Drahtesel aus Asien für unter 200.

Velos als Datenstaubsauger

Im Hintergrund aber geht es längst nicht bloss um Leihgebühren für Velofahrten. Sondern vielmehr um die Nutzerinformationen, die per App via GPS und Bluetooth gesammelt werden. Das Smartphone ist der elektronische Veloschlüssel, der exakt angibt, bis wann und wo das Fahrrad reserviert ist. Aber nicht nur das, das Phone des Kunden ist auch ein Datenstaubsauger für die Tech-Konzerne. Per App wird ein Velo reserviert, entsperrt, genutzt und am Zielort wieder versperrt.

Der Anbieter erfährt dafür alles über die Nutzungshäufigkeit, Fahrtrouten und die am meisten frequentierten Orte im Stadtgebiet und weist im besten Fall in seinen Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) darauf hin, sämtliche Daten auch für produktfremde Zwecke zu nutzen, wie etwa bei Obike nachzulesen ist. Diese Nutzerdaten könnten freilich auch die chinesische Xiaoming interessieren, wenn sie mit Onebike ihre Velos nächstes Frühjahr in Zürich aufstellt.

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Nutzerdaten sind die neue heisse Ware der digitalisierten Welt. Wer diese kontrolliert, sitzt auf einem Schatz. Das Projekt der Postauto-Tochter Publibike hat zwar derzeit keine weiteren kommerziellen Pläne. Klar aber sind die «Kundendaten von Interesse», um das Netz laufend verbessern zu können. Die Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich (VBZ) haben bereits Interesse an den Daten angemeldet. Smide gibt indes unumwunden zu, «verschiedene Einnahmequellen zu eruieren». Langfristig werde es ein Mix aus «Kundengebühren, B2C- und B2B-Business sowie Geomarketing» sein, erklärt Mobiliar-Sprecherin Leilah Ruppen.

Störfaktor im öffentlichen Raum

Derweil schlagen sich Zürichs Behörden mit anderen Themen herum. Stadtrat Filippo Leutenegger sagt: «Standortungebundene Velos sollen nicht längere Zeit ausserhalb von offiziellen Abstellplätzen herumstehen und stören.»

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Was das genau bedeutet, ist nicht ganz klar. In einem Brief Leuteneggers an Onebike heisst es in Bezug auf sogenannte Floating-Systeme von Onebike oder Obike: «Keine regelmässigen oder grösseren Ansammlungen an einem Ort, keine übermässige Belegung einzelner Veloparkierungsanlagen und die Velos dürfen keinen Werbezwecken dienen.» Wer dagegen verstösst, dem drohen «straf- und verwaltungsrechtliche Massnahmen». Mehr als 10 bis 20 Prozent der Abstellplätze dürfen laut Leutenegger nicht genutzt werden. Für Onebike-Anwältin Dominique Calcò Labruzzo ist hier der Interpretationsspielraum gross: «Diese unpräzisen Angaben der Stadt machen es Onebike nicht gerade leicht.»

Chinas Megakonzerne mit Interesse am Leihvelo-Business hindert das nicht, Europa und die Schweiz mit Bikes zu bestücken und Kundeninformationen einzusammeln. Bisweilen auch ohne explizite Genehmigung.

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