Es ist Balsam auf die französischen Wunden: Ein Franzose ist mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet worden. Die arg gebeutelte Regierung in Paris sieht dadurch den Gegenbeweis erbracht, dass in Frankreich angeblich nichts funktioniert.

«Welch ein Nasedrehen für das French Bashing», jubilierte Premierminister Manuel Valls am Montag via Twitter. Die «Qualität der Forschung» in Frankreich strich seinerseits Präsident François Hollande heraus. So brüsteten sich die regierenden Sozialisten mehr mit dem Nobelpreis als der Ausgezeichnete selbst.

Frohe Botschaft zunächst verpasst

Der zum Nobelpreisträger gekürte Jean Tirole hatte die ersten Anrufe, bei denen ihm die frohe Botschaft seiner Auszeichnung überbracht werden sollte, zunächst schlicht verpasst. «Mein Telefon stand auf Vibrieren», gestand der 61-Jährige offenherzig, bevor er hervorhob, dass er seine wegweisenden Arbeiten zur Regulierung von Märkten nicht allein geschaffen haben: «Das war Teamarbeit.»

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In der sozialistischen Regierung und auch zwischen den Sozialpartnern in Frankreich läuft die Teamarbeit angesichts der notwendigen Reformen in dem Land hingegen alles andere als rund.

Nachdem der linksgerichtete Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg wegen Querschüssen gegen Hollandes Linie gefeuert worden war, musste erst am Wochenende sein liberaler Nachfolger Emmanuel Macron aus demselben Grund zurechtgewiesen werden.

«Frankreich ist krank»

Das schwächelnde Wachstum und die fast unaufhaltsam steigende Arbeitslosen-Kurve hatten Macron schon kurz nach Amtsantritt im September zu der Feststellung gebracht: «Frankreich ist krank.»

Auch international und in Europa sehen viele Partner oder Experten das so. Doch die Regierung in Paris reagiert äusserst empfindlich, wenn sie von aussen auf Reformstau oder andere Defizite hingewiesen wird. Seit Monaten schon beklagt Valls das seiner Meinung nach ungerechtfertigte «French Bashing», also das Einschlagen auf Frankreich wegen Wirtschafts- und Reformproblemen.

Herbe Attacken

Tatsächlich hatte es nicht nur aus Deutschland, sondern vor allem aus der angelsächsischen Welt einige herbe Attacken gegeben, die jenseits der Schmerzgrenze lagen.

Zuletzt hatte der Chef der britischen Handelskette John Lewis für helle Empörung gesorgt, der Investoren zum sofortigen Rückzug aus Frankreich aufrief: «Nichts funktioniert (in Frankreich) und, noch schlimmer, das regt niemanden auf», sagte Andy Street vor Unternehmern in London. Frankreich sei «ein Land im Niedergang», «am Ende».

Valls auf Werbetour

Wenige Tage später war Valls in London und versuchte, alle Bedenken der britischen Wirtschaft beiseite zu wischen: «Meine Regierung ist pro-business», versicherte er auf Englisch, nachdem er in Deutschland schon «Ich mag die Unternehmen» auf Deutsch verkündet hatte.

Auch mit Witz und Ironie ging er gegen die «Klischees» von seinem Land auf der anderen Seite des Ärmelkanals an: «Ein französischer Premierminister in der City, das ist ein Ereignis. Ein französischer sozialistischer Premierminister in der City, das ist eine Revolution.»

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Langsame Umsetzung der Reformen

Die Sozialisten und Präsident Hollande selbst hatten freilich anfangs alles dafür getan, um solche «Klischees» entstehen zu lassen. Der Staatschef hatte die Finanzwelt im Wahlkampf 2012 zu seinem «Feind» erklärt, dazu kam die später gekippte Reichensteuer von 75 Prozent.

Übrig geblieben ist nun die Dauer-Wirtschaftsmisere und der Vorwurf von mancher Seite, Frankreich sei ein reformunfähiger Krisenfall. Dass es auch Valls und seinem Wirtschaftsminister bei den Reformen oft zu langsam geht, ist dabei hinlänglich bekannt. Der linke Flügel der Sozialisten aber kämpft gegen «Sozialabbau» und «Spardiktat» an.

Wirtschaftsnobelpreis kam den Sozialisten wie gerufen

Angesichts der verheerenden Wirtschaftsdaten und ihrer eigenen, desaströsen Umfragewerte haben Hollande und sein Premier daher seit Monaten kaum Erfolge zu vermelden. Da kam der Wirtschaftsnobelpreis den Sozialisten wie gerufen.

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Möglicherweise könnte sich die Regierung aber zu früh gefreut haben: Der frisch gebackene Nobelpreisträger Tirole forderte am Montag umgehend eine Reform des französischen Arbeitsmarkts - der sei "ziemlich katastrophal".

(sda/dbe)