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«Panama Papers» entblössen Promis, Politiker, Kriminelle

Dollar: Die «Panama Papers» legen die geheimen Kontern der Politiker offen. Flickr/CC/401(K) 2012

Die Kanzlei Mossack Fonseca aus Panama hat 2,5 Terabyte Daten «verloren». Daraus wird das grösste Datenleck der Geschichte von Wirtschaftsanwälten. Die Schweizer Spuren in den Akten sind vielfältig.

Veröffentlicht am 03.04.2016

Hunderte Journalisten aus fast 80 Ländern haben Finanzgeschäfte über Briefkastenfirmen auf Panama und in anderen Steueroasen recherchiert. Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und der Sportwelt könnten in Erklärungsnot kommen.

Spitzenpolitiker, Sportstars und Kriminelle sind nach Recherchen der «Süddeutsche Zeitung» und anderer Medien in Geschäfte mit Briefkastenfirmen in mehreren Steueroasen verwickelt. Ein enormes Datenleck habe die Geschäfte von 215'000 Briefkastenfirmen offengelegt, berichtete die Zeitung am Sonntagabend. Schweizer Vermittler sollen besonders aktiv sein.

«Wir wurden gehackt»

Zu den Profiteuren der Offshore-Dienste zählen zwölf Staatsoberhäupter und 128 weitere Politiker, aber auch internationale Finanzinstitute. Die Recherchen der «Panama Papers» basieren auf einem Datenleck bei der panamaischen Anwaltskanzlei «Mossack Fonseca». Deren Chef Ramón Fonseca Mora bestätigte im Fernsehsender TVN: «Wir wurden gehackt. Das ist ein Verbrechen.»

In den Unterlagen tauchen aber auch Namen von Spionen, Drogenhändlern und anderen Kriminellen auf. Zudem hätten zahlreiche Sportstars und Prominente Offshore-Firmen genutzt. Der «Süddeutschen Zeitung» sind nach eigenen Angaben umfassende Daten über Briefkastenfirmen zahlreicher Politiker zugespielt worden. Auch internationale Finanzinstitute - nicht wenige mit Schweizer Bezug - sind beteiligt. Insgesamt gehe es um 11,5 Millionen Dokumente zu 214'000 Briefkastenfirmen, die von der Kanzlei Mossack Fonscea aus Panama gegründet worden seien. Die Daten reichten von den frühen 1970er- Jahren bis ins Frühjahr 2016. 

Die Dokumente würden ein detailliertes Bild darüber abgeben, wie diese Firma «Tag für Tag Sanktionsbrüche und Beihilfe zur Steuerhinterziehung und Geldwäsche in Kauf nimmt». Es gebe Unterlagen über mutmassliche Offshore-Firmen von zwölf aktuellen und früheren Staatschefs sowie Spuren zu Dutzenden weiteren Spitzenpolitikern, ihren Familien, engsten Beratern und Freunden. Zudem fänden sich fast 130 weitere Politiker aus aller Welt unter den Kunden der Kanzlei, darunter viele Minister.

Die Daten belegten, «wie eine globale Industrie, angeführt von grossen Banken, Anwaltskanzleien und Vermögensverwaltern, die Besitztümer von Politikern, Fifa-Funktionären, Betrügern und Drogenschmugglern, aber auch von Milliardären, Prominenten und Sport-Stars in aller Verschwiegenheit verwaltet», schrieb die Zeitung auf einer eigens für die «Panama Papers» genannten Dokumente eingerichteten Webseite. (www.panamapapers.de)

Aktive Schweizer Mittelsmänner

Laut dem Internationalen Konsortium Investigativer Journalisten, das die Recherchen koordinierte, befinden sich über 1200 Schweizer Firmen unter den 14'000 Banken, Anwaltsfirmen und anderen Mittelsmännern, die Briefkastenfirmen aufbauen liessen. Nur aus Hongkong und Grossbritannien stammen noch mehr.

Die Schweizer Vermittler gehören auch zu den aktivsten: Rund 34'000 der rund 215'000 Offshore-Gesellschaften wurden aus der Schweiz initiiert - das entspricht rund 16 Prozent. UBS, Credit Suisse (über eine Tochter) und die HSBC Schweiz zählen zudem zu den Banken, die am häufigsten für ihre Kunden Gesellschaftsmäntel registrieren liessen.

Bestätigungen oder konkrete Stellungnahmen gibt es von den wenigsten Fällen.

«Das wird weltweit Ermittlungen auslösen»

Ramon Fonseca, Mitgründer der betroffenen Kanzlei Mossack Fonseca, wies im Gespräch mit Reuters Verfehlungen von sich. Die Kanzlei setze legale Strukturen auf, die dann beispielsweise Banken und Anwälte nutzten. Seine Kanzlei sei nicht für die späteren Aktivitäten der Briefkastenfirmen verantwortlich, vielmehr Opfer einer «internationalen Kampagne gegen Datenschutz». In einer Stellungnahme gegenüber der britischen Zeitung «Guardian» hiess es zudem, die Informationen seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Die Regierung von Panama signalisierte unterdessen Kooperationsbereitschaft.

«Das wird weltweit Ermittlungen auslösen», sagte der Steuerfahndungsexperte Frank Wehrheim den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Auch in Deutschland würden die Enthüllungen sehr aufmerksam beobachtet. «Da starren jetzt alle Steuerfahnder der Republik drauf. Hier geht es nicht nur um Steuerhinterziehung, sondern auch um Geldwäsche und andere Delikte», so der ehemalige Fahnder. «Dagegen sind die bislang bekannten Steuer-CDs eine Kleinigkeit.» Die australische Steuerbehörde teilte am Montag bereits mit, mehr als 800 vermögende Kunden der Panama-Kanzlei wegen möglicher Steuerflucht ins Visier zu nehmen.

Verschleierung

«Generell gilt: Der Besitz einer solchen Offshore-Firma ist für sich nicht illegal», schreibt die «Süddeutsche». «Aber wer sich in den Panama Papers umsieht, stellt sehr schnell fest, dass es in der überwältigenden Zahl der Fälle vor allem um eines geht: zu verschleiern, wem die Firma in Wahrheit gehört.»

Die Daten belegten, wie die globale Offshore-Industrie im Verbund mit grossen Banken, Anwaltskanzleien und Vermögensverwaltern, in aller Verschwiegenheit die Besitztümer von Politikern, Funktionären, Drogenschmugglern, aber auch von Milliardären, Prominenten oder Sport-Stars verwalte.

Fifa bestätigt

Igor Angelini, Chef der Finanzermittlungseinheit von Europol, erklärt dem Bericht zufolge, dass Briefkastenfirmen auch eine «wichtige Rolle bei Geldwäsche-Aktivitäten im grossen Massstab» spielen. Gleiches gelte für Korruption: Offshore-Firmen würden besonders genutzt, «um die Bestechungsgelder weiterzuleiten».

Die Ethikkommission des Fussball-Weltverbandes Fifa bestätigte bereits am Abend interne Vorermittlungen gegen ihr eigenes Mitglied Juan Pedro Damiani aus Uruguay. «Ja, der Bericht ist richtig. Ich kann bestätigen, dass wir eine Voruntersuchung in die Wege geleitet haben», sagte der Sprecher der ermittelnden Kammer der Ethikkommission, Roman Geiser. Weitere Details nannte er nicht.

«Grösstes Leck der Geschichte»

Der Datensatz wurde der «Süddeutschen Zeitung» von einer anonymen Quelle zugespielt. Das Blatt teilte die Daten mit dem Internationalen Konsortium investigativer Journalisten (ICIJ) und Partnern auf der ganzen Welt.

Weltweit veröffentlichten daraufhin am Sonntagabend zeitgleich viele Medien, darunter zum Beispiel «Le Monde» und Tagesanzeiger.ch/Newsnet die Informationen. Der Enthüller des NSA-Skandals, Edward Snowden, sprach auf Twitter vom «grössten Leck in der Geschichte des Daten-Journalismus».

Panama bleibt nur Kooperation

Nach den Enthüllungen mehrerer Medien über Finanzgeschäfte mit Briefkastenfirmen in Panama hat die Regierung des mittelamerikanischen Landes ihre Kooperation bei der Aufklärung zugesagt.

«Die panamaische Regierung verfolgt eine Null-Toleranz-Politik in allen Bereichen des Rechts- und Finanzwesens, wo nicht mit einem höchsten Mass an Transparenz gearbeitet wird», hiess es in einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung des Präsidialamts.

Beweis dafür sei, dass der OECD-Arbeitskreis für Massnahmen zur Geldwäschebekämpfung (GAFI) Panama kürzlich von der grauen Liste gestrichen hatte. Dort werden Staaten geführt, die beim internationalen Austausch von Finanz- und Steuerinformationen hinterherhinken.

(sda/reuters/ise/chb)

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