Besser als mit der 7 mal 17 Meter grossen Installation «Continuel Mobile» aus dem Jahr 1963 des argentinischen Künstlers Julio Le Parc, die für das Haus Konstruktiv etwas verkleinert werden musste, könnte nicht aufgezeigt werden, dass die Sammlung lateinamerikanischer Kunst von Ella Fontanals-Cisneros international zu den bedeutendsten und facettenreichsten gehört: Mehr als 1000 an Nylondraht befestigte, bewegliche Stahlplättchen verleihen dem Eingangsraum des Museums Haus Konstruktiv in Zürich als Auftakt zu seinem Jubiläumsjahr eine wahrlich festliche Aura. Mit der Ausstellung «Gebaute Vision - Abstrakte und konkrete Kunst aus Lateinamerika» sollen Parallelen, Unterschiede und gegenseitige Beeinflussung von nonfigurativer Kunst aus Lateinamerika und konkreter Kunst Schweizer Prägung aufgezeigt werden. Damit wird auch Max Bill, der 1951 in São Paulo eine kunsthistorisch bahnbrechende Ausstellung realisierte, Tribut gezollt.

«In Venezuela, Brasilien oder Argentinien, um nur einige in der Ausstellung vertretene Länder zu nennen, haben sich seit den 1930er-Jahren ganz besondere und doch hochattraktive Spielformen abstrakter und konkreter Kunst entwickelt; und diese wirken bis heute weiter», so die Hausherrin und Direktorin Dorothea Strauss, die zusammen mit Juan Ledezma, Kurator der Fontanals-Sammlung, die Ausstellung kuratierte.

Mit einer Auswahl von rund 200 zentralen Werken stellt das Haus Konstruktiv die wichtigsten lateinamerikanischen Entwicklungslinien innerhalb der abstrakt-geometrischen Kunst vor. Durch die Kombination von Malerei, filigranen Plastiken, Installationen und Fotografien erhält der Betrachter einen imposanten Überblick über eine Entwicklung, die sich seit Ende der 1930er-Jahre vor dem Hintergrund grossen wirtschaftlichen Wachstums und urbaner Modernisierung abspielte. Die ernste, aber gleichzeitig spielerische Kreativität der vertretenen bildenden Künstler und Künstlerinnen lässt sich durchaus vergleichen mit jener der südamerikanischen Literaten.

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Besonders erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang die grazilen Gitterkonstruktionen der in Deutschland geborenen Gertrud Goldschmidt (1912-1994), besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Gego. Auch die Installation «Tteia» der brasilianischen Künstlerin Lygia Pape (1927-2004), eine dreidimensionale lineare Konstruktion aus goldenen, im Licht schimmernden Fäden ist als konstruktivistisches Element von einer einmaligen Schönheit und Klarheit.

Neuentdeckungen der Sammlerin

Die Kunstkollektion wird von der engagierten und eigenwilligen Sammlerin Ella Fontanals-Cisneros immer noch ergänzt. So kaufte sie vor einigen Jahren die karierten Hefte voller serieller Muster von Antonio Asis (1932), die dieser Ende der 50er- Jahren schuf, gleich vollumfänglich an und rettete sie womöglich vor dem Vergessen.

Alle gezeigten Kunstwerke haben ihren eigenen kunsthistorischen Platz in einer Welt, die in Südamerika in den 1940er- und 1950er-Jahren - wie es damals schien, hin zu einer rosigen Zukunft - im Umbruch war. Die auch in der Sammlung vertretene abstrakte Fotografie veranschaulicht diese Entwicklung auf beeindruckende Weise, ob es sich nun um Bilder des neuen Campus der Zentralen Universität von Venezuela in Caracas (1949) handelt oder um den Baubeginn der Planhauptstadt Brasília (1957). Erst auf den zweiten Blick zeigt sich, wie weitsichtig das Konzept der Sammlung ist, und gleichzeitig, welch weites Feld die abstrakt-geometrische Kunst zu Recht für sich beanspruchen darf. Dorothea Strauss formuliert es so: «In Lateinamerika entdecken wir ein Paralleluniversum zur europäischen Kunstgeschichte, doch mit einem grösseren Grad an Freiheit. Das ist sehr erhellend und macht grossen Spass».