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Online-Kollaboration: Kollektives ­Wissen schaffen und nutzen

 

Weil der Erfolg eines Unternehmens vom Faktor Innovation abhängt, muss es zugänglicher sein als seine Mitbewerber.

Von Peter Otto *
am 27.10.2011

Mit Blick auf die wachsende Komplexität sowie die dynamische Natur der heutigen globalen Märkte sehen sich Unternehmen zur ständigen Innovation gezwungen. Dies setzt voraus, dass sie schneller lernen als je zuvor – auf jeden Fall aber schneller als ihre Konkurrenz. Um diese Notwendigkeit nach raschem Lernen zu erleichtern, müssen sie Wege finden, um ihren wissens­basierten Mitarbeitenden dabei zu helfen, Wissen aufzudecken und zu teilen.

Während Vorgehensweisen, die das Lernen innerhalb der Betriebe fördern sollen, schon seit längerem etabliert sind, haben sie erst kürzlich die potenziellen Vorteile erkannt, die sich durch Methoden ergeben, die das Lernen von Einheiten ­ausserhalb der Firma – selbst von nominellen Mitbewerbern – erleichtern.

Pfizer und «Wiki» machen es vor

Die Praktik, eine Verbindung zu Instanzen ausserhalb der Organisation zu schaffen, erregte Aufmerksamkeit, als der Chef des amerikanischen Pharmakonzerns Pfizer, Jeffrey Kindler, ankündigte, seine Forscher sollten nicht länger im Geheimen arbeiten, sondern sich öffnen und enger mit ­Aussenstehenden kollaborieren. Um eine solche Kollaboration zu fördern, entschied sich Pfizer, seine Pharmazeutika-Pipeline ins Internet zu stellen und jedem zugänglich zu machen. Dahinter steckte die Absicht, Verbindungen zu Individuen und Gruppierungen ausserhalb des Unter­nehmens zu knüpfen, um so Wissen zu ­gewinnen, das dazu beitragen soll, die ­Effizienz von Pfizers Forschungs- und Entwicklungs­bestrebungen zu erhöhen.

Das Verwalten von solch locker strukturierten Online-Netzwerken ohne formelle Grenzen ist eine Herausforderung für einen Betrieb, nicht zuletzt deshalb, da er im Laufe der Zeit unterschiedliche Strategien anwenden sollte, wenn er Erfolg ­haben will. Als Erstes muss eine Organisation den Gebrauch dieser neuen Tools ­fördern und anregen und davon absehen, zu häufig oder zu strikt zu intervenieren. Das Hauptziel eines Online-Netzwerks ist es, Kontakte zu Fachleuten jenseits der Firmengrenzen herzustellen und gleichzeitig Strukturen zu schaffen, die den ­Zugang zu ihnen erleichtern, die Zusammenarbeit begünstigen und die Qualität des übermittelten Wissens sicherstellen.

Wikipedia wendet beispielsweise eine robuste, clevere und benutzerfreundliche Technologie an, die sich «Wiki» nennt und mit deren Hilfe Individuen Artikel auf der Enzyklopädie-Website posten und ­redigieren können. Der frühe Erfolg Wikipedias basierte auf einer fruchtbaren Struktur, die Nutzer dazu motivierte, eine pulsierende Internet-Gemeinschaft zu ­kreieren. Am Anfang resultierte dieser ­offene und gleichberechtigte Zugang zu Wikipedia in einer Flut von possenhaften Artikeln und Vandalenangriffen, die das Unternehmen dazu zwangen, neue ­Regeln und Richtlinien einzuführen, die die Integrität und Qualität des virtuellen Lexikons gewährleisten sollten.

Während die Technologie dazu beitrug, dass das Online-Netzwerk erfolgreich startete, sind es die sozialen Dimensionen, die sein Wachstum beeinflussen. Neue Mitglieder tendieren üblicherweise stark dazu, kollektives Wissen zu teilen oder zu schaffen. Häufig werden sie von persönlichen Motiven angetrieben, beispielsweise vom Bedürfnis, ein Problem zu lösen oder ihre Expertise oder Erfahrung in einem gewissen Gebiet weiterzugeben. Wikipedia, wie auch andere offene Internet-Projekte, die darauf basieren, dass Freiwillige gemeinsames Wissen schaffen und teilen, sah sich mit diversen Herausforderungen konfrontiert.

Erstens braucht diese Art von Online-Netzwerk eine kritische Masse an Menschen, die bereit sind, aktiv dazu beizutragen, dass ein Projekt am Leben erhalten wird. Eine unzureichende Mitwirkung der Redaktoren oder eine Inaktivität der Nutzer kann dazu führen, dass die Zukunftsfähigkeit eines Online-Netzwerks bedroht ist. Ein weiteres Problem ist die Glaubwürdigkeit des Inhalts. Im Fall von Wikipedia mussten unerfahrene Redaktoren innerhalb der Gemeinschaft Glaubwürdigkeit aufbauen, um so andere zum Mitmachen bewegen zu können. Ein ­Online-Netzwerk, das zu Beginn seiner Existenz ein Integritätsproblem hat oder zu viel Zeit braucht, um glaubwürdig zu werden, wird kaum ­reüssieren.

Wikipedia ist ein Beispiel eines Online-Netzwerks, bei dem Administratoren und Redaktoren einerseits dafür sorgen, dass andere zum Mitmachen motiviert werden, und andererseits die Infrastruktur sowie die sozialen Bindungen, die für eine solche Zusammenarbeit notwendig sind, am Leben erhalten bleiben.

Das grösste Problem, das sich beim Aufbau und bei der Erhaltung einer elektronischen Gemeinschaft stellt, ist das Schaffen einer Balance zwischen einer lose strukturierten Umgebung und gewissen notwendigen Kontrollmechanismen. Ohne klare Vorschriften besteht die Gefahr, dass die Qualität leidet und das Netzwerk langfristig nicht mehr genutzt wird.

Vorschriften kontra Attraktivität

Da sowohl interne als auch externe Faktoren zum Erfolg eines Netzwerks beitragen, tut ein Betreiber gut daran, in verschiedenen Wachstumsphasen strukturelle Interventionen zu tätigen, um das Produkt zu formen. So trägt die Einführung von Regeln dazu bei, seine Qualität und Attraktivität zu gewährleisten. Wenn jemand Informationen auf das Online-Netzwerk laden möchte, muss er oder sie sich an die Vorgaben halten, die von der Organisation eingeführt wurden.

Eine andere Methode ist es, nach der Lancierung eines Online-Netzwerks eine Umgebung zu schaffen, die leicht zugänglich ist und möglichst viele Individuen zur Mitarbeit animiert. Sobald das Netzwerk anfängt zu wachsen, sollte der Fokus aber von der Zugänglichkeit weg und auf das Einführen von Regeln und die Gewährleistung von Qualität und Integrität ­gelenkt werden. Allerdings können neue Vorschriften auch bewirken, dass die ­Internet-Gemeinschaft an Attraktivität und Offenheit verliert.

Die sogenannte New Economy, ungeachtet dessen, was der Begriff eigentlich bedeutet, wird zweifellos neue Ausrichtungsansätze, neue Organisationsformen und ganz gewiss neue und andere Arten der Kollaboration fordern, um die Schaffung von kollektivem Wissen zu erleichtern. Eine Firma muss eine Strategie ­haben, die sie befähigt, zu lernen und ­innovativ zu sein.

Weil der Erfolg eines Unternehmens in erster Linie vom Faktor Innovation abhängt, muss es innovativer sein als seine Mitbewerber, um in der New Economyzu bestehen. Ebenfalls werden neue ­Orga­nisationsformen notwendig sein, um ­flexible und kommunikative, gleichzeitig aber auch stabile Systeme und Prozessezu ­gewährleisten.

* Peter Otto, Associate Professor for Information ­Systems Management, Union Graduate College, Schenectady, New York (USA); Visiting Professor, Lorange Institute of Business Zurich, Horgen ZH.

 

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