Beim Champions-League-Halbfinal der AS Roma gegen den FC Liverpool sass Khaled Bichara mit seinem Sohn im römischen Olympiastadion. Der Orascom-Chef hat es dem Spross versprochen, denn beide sind eingefleischte Fans des italienischen Hauptstadtclubs. Mit Spannung hatten sie bereits einige Wochen vorher verfolgt, wie die Mannschaft das Star-Ensemble von Barcelona im Viertelfinal eliminierte. Für Bichara war es das sportliche Highlight des Jahres.

Der unternehmerische Höhepunkt folgte einige Tage später in Altdorf im ­Kanton Uri. Der Chef des Bau- und Hotel­konzerns Orascom führte vergangenen Dienstag zusammen mit dem ägyptischen Mehrheitsaktionär Samih Sawiris durch die Generalversammlung. Mehr als 200 Personen kamen dafür ins Theater Uri, das gerade einmal fünf Gehminuten vom Orascom-Sitz entfernt ist. Die Stimmung war relativ gelassen, denn der Aktienkurs des Unternehmens hat sich in den letzten Monaten stark entwickelt. Laut Bichara liegt aber noch deutlich mehr drin. «Wir können unseren Wert verdreifachen oder vervierfachen», sagt er. «Aber es braucht Zeit. Ich bin ein gedul­diger Mensch.»

Der Manager mit rötlichem Vollbart spricht schnell und lacht viel. Er gehört zum engsten Kreis der Familie Sawiris. ­Bevor er die Führung von Orascom übernahm, hatte er jahrelang für Naguib Sawiris, den älteren Bruder von Samih Sawiris, gearbeitet. Naguib war ein Förderer der ersten Stunde. Er hievte den an der Universität Kairo und in Stanford ausgebildeten Jungmanager bereits Anfang dreissig in den Verwaltungsrat seiner Telekom-Gruppe und machte ihn Jahre später  zum Chef des milliardenschweren Unternehmens. Wegen seiner Karriere in der Tech-Welt bezeichnete ihn der «Tages- Anzeiger» als die ägyptische Version von Steve Jobs.

«Das schmeichelt mir», sagt Bichara. Die Apple-Legende sei aber nicht sein Vorbild. «Als ich jung war, war Bill Gates mein Idol», so der Mittvierziger. Viel gelernt habe er auch von Jack Welch, dem legendären GE-Chef. «Er hat mein Denken geprägt», sagt der Ägypter über den Amerikaner. Wie er Teams führe und mit Mitarbeitern zusammenarbeite, habe er von Welch gelernt. «Ich bin ein fordernder Mensch, arbeite hart und verlange das auch von meinem Team. Aber ich schätze Durchhaltevermögen und Standhaftigkeit. Das brauchten wir auch in den letzten zwei Jahren, als die Aktie teilweise nur noch 5 Franken kostete.»

Anzeige

Den Tiefpunkt erreichte Bichara kurz vor Weihnachten 2016. Die politische Situation und die unsichere Sicherheitslage in Ägypten führten dazu, dass zahlreiche Touristen das Land mieden. Fluggesellschaften strichen Verbindungen nach Ägypten. Europäische Regierungen verschärften ihre Reisewarnungen. Als Folge bröckelte der Wert von Orascom wie die Nase der Sphinx. Denn die Mehrheit des Umsatzes macht das Unternehmen im Land der Pharaonen. Das Gros der Landreserven ist in Ägypten. Die Marktkapitalisierung der Gruppe lag phasenweise nur noch bei einer Viertelmilliarde Franken.  

Millionen in den Sand gesetzt

Besonders hart traf es das Projekt auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel, wo mit «Taba Heights» das zweitgrösste Resort der Gruppe liegt. Orascom konnte nicht einmal einen Drittel der zur Verfügung stehenden Hotelzimmer vermieten. Zahlreiche Gästehäuser blieben zu, Hunderte Betten über Monate kalt. Das riss ein rie­siges Loch in die ohnehin schon stark ­gebeutelte Kasse. Orascom verkündete wiederholt einen Millionenverlust. Es war ein Negativrekord. 2016 summierte sich das Minus auf 244 Millionen Franken. 

Die Situation auf der Sinai-Halbinsel ist immer noch «sehr schwierig», wie Bichara sagt. Sie habe sich aber verbessert. «Im letzten Jahr haben wir die bislang besten Resultate produziert», sagt er. 2017 realisierte das Resort im Sinai nur noch ein ­Minus von 25 Millionen ägyptischen Pfund (umgerechnet 1,4 Millionen Franken). In diesem Jahr werde Orascom den Break-even schaffen. «Aber solange die ­Situation im Sinai unsicher ist, liegt nicht mehr drin.»

Anders sieht es in El Gouna aus. Die Retortenstadt am Roten Meer ist das grösste Tourismusprojekt der Gruppe. Wo bis vor dreissig Jahren nur Sand war, stehen heute 17 Hotels, zwei 18-Loch-Golfplätze, ein Krankenhaus, eine Universität, diverse Restaurants, private Immobilien und drei Jachthäfen. El Gouna ein Staat im Staat mit Samih Sawiris als Übervater und Khaled Bichara als Statthalter. 30 Prozent der Gäste kommen aus dem Inland, 70 Prozent sind Ausländer. Die meisten ausländischen Touristen stammen aus Deutschland. Ebenfalls hoch im Kurs liegt die Destination bei Schweizern, Belgiern und Italienern. 

El Gouna als Blaupause

Im letzten Jahr lag die Belegungsrate der knapp 2700 Hotelzimmer bei 75 Prozent. «Zurzeit sind es 80 Prozent», sagt ­Bichara. Noch wichtiger als die nackte Zahl ist dem Orascom-Chef aber der Ausbau des Ökosystems der noch jungen ­Badestadt. «G Space» heisst das Projekt, das hoch im Kurs steht. Es handelt sich um einen Coworking-Bereich. G Space soll Unternehmer zusammen mit ihrer Firma in die Stadt locken. Bichara misst dem Vorhaben strategische Bedeutung zu. Es sei der Nukleus der Bemühungen, aus ­einem Badeort eine voll funktionierende Stadt zu machen.

Khaled Bichara

Khaled Bichara: 46 Jahre alt, seit Januar 2016 an der Spitze von Orascom.

Quelle: Paolo Dutto

Was am Roten Meer passiert, ist die Blaupause für Entwicklungsprojekte in anderen Weltregionen. Orascom betreut ähnliche Vorhaben im Oman, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Monte­negro, Grossbritannien und der Schweiz. 

Die Projekte im Oman und in den Vereinigten Arabischen Emiraten sind schon weit fortgeschritten. In den beiden Ländern besitzt das Unternehmen fünf Hotels mit gemeinsam fast 1500 Zimmern. 150 weitere folgen Ende dieses Jahres. Neue Kapazitäten schafft Bichara auch in Montenegro, Grossbritannien und Andermatt. Das erste Fünf-Sterne-Hotel von Orascom an der Adriaküste eröffnet im Sommer. Die Baubewilligung für das erste Gebäude der geplanten Öko-Stadt in Cornwall im Süden von England ist erteilt. Und am Fus­se des Gotthards wird im Herbst das «Radisson Blu» den Betrieb aufnehmen.  

Abschreiber in den Schweizer Bergen

Orascom hält eine Beteiligung von 49 Prozent an der Andermatt Swiss Alps AG. Den Rest hält Samih Sawiris privat. So schützt er Orascom vor einer zu hohen Schuldenlast. Gleichzeitig entlastet er die Erfolgsrechnung. 

Bichara sitzt im Verwaltungsrat des Urner Unternehmens. Die Firma verantwortet den Umbau des Bergdorfs. 900 Millionen sind bereits investiert. Seit fünf Jahren hat das Luxushotel The Chedi seine Türen geöffnet. Die beiden Skigebiete Andermatt und Sedrun sind mit einer modernen Liftanlage verbunden. Eine weitere Zehner-Gondelbahn steht kurz vor der Eröffnung. Mehrere Apartmenthäuser sind errichtet. Der Golfplatz ist zum Abschlag bereit. 

Khaled Bichara

Im Gespräch mit dem «Handelszeitung»-Journalisten Marc Iseli.

Quelle: Paolo Dutto

Trotz all diesen Entwicklungen hat Orascom im letzten Jahr einen millionenschweren Abschreiber auf die Beteiligung getätigt. Anfang Januar 2017 führte die Firma den Anteil mit einem Wert von 57 Millionen Franken in den Büchern. Zwölf Monate später ist das Investment nur noch 40 Millionen Franken wert. Zum Vergleich: Das «Chedi» macht einen Jahresumsatz von über 20 Millionen Franken. Eine Wohnung in der Region kostet schnell mehrere Millionen. Glaubt Orascom nicht mehr an den Erfolg in Andermatt?

Bichara verneint. Die Andermatt Swiss Alps habe das letzte Jahr mit einem Verlust von 30 Millionen Franken abgeschlossen. «Der Abschreiber ist unser Teil am Minus des letzten Jahres», sagt Bichara. Orascom habe keine andere Wahl gehabt. Der internationale Rechnungslegungsstandard IFRS würde das verlangen. «Ich bin der festen Überzeugung, dass unsere Betei­ligung viel wertvoller ist, als wir in den ­Büchern ausweisen.»

Und wann integriert Orascom das Projekt in die Gruppe? Wann kauft Bichara die nötigen 2 Prozent dazu? «Wir sprechen regelmässig mit Samih Sawiris über diese Option», so der Ägypter.

Khaled Bichara

Das akademische Rüstzeug holte sich Bichara an der American Univeristy in Kairo. Der Major: Computerwissenschaften und BWL.

Quelle: Paolo Dutto