Einmal im Jahr öffnet das Schaulager in Münchenstein/Basel seine Tore für ein breiteres Publikum. Normalerweise sind die Räume, wo die Sammlung der Emanuel Hoffmann-Stiftung gelagert wird, nur Fachleuten zugänglich. Das von Herzog & de Meuron im Jahr 2003 fertig gestellte Gebäude ist als Institution konzipiert, die sich in erster Linie mit dem Umgang mit zeitgenössischer Kunst, ihrer Konservierung, Erforschung und Vermittlung befasst.

Die diesjährige Ausstellung bestreiten die Kalifornierin Andrea Zittel (geb. 1965) und die Polin Monika Sosnowska (geb. 1972). Im Schaulager treffen die beiden Positionen erstmals aufeinander: Zittels Projekt in Form einer breit angelegten, narrativen Präsentation und Sosnowskas Skulpturen, welche die Logik des grossen Ausstellungsraumes aufheben. Beide Künstlerinnen reagieren in ihren Arbeiten auf ihre unterschiedlichen Umgebungen, auf Architektur, Wohnraum, Lebensform und Tradition – sei dies in New York und Los Angeles oder sei es im Warschau des 21. Jhs. Die Räume, Skulpturen, Objekte und Zeichnungen versammeln sich im Schaulager zu einem überraschenden Ganzen, das den Betrachter mit unerwarteten Auftritten in seinen Bann zieht.

Experimenteller Projektraum

In New York, wohin Andrea Zittel nach ihrer Ausbildung zog, begründete sie 1991 ihr künstlerisches Unternehmen «AZ», ein Projekt, in dessen Rahmen sie seither alle ihre Werke entwirft, produziert und testet. Mit diesem Projekt hat sich Zittel den experimentellen Raum für eine Parallelwirklichkeit geschaffen, in der die Unterscheidung zwischen Kunst und Realität nicht mehr wichtig ist. Das vielgestaltige Universum, wie sie es seither kreiert, besteht in der Ausstellung aus einer dichten Abfolge von rund hundert möbelartigen Objekten, Raumgebilden und Gegenständen sowie etwa 120 Gouachen, Zeichnungen und Malereien auf Holz. Sämtliche Objekte der vielteiligen Installation erinnern an Zusammenhänge, die mit Wohnformen und -räumen zu tun haben. Die minimalen, formvollendeten Konstruktionen und Gegenstände wirken zumeist neu und modellhaft und scheinen sich dabei doch auf eine bestimmte Person zu beziehen. Andrea Zittels Gouachen und Gemälde sind bilderbuchartige Illustrationen, die in einer Mischung von anonymem Bericht und Tagebuch den Lebensentwurf der Amerikanerin zu dokumentieren scheinen. Nie zuvor wurden sie so umfassend gezeigt. 1972 im Südosten von Polen geboren, gehört Monika Sosnowska bereits einer anderen Generation an. Zunächst studierte sie an der Kunstakademie in Posen und verbrachte dann zwei Jahre an der Rijksakademie für Bildende Kunst in Amsterdam, wo sie auch ihre erste Ausstellung hatte. Ausstellungen sind für Sosnowska ein wichtiges Medium, da sie oft erst die Voraussetzung für die Realisierung eines Werkes bieten. Nach dem Ende ihrer Akademiezeit kehrte die Künstlerin nach Polen zurück. Seither lebt sie in Warschau, wo sich seit Ende der 80er Jahre eine lebendige und weit herum beachtete Kunstszene herausgebildet hat. Wie auch bei ihren Künstlerkollegen prägen die eigene Vergangenheit und die Umbruchsituation der letzten Jahre ihr Schaffen. Eine Gruppe von neun zum Teil monumentalen Skulpturen nimmt den offenen Raum im Untergeschoss des Schaulagers in Beschlag. Die Werke fügen sich zu einer weiträumigen Installation zusammen und wurden für die Schau entweder neu geschaffen oder in vollkommen neuer Form eingerichtet. In Gestalt und Materialien erinnern sie an Teile von verfallenden oder noch unfertigen Gebäuden und wirken, als ob eine Baustelle der Ausgangspunkt ihrer Entstehung wäre. Allerdings haben sich die Objekte auf ihrem Weg von der Baustelle in den Ausstellungsraum verselbständigt und zu Subjekten transformiert, die zum Teil fantastische Gestalt annehmen.

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Kunst im Grenzbereich

Sowohl Zittels scheinbar zur Benutzung geplante Raum-, Möbel- und Gegenstandsentwürfe wie auch Sosnowskas fiktionale Raumgebilde sind in lebensechtem Massstab konstruiert. Das 1:1 im Ausstellungstitel «Andrea Zittel, Monika Sosnowska. 1:1» nimmt zunächst wörtlich auf die auffällige reale Massstäblichkeit Bezug. Hervorgehoben wird dadurch aber auch, dass sich das künstlerische Schaffen der beiden, so unterschiedlich es auch ist, in einem Grenzbereich zwischen Kunst und Wirklichkeit abspielt. Wenn auch unter jeweils anderen Vorzeichen, testen beide in ihrem Schaffen immer wieder das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit aus. Und beide zeigen ein Interesse an der Moderne mit ihren sozialen Utopien und konkreten Versuchen, Leben und Kunst zusammenzuführen. Dass dabei die Grenzen zwischen unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen im Leben wie in der Kunst verwischt werden, ist bei beiden Künstlerinnen ein prägendes Merkmal.