Ein halber Kontinent versinkt in Vergessenheit. Wenn Osteuropa in den vergangenen Wochen und Monaten Schlagzeilen produzierte, dann meist negative: Schulden- und Defizitschocks, Nothilfen des IWF und politische Erdrutsche. Während Asien boomt, tritt die ehemalige Boomregion Europas auf der Stelle. Nun ist mit der polnischen Präsidentschaftswahl eines der seltenen positiven Ereignisse eingetreten. Mit dem liberal-konservativen Regierungskandidaten Bronislaw Komorowski hat der Wunschkandidat der Unternehmen und Finanzmärkte die Stichwahl gewonnen. Marktteilnehmer erwarten, dass Polen seine Staatsfinanzen besser in den Griff bekommt. Auch ein baldiger Euro-Beitritt ist wahrscheinlicher geworden.

Verluste in Ungarn und Kroatien

Polen stellt im osteuropäischen Umfeld den Lichtblick dar. Die ungarische Börse hat 6%, die kroatische 9% und die bulgarische 14% an Wert verloren. Die Verluste erinnern an die Einbussen in Südeuropa, und tatsächlich gibt es einen Zusammenhang: Die Peripheriekrise des Euro belastet auch zahlreiche osteuropäische Länder, obschon nicht alle im gleichen Masse.

«Bei Schwellenländern gibt es so etwas wie ein Nachbarschaftsrisiko», sagt David Lubin, Stratege bei der Citigroup in London. Der Ansteckungseffekt läuft über zwei Kanäle. Einer davon ist die Verflechtung der Finanzsektoren, die zwischen benachbarten Staaten häufig besonders ausgeprägt ist.

Griechische Banken haben in Bulgarien einen Marktanteil von 29%, in Rumänien von 16%. Indem griechische Geldhäuser durch die staatliche Finanzmisere in die Bredouille geraten, fahren sie ihre Auslandengagements zurück. Gekappte Kredite führen dazu, dass auch bulgarische oder rumänische Firmen ins Schlingern geraten.

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Damit nicht genug: Durch die Sparprogramme droht sich die Konjunktur im Westen des Kontinents abzukühlen, und das versetzt den Exporteuren der Ost-Länder einen zusätzlichen Dämpfer. Die ökonomische Abhängigkeit der gesamten Region östlich von Oder und Neisse ist extrem hoch. Mit Ausnahme der Ukraine gehen in allen Ländern der Region mehr als 50% der Ausfuhren in die Europäische Union.

Realwirtschaft in Gefahr

«Die eigentliche Ansteckungsgefahr kommt nicht so sehr über den Finanzsektor, sondern über die Realwirtschaft», sagt Lubin. Auf diese Weise ist Bulgarien gleich doppelt von der Griechenland-Misere betroffen: Auch 12% seiner Exporte gehen in das marode Griechenland. Finanz- und Konjunkturkrise verstärken sich gegenseitig und drücken die Schwarzmeer-Ökonomie ins Minus. Doch nicht überall ist die Stimmung so negativ wie in Sofia.

Ein Positivfaktor ist die relativ geringe Staatsverschuldung der meisten Länder im Osten. Die einzige Nation, die das Maastricht-Kriterium von 60% Schuldenquote nicht einhalten kann, ist Ungarn. Die Donaurepublik steht mit rund 80% ihrer Wirtschaftsleistung in der Kreide. An zweiter Stelle kommt Polen mit unter 60%. Selbst das geschundene Bulgarien weist nicht mal 20% Staatsverschuldung auf. Positiv ist auch, dass das Problem des privaten Lebens auf Pump in manchen Ländern nach und nach an Brisanz verliert: In Ungarn werden die Fremdwährungskredite langsam zurückgeführt, die das Land 2008 und 2009 in finanzielle Schwierigkeiten gebracht hatten.