Bei zahlreichen Anlässen wie MBA-Alumni-Treffen, Business-Meetings, Vorträgen und Präsentationen ist das informelle Networking mindestens so wichtig wie das offizielle Programm. Dass die richtigen Kontakte für eine Karriere förderlicher sein können als ein MBA-Titel, kann niemand bestreiten. Zudem werden in vielen Geschäftsbereichen die besten Abschlüsse mit den Bekannten von Bekannten gemacht ­ die (neuen) Kunden greifen oft auf eine gemeinsame Bekanntschaft als Informationsquelle und/oder Referenzpunkt zurück, wenn sie eine Anschaffung tätigen oder über eine Investition entscheiden.

Die Qualität des Networkings steht und fällt aber einerseits mit der Durchmischung der Beteiligten, andererseits erfolgen bei herkömmlichen Treffpunkten viele Kontaktaufnahmen eher zufällig. Alumni-Netzwerke etablierter MBA-Schulen bilden da keine Ausnahme. Systematisch die richtigen Personen zu treffen, kann innerhalb einer Veranstaltung genauso schwierig werden wie ausserhalb.

Vorbild Viren und Bakterien

Abhilfe schafft ­ wie so oft ­ das Internet. Beispiele für Online-Plattformen sind linkedin.com oder refernet.net. Ein gelungener deutschsprachiger virtueller Treffpunkt ist die Open-Business-Club («open-BC»)-Plattform des Hamburger Unternehmers Lars Hinrichs. «Ich bin selber ein Mensch, der in Netzwerken lebt», beschreibt er seine Ausgangsbasis, «zudem waren für mich zwei Erfahrungen für den Aufbau dieser Plattform wichtig: Erstens war ich am Aufbau einer Online-Kontaktbörse beteiligt ­ diese wurde dann an eine grosse US-Firma verkauft ­, zweitens hatte ich das Buch «Tipping Point» von Malcolm Gladwell über die grossen Auswirkungen kleiner Dinge wie den Ausbreitungsmöglichkeiten von Epidemien gelesen.»

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Tatsächlich breiten sich viele Krankheitserreger über persönliche Kontakte aus, Frühstadien von Epidemien lassen sich oft über Begegnungen und Bewegungen von Menschen rekonstruieren. «Kurz ­ ich bin selber ein Netzwerker und glaube, dass je mehr man in ein Netzwerk investiert, desto mehr dabei herauskommt».

Die Plattform openbc.com wurde Anfang November 2003 aufgeschaltet, inzwischen arbeitet sie laut Lars Hinrichs profitabel. Angaben über die Anzahl der Mitglieder werden aus Wettbewerbsgründen nicht gemacht. Ein Drittel der User sind Premium-Mitglieder; diesen Status erreicht man ent-weder mit einem Beitrag von 6 Euro pro Monat oder durch das Anwerben weiterer User. Premium-User haben Zugriff auf wesentlich erweiterte Suchfunktionen.

Mitglieder tragen einerseits ihre persönlichen und beruflichen Profile ein, andererseits geben sie auch an, wen sie im registrierten Netzwerk kennen. User sind am Anfang oft erstaunt, wie schnell sie über zwei oder drei Mittelspersonen mit vielen Personen verbunden sind. Kontaktaufnahmen sind über die üblichen elektronischen Wege ­ das Adressenmanagement mit Outlook ist integriert ­ denkbar einfach, laut Lars Hinrichs sollen demnächst Telefonie und Video-Conferencing hinzukommen.

Aufbrechen der Sprachgrenzen

Laut Lars Hinrichs gehörten anfänglich die Leute aus der New-Economy-Szene zu den Nutzern; jetzt fächert sich der Kreis auf, es sind auch viele Personen aus den Bereichen Marketing und Medien vertreten. Der Frauen-Anteil steigt stetig; Ende August lag er bei 20%. Nutzer wählen sich durchschnittlich 21 Minuten pro Session ein, viele User machen das mehrmals täglich. Durchschnittlich haben die Benutzer achteinhalb Kontakte. Ein angenehmer Nebeneffekt ist die Aktualität der Informationen ­ die Benutzer kümmern sich bei Stellen- oder Ortswechseln selbst um die Updates.

Von den Wirkungen der Networking-Plattform erfährt Lars Hinrichs anekdotisch im Gespräch mit Nutzern. «Mir wurde berichtet, dass nicht nur etliche Stellen besetzt, sondern auch Aufträge vergeben und Firmenverkäufe über Kontakte, die durch die openBC-Plattform zustande gekommen waren, vorgenommen worden sind.» Lebhafter Informationsaustausch findet sich auch in den Foren, sie reichen von Berufsfeldern wie Marketing über bestimmte Herausforderungen wie Existenzgründung bis hin zu Freizeitschwerpunkten wie Wein und Zigarren.

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«Für die Bestimmung des Trade-off für die Benutzer stellt sich immer die Frage, was man erwartet und was man anbieten kann», umreisst Lars Hinrichs den Nutzen seiner Plattform. «Wir beseitigen mit unserer Online-Plattform die Regionalität und die Branchenspezifikation, welche die meisten Business-Clubs haben, sehen uns aber als Erweiterung und nicht als vollständigen Ersatz bisheriger Vernetzungseinrichtungen.»

Mit einer Herausforderung schlagen sich sowohl Offline- als auch Online-Vernetzungseinrichtungen herum: Den Sprachgrenzen. OpenBC hat inzwischen fünf Sprachversionen, weitere sind in Vorbereitung. «Der Grossteil der Kontakte erfolgt immer noch in den eigenen Sprachräumen», bestätigt Lars Hinrichs, «wir stellen aber zunehmend mehr Kontakte über die Sprachgrenzen hinweg fest.» Auch hier heisst der kleinste gemeinsame Nenner: Englisch.

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