Das Anforderungsprofil für den wichtigsten Job im Konzern wirkt reichlich einseitig. Der neue Chef des ältesten Multis der Welt soll männlich, charismatisch, völkerverbindend, grossherzig, modisch anspruchslos, im Rentenalter – und vor allem bibelfest sein, heisst es überall.

Das berühmteste Buch der Welt gilt im Vatikan als die ultimative Managementfibel für die Bewirtschaftung der gläubigen Kundschaft. Der neue Papst muss nur das theologische Einmaleins beherrschen. Ob er auch rechnen kann, interessiert offenbar keinen.

Dabei schneiden die Lenker des Vatikans im Umgang mit dem schnöden Mammon immer wieder miserabel ab. Transparenz und saubere Geldgeschäfte sind hinter den heiligen Mauern meist Fremdwörter. Seit Jahrzehnten jagt ein Finanzskandal den nächsten.

Da hängt schonmal jemand tot unter einer Londoner Brücke. 1982 fand die Polizei dort den italienischen Bankier Roberto Calvi. In seinen Taschen steckte eine riesige Summe Bargeld. Calvi war auch unter dem Namen «Bankier Gottes» bekannt. Seine Mörder fand man nie. Aber für die Ermittler war offenbar schnell klar, dass Calvi für die Mafia Geld gewaschen hatte. Diese dunklen Operationen wickelte er mit Vorliebe über die Vatikanbank ab.

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Der Vatikan erfüllt die Hälfte der 
Antigeldwäsche-Kriterien nicht

Gelernt hat man daraus bis heute wenig. Kaum zehn Monate ist es jetzt her, dass der Chef der Vatikanbank entlassen wurde. Ettore Gotti Tedeschi geriet ins Visier von Korruptionsermitt-lern aus Neapel. Er soll in einen der grössten Bankenskandale Italiens verwickelt sein.

Vergangene Weihnachten sündigte Gottes Bonsai-Staat schon wieder. Die italienische Zentralbank stoppte wegen undurchsichtiger Geldströme kurzerhand alle Kreditkartenzahlungen an den Vatikan. Selbst die Touristen konnten ihre Kunststoff-Kreuze nur noch bar bezahlen. 

Trotz aller Skandale wirkt die Lernkurve der Kirchenoberen bislang relativ flach. Der letzte Papst, Joseph Ratzinger, bewegte sich erst unter massivem internationalem Druck. Vergangenes Jahr engagierte er den Kriminalitäts-Experten René Brülhart. Der Schweizer soll im klerikalen Finanzsumpf aufräumen. Die internationalen Kriterien im Bereich Geldwäsche erfüllt der Vatikan gerade mal zur Hälfte. Immerhin können die Touristen jetzt wieder mit Karte bezahlen. Eine Schweizer Firma sorgt für die korrekte Abwicklung der Zahlungen.

Der neue Chef der Vatikanbank ist gar kein Banker

Brülhart hat einen weiten Weg vor sich. Allein wird er das nicht schaffen. Gegen eine jahrhundertealte Kultur des Schweigens und Vertuschens kann ein einzelner Geldwäschebeauftragter wenig ausrichten. Darum muss sich der neue Papst der Transparenz verpflichten – und von Geld eine Ahnung haben. 

Im Vorfeld der Papstwahl gaben sich ja prompt sehr viele Kardinäle sehr kritisch. Die Verflechtung zwischen Vatikanbank und der Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls wurde angeprangert. So manche forderten die Offenlegung der wahren Bilanzen und das Engagement von weiteren externen Experten. Selbst der Verkauf der Vatikanbank scheint kein Tabu mehr zu sein.

Doch bald dürften die radikalen Vorschläge in Rauch aufgehen. Auch beim neuen Papst zählen nur Handlungen und nicht Worte. Und einen neuen Chef der Vatikanbank dürfte es so schnell nicht geben. Dafür hat Ratzinger noch kurz vor seinem Abgang gesorgt. Er setzte den deutschen Adeligen Ernst Freiherr von Freyberg auf den wichtigen Posten. Der gelernte Anwalt gilt als passionierter Jäger – und hat noch nie in einer Bank gearbeitet. Gesegnete Lösungen sehen anders aus. 

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Immerhin kennt sich Freyberg mit dem Waschen aus. Er organisiert Wallfahrten nach Lourdes. Baden im heiligen Wasser wirkt hoffentlich auch in Geldangelegenheiten Wunder.