Nach seiner Lieblingsuhr gefragt, muss der gebürtige Deutsche keine Sekunde überlegen: Es ist das Blu Majesty Orbiting Tourbillon MT3 ? im vergangenen Dezember an der Schmuck- und Uhrenmesse in Kuala Lumpur unter über 100 Uhren der Haute Horlogerie mit dem Hauptpreis Malaysia Most Revered Watch 2007 ausgezeichnet. Dort liegt sie nun in der ersten und einzigen Boutique von Blu, welche das Ehepaar Lederer kurz vor dieser Auszeichnung eröffnet hatte.

Ein total verrücktes Tourbillon

Das revolutionäre Uhrwerk der MT3 ist ein kompliziertes System aus nicht weniger als drei Tourbillons ? eine Anordnung, wie sie die Welt noch nie gesehen hat. Im Vordergrund liegt ein halbfliegendes Minutentourbillon, dessen Anfertigung auch heute noch als die schwierigste aller Disziplinen gilt. Dieses Wunderwerk befindet sich in einem fliegend gelagerten Stundentourbillon, das sich pro Stunde einmal um die eigene Achse dreht und durch seine Form, die einem Zeiger gleicht, die Minuten anzeigt. Das Stundentourbillon selbst dreht sich zusätzlich in zwölf Stunden einmal mit dem grossen fliegenden Tourbillon um die Zifferblattebene. Mit einem am grossen Tourbillon befestigten Pfeiler werden die Stunden angezeigt. Die benötigte Kraft, um diesen komplexen Mechanismus in Bewegung zu halten, kommt aus zwei in Serie geschalteten Federhäusern, die direkt unter der Hauptplatine angeordnet sind. Schön sichtbar ist die sehr grosse Unruh von nahezu 13 mm Durchmesser.

Das Werk debütierte auf der «BaselWorld» 2007 nach einer Entwicklungszeit von zwei Jahren. Die meisten Komponenten des Handaufzugwerks werden in-house hergestellt. Die Dekorationen werden nicht nachträglich angebracht, sondern entstehen bei der Fräsarbeit, was ein absolut sorgfältiges Hantieren voraussetzt. Die fertig in Platin oder Roségold eingeschalte und mehrfach auf Ganggenauigkeit und Alltagserschütterung kontrollierte Uhr kann auf der diesjährigen «BaselWorld» in der Halle 2.0/Stand A80 bestaunt werden.

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Die Basler Messe und ihre Folgen

«Normale Uhren haben mich nie gereizt», gesteht Bernhard Lederer. In seiner Lehrzeit als Restaurateur konnte er sich in die Gedankengänge grosser Meister hineinarbeiten und daraus seine eigenen Schlüsse ziehen. Nach abgeschlossener Ausbildung machte sich Lederer mitten in der Quarzkrise in der Nähe von Frankfurt selbstständig, restaurierte und rekonstruierte vor allem Gross- und Vintage-Uhren. 1985 trat er der neu gegründeten AHCI, Académie Horlogère des Créateurs Indépendants, bei.

Seine grosse Zukunft findet der Meister in der Schweiz, nachdem er sich 1999 auf der Basler Messe in eine nach Neuenburg ausgewanderte Polin verliebt. Nach Umzug und Heirat verwirklichen Ewa und Bernhard Lederer gemeinsam des Meisters Vorstellung von unkonventionellen Zeitmessern: «Für mich liegt der Reiz, was Art und Form anbelangt, im noch nie Dagewesenen.» Das sehen Uhrenliebhaberinnen und -liebhaber sowie Sammler offensichtlich ebenso. Seine 2002 in Basel präsentierte erste Kollektion mit fünf aussergewöhnlichen Modellen wurde auf Anhieb geordert, doch mehr als ein paar hundert Uhren möchte er im Jahr nicht herstellen.

Beim Besuch ihrer Ateliers in Colombier, die Lederer im Haus eines früheren Zifferblattherstellers mit selbst gezimmerten, ergonomischen Werktischen einrichtete, spürt man ihre Leidenschaft auf Schritt und Tritt. Dass sich ihre Passion auf das mittlerweile zehnköpfige multinationale und multitaskingfähige Team (darunter sieben Uhrmacher) ebenfalls überträgt, dafür sorgt Ewa Lederer neben ihren Kommunikations-, Marketing- und Managingaufgaben jeden Tag aufs Neue.

 

 


Louis Moinet:

Héritage fascinant

Greubel Forsey:

Inventeurs Horlogers

Direkt im alten Dorfkern des beschaulichen Neuenburger Vororts St-Blaise kommt die 1806 vom Pariser Louis Moinet (1768?1853) gegründete Uhrenmarke seit 2004 zu neuen Ehren. Ihre Besitzer, das Ehepaar Schaller Bartolucci, haben diese Erbschaft mit dem nötigen Respekt und Verständnis angetreten, nachdem beide unabhängig voneinander eine berufliche Karriere in der Schweizer Uhrenbranche absolviert hatten. Micaela Bartolucci von 1988?2002 im Bereich Marketing und Kommunikation bei Bertolucci Genf (das e macht den Unterschied, die beiden Familien sind nicht verwandt) und als Produktmanagerin bei Ebel in La Chaux-de-Fonds. Schaller ein paar Jährchen länger, zuerst bei Siber Hegner als Projektleiter des damaligen Uhrendepartements. Dann lancierte er weltweit Daniel Roths Meisterwerke von Le Sentier aus. Anschliessend gelang ihm für einen privaten Investor die erfolgreiche Reanimation der vergessenen Uhrenmarke Perrelet und schliesslich die weltweite Lancierung der Uhrenmarke Lacoste für den Private-Label-Hersteller Roventa.

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Doch nichts fasziniert Schaller in der Uhrenbranche mehr als die alten Meister; in Antiquariaten geistig auf ihren Spuren zu wandeln und die Uhrenmuseen nach antiken Uhren abzuklopfen, ist seine Passion.

In seiner Selbstständigkeit das Erbe eines vergessenen alten Meisters anzutreten und neu ans Licht zu bringen, war deshalb für ihn nur nahe liegend. Doch er brauchte Monate, um auf Auktionen zwei Uhren gez. Louis Moinet erwerben zu können und in Paris in einer Bibliografie auf Moinets Geschichte und dessen Werk «Traité d?Horlogerie» zu stossen. Seine Vermutung, einen grossen Uhrmachermeister entdeckt zu haben, wurde bestätigt. Aber weit mehr noch: Moinet war ein ebenso grosser und berühmter Kunstmaler, wurde Kunstprofessor am Louvre zu Paris, später auch Präsident der Pariser Chronometrie.

Ausgerüstet mit diesem Know-how, wurde die Zielrichtung für Schaller Bartolucci klar: Louis-Moinet-Uhren müssen anders und einzigartig sein, beste Uhrmacherkunst mit klassischer Ästhetik verbinden und eine Exklusivität bieten.

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Im vierten Jahr seines freien Schaffens mit zahlreichen unabhängigen Spezialisten und Kleinunternehmen im Jurabogen kann das Paar Schaller Bartolucci die wieder belebte Marke bereits in acht limitierten und nummerierten Linien (je nach Modell zwischen 25 und 60 Stück) in jeweils drei bis vier Material- und Farbvarianten in Tonneauform und runder Form inklusive einiger personalisierter Einzelstücke vorweisen. Innerhalb von fünf Jahren dürften es kaum mehr als 1500 Zeitmesser werden.

Für die Uhrwerke kann Schaller vielfach auf Vintage-Werke zurückgreifen, die er über Jahre im Jura zusammenkaufte. In den Twintech-Modellen (3 x 60 Stück) tickt bereits ein Manufaktur-Uhrwerk mit Handaufzug, das nach Skizzen von Moinet von 1848 mit einer 5-Tage-Gangreserve gefertigt ist. Auf der «BaselWorld» 2008 in Halle 1.1/Stand E06 wird Louis Moinet mit weiteren Neuheiten überraschen, darunter auch einem Modell mit retrograder Sekunde in einem neuen Gehäuse aus 19 Komponenten, einer Pièce unique mit vier grossen Komplikationen und mit einem Tourbillon ? schliesslich arbeitete Louis Moinet von 1811?1823 mit dem Erfinder Abraham Louis Breguet zusammen.

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Da kamen zwei Uhrmacher ? einer aus dem Elsass, der andere aus England ? in die Schweiz und lernen sich 1992 beim Werkhersteller Renaud & Papi (Audemars Piguet) kennen: Der Elsässer Robert Greubel als Co-Generaldirektor und Teilhaber, der Engländer Stephen Forsey als Konstrukteur für Komplikationsmechanismen. In ihrer Freizeit ergründen sie die grossen Komplikationen früher mechanischer Zeitepochen und beginnen an ihrer eigenen Konzeptstrategie zu arbeiten. Vom Wunsch der Selbstständigkeit getrieben, gründen sie 2000 die CompliTime SA in La Chaux-de-Fonds, die sich der Entwicklung von Uhrwerken mit Komplikationen verschreibt. Da ihre geschäftliche Partnerschaft funktioniert, setzen sie neben den Fremdaufträgen fürs tägliche Brot ihre eigene Forschungs- und Entwicklungsarbeit fort, dies mit dem festen Willen, in der mechanischen Uhrmacherei echte Innovationen zu schaffen.

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Auf Breguets Spuren

Einquartiert in der «Alten Manege» unweit vom Bahnhof, passt ihre Uhrmacher-Handwerkskunst ideal ins geschichtsträchtige, unter Denkmalschutz stehende Bauwerk. Hier wundern sich Greubel und Forsey, weshalb sich niemand die Mühe nimmt, das Ur-Tourbillon von Abraham Breguet, das in senkrecht getragenen Taschenuhren für eine bessere Ganggenauigkeit sorgte, zu hinterfragen und für Armbanduhren neu zu erfinden. Deshalb beginnen die beiden Ausnahmetalente mit dem nötigen Respekt vor dessen Erfinder eine Tourbillon-Neukonstruktion zu entwickeln.

2004 ist es so weit: Sie gründen ihre eigene Marke Greubel Forsey und eine gleichnamige Aktiengesellschaft und präsentieren auf der Basler Messe ihr Double Tourbillon 30°, benannt nach dem Winkel, in dem die beiden Drehkäfige zueinander stehen.

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Inzwischen ist die Erfindung in Gold und Platin kommerzialisiert; auch eine diskret geschlossene Variante wurde als Double Tourbillon 30° Secret lanciert. Im vergangenen Jahr kam das Tourbillon 24 Sec Incliné dazu ? ein um 25° geneigter Tourbillonkäfig mit einer Umdrehung von 24 Sekunden. Eingeschalt in einem Weissgoldgehäuse mit seitlich visuellem Zugang, wurde dieses Tourbillonmodell im November 2007 mit dem Spezialpreis der Jury als Uhr des Jahres von «Montres Passion» ausgezeichnet.

Noch einen Schritt weiter geht das exzentrisch angeordnete Double Tourbillon 30° mit sektorieller Stunden- und Minutenanzeige, genannt Invention Pièce 1. Es ist eine Hommage an die erste Erfindung von Greubel Forsey und zugleich eine Horizonterweiterung. Nur gerade drei Serien zu je elf Stück (1+1 für Greubel+Forsey) werden angefertigt.

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Fühlen sich wohl in der Nische

Eine weitere Variante für höchste Ganggenauigkeit ist seit 2005 in Entwicklung: Das Quadruple Tourbillon à Différentiel Sphérique. Die Erfindung besteht darin, vier Turbillonkäfige in einem System mit zwei solidarischen Regulierungsorganen zu verwirklichen. Die Geduld all jener, die diese Entwicklung interessiert verfolgen, dürfte auf der «BaselWorld» 2008 (Halle 5.1. E03) belohnt werden.

Inzwischen sind Greubel Forsey und CompliTime auf 37 Fachkräfte und damit ein junges Team gewachsen. Ziel ist es, im Jahr gegen 150 Uhren zu bauen.