Die Telefone in den Büros von Manpower laufen heiss. Die Stellenvermittler suchen rund um die Uhr nach Personal für Jobs im Gesundheitswesen. «Spitäler, Pflegeheime und Medtechbetriebe bergen grosses Wachstumspotenzial», sagt Manpower-Chef Urs Schüpbach. Auch in der Informatik, der Finanzbranche und im Tourismus ist die Nachfrage gross. Für das Wachstum will der 53-Jährige darum bis Ende Jahr 80 neue Personalberater einstellen, 30 davon hat er bereits engagiert. Mit 300 internen Mitarbeitern entspricht das einem Plus von über einem Viertel. Dazu kommen neue Filialen in Buchs SG (bereits eröffnet) sowie in Bulle FR, Frauenfeld TG, Pruntrut JU und eine zusätzliche in Zürich, die demnächst eröffnet werden.

Schüpbach plant dieses Jahr mit Wachstumsraten im zweistelligen Prozentbereich. Schon 2010 konnte Manpower auf das zweitbeste Ergebnis seit Bestehen in der Schweiz zurückblicken - und das sind inzwischen 50 Jahre. Konkrete Angaben macht Manpower Schweiz zwar nicht. Nur so viel verrät Schüpbach: «Wir haben über dem Branchenwachstum abgeschnitten.»

Wie ein Sägeblatt

Neuste Zahlen zeigen, dass nicht nur Manpower, sondern die ganze Schweizer Temporärbranche boomt. 18 Prozent ist sie 2010 gewachsen, wie repräsentative Zahlen des Temporär-Treuhandbüros Realisator zeigen. Viel dazu beigetragen hat die wieder erstarkte Konjunktur. Unternehmen, die ihre Produktion hochfahren müssen, brauchen Personal. Wegen der immer noch unsicheren Aussichten setzten sie dabei auf Temporärmitarbeiter. «Davon haben wir profitiert», sagt der ehemalige Schindler-Manager Schüpbach. Er hat den Posten bei Manpower nach einem jährigen Führungsvakuum übernommen. Claude Mumenthaler, Sohn der verstorbenen, legendären Firmengründerin Maria Mumenthaler, hatte nach weniger als einem Jahr den Sessel geräumt.

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Doch nicht nur die Konjunktur stützt den Temporärmarkt. Vor allem die Strukturveränderung in der Wirtschaft hilft den Zeitarbeitsfirmen. «Die Wirtschaftszyklen werden künftig aussehen wie ein Sägeblatt», sagt Schüpbach. Auf und Ab würden sich schneller abwechseln und höher und tiefer sein. «Das heizt die Temporärbranche an.»

Zeitarbeit macht inzwischen rund zwei Prozent der gesamten Arbeitsleistung der Schweiz aus. In europäischen Ländern wie Grossbritannien, die bereits tiefere Krisen mit höheren Arbeitslosenraten kennen, liegt der Wert rund doppelt so hoch (siehe Grafik). In diese Richtung wird es auch in der Schweiz gehen, darin sind sich Branchenbeobachter einig. Trotz der Krise von 2008 und 2009 ist die Branche seit der Liberalisierung von vor sechs Jahren bereinigt jährlich um 7 Prozent gewachsen. Seit 2001 hat sich damit der Anteil der Temporärarbeit verdoppelt.

Mit der Einführung der Personenfreizügigkeit dürfen die Stellenverleiher nun auch Grenzgänger und Ausländer mit einer Bewilligung über 90 Tage als Temporärarbeiter vermitteln. Die Anzahl hat seither von 175 000 auf bis über 275 000 um fast 60 Prozent zugenommen.

Die Gewerkschaften sind ob derlei Zahlen alarmiert. «2010 ging ein Drittel des Jobwachstums zugunsten von Temporären, obwohl der Anteil an der Gesamtbeschäftigung nur zwei Prozent beträgt - das ist besorgniserregend», sagt Daniel Lampart, Sekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Für die Betroffenen sei die befristete Anstellung mit grosser Unsicherheit verbunden. «Die meisten wünschen sich eine Dauerstelle.» Diese werden laut dem Gewerkschafter durch den Boom bei den Temporären verdrängt. Zum Beispiel in der Industrie: «Meinen Berechnungen zufolge sind 4000 Dauerstellen auf Kosten von Temporärstellen verschwunden», sagt er. Das sei ein empfindlicher Verlust. Lampart will deshalb die Liberalisierung rückgängig machen. «Die Verleihung von Grenzgängern und Kurzaufenthaltern soll verboten werden», sagt er. Dies zumindest, solange die Branche keinen für alle Temporärfirmen verbindlichen Gesamtarbeitsvertrag habe. Verhandlungen über ein solches Regelwerk laufen zwar seit Jahren, bisher aber haben sie kein konkretes Ergebnis gebracht (siehe Kasten).

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Die Jobvermittler wollen von Einschränkungen nichts wissen. «Sie verstossen gegen den Grundsatz des liberalen Arbeitsmarktes, der etwa für die relativ tiefen Arbeitslosenraten in der Schweiz massgebend ist», sagt Myra Fischer-Rosinger, Vizedirektorin des Stellenvermittler-Verbandes Swissstaffing. Auch von der «Verdrängungs-These» hält sie nichts. «Die Arbeitslosigkeit ist in der Industrie gesunken.» Das sei ein Fakt gegen die These.

Einsatzbetriebe diktieren die Preise

Manpower-Chef Schüpbach schliesst zwar nicht aus, dass in der Industrie Fixstellen zugunsten von temporären verschwunden sind. Er findet aber, dass ohne Temporäre viele Unternehmer zusätzliche Fixstellen hätten abbauen müssen. Denn rasche Kostensenkungen wären ohne den Abbau von Temporäreinsätzen nicht möglich gewesen. «So gesehen sorgt die Arbeitszeitbranche für Stabilität.»

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Schüpbach will dennoch nicht nur auf den Temporärbereich zählen. Den Feststellenbereich, der erst 10 Prozent des Umsatzes ausmacht, will der studierte Betriebswirtschafter in den nächsten vier Jahren verdoppeln. Deshalb trennt er das Geschäft und führt reine Feststellen-Filialen ein. Zwanzig neue Berater werden für diesen Bereich angeheuert. «Die beiden Geschäfte funktionieren komplett anders.» Für die Feststellenvermittlung brauche es mehr Know-how und andere Abläufe, begründet er.

Der Schweiz gehen die Handwerker aus

Laut Schüpbach sind Fixstellen ein Bedürfnis des Grossteils seiner 5000 Kunden. Am Markt sind gut qualifizierte Berufsleute gesucht, das bestätigten auch die Manpower-Konkurrenz. Klar ist aber auch, dass Festvermittlungen mit Margen von über 20 Prozent mehr einbringen als das Temporärgeschäft, in dem die Margen in den Krisenjahren unter Druck stehen. Roland Heer, Geschäftsführer der auf Stellenvermittler spezialisierten Treuhandfirma Realisator, sagt: «Im Temporärgeschäft diktieren die Einsatzfirmen den Preis.»

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Manpower-Chef Schüpbach bestätigt den harten Preiskampf, begründet diesen aber mit der Heterogenität des Marktes. Neben den drei Branchenleadern Adecco, Randstad und Manpower mit einem Drittel Marktanteil kämpfen über 2700 Unternehmen um die Verleihung von 240 000 Temporärarbeitenden. Manpower gehöre nicht zu den Preisbrechern, beteuert Schüpbach. «Wir verlieren sogar Mandate, weil wir manchmal zu teuer sind.»

Doch die Konkurrenz schläft nicht. Auch Adecco, Randstad und Kelly Services sind daran, den Fixstellenbereich zu stärken. Sie wollen im Temporärgeschäft ebenfalls von der anziehenden Konjunktur profitieren. Randstad hat seine 400 Personalberater mit 20 neuen Vermittlern ergänzt. Auch der Grossteil der vielen kleinen Anbieter baut aus. Treuhänder Heer weiss: «Personalberater sind extrem gesucht.» Entsprechend schwierig ist es, gute Leute zu rekrutieren.

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Mühe haben die Stellenvermittler nicht nur bei der Rekrutierung interner Stellen. Auch beim Einsatzpersonal mangelt es an gut qualifizierte Berufsleuten. «Uns gehen die guten Handwerker aus», sagt Schüpbach. Er warnt: Werden diese Berufe nicht attraktiver, arbeiten wie schon heute im Gastgewerbe künftig auch bei Malern und Gipsern vor allem Ausländer. Sein Rezept gegen den Mangel: «Löhne, Image sowie Aus- und Weiterbildung verbessern. Das sind Investitionen in eine Vielzahl von künftigen KMU-Chefs.»