Einen vollen Teuerungsausgleich von 2,5% und Reallohnerhöhungen von 1,5 bis 2,5%: So lauten die Standardforderungen der Gewerkschaften in der aktuellen Lohnrunde. Einzelne Arbeitnehmerverbände verlangen noch mehr – brisanterweise ausgerechnet auch in jenem Sektor, der von der Finanzkrise am direktesten betroffen ist. So wünscht der Schweizerische Bankpersonalverband (SBPV) für die Bankangestellten eine Aufbesserung des Reallohns um 4,5%. Zur Frage der Erfolgsaussichten will sich SBPV-Zentralsekretärin Mary-France Goy nicht äussern. Und sie lässt auch offen, ob der Personalverband vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklung seine ursprünglichen Forderungen heruntergeschraubt hat.

Kaum Kompromissbereitschaft

Ähnlich verhalten klingt es bei Peter Moor vom Schweizerischen Eisenbahn- und Verkehrspersonal-Verband SEV. Zwischen den Zeilen lässt Moor aber durchblicken, dass der SEV vorderhand zu keinem Kompromiss bereit ist. Hier wie in den meisten Branchen bleibt es also bei den im August und September bekannt gegebenen Forderungen.

Giorgio Pardini, Vizepräsident der Gewerkschaft Kommunikation (Syndicom), sieht ob des Debakels auf den Finanzmärkten keinen Grund für Zugeständnisse – umso mehr als sich die Lohnforderungen rückwirkend auf das bei den meisten Unternehmen gute Geschäftsergebnis 2008 bezögen. Auch bestehe in der Telco-Branche keine Gefahr eines Beschäftigungsrückgangs. «Die Firmen investieren weiterhin kräftig in die Konvergenztechnologie und den Ausbau der Glasfasernetze», sagt er.

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Arno Kerst, Vizepräsident der Gewerkschaft Syna, erwähnt die in den letzten vier Jahren stark gestiegene Arbeitsproduktivität und die höheren Umsätze und Gewinne, denen die Löhne bisher nachgehinkt seien. «Folglich besteht Nachholbedarf, was sogar die Ökonomen der Grossbanken bestätigen», argumentiert er. Schlimm wären nun schlechte Lohnabschlüsse, die nicht einmal die Jahresteuerung ausgleichen würden. Dies würde die Stimmung massiv verschlechtern und den Konsum einbrechen lassen. «Nur mit guten Lohnabschlüssen kann die Wirtschaft vor einer Rezession bewahrt werden», so Kerst. Eine Schwächung der Lohnempfänger führe in eine Abwärtsspirale, die es in der momentanen Situation unbedingt zu vermeiden gelte.

«Der private Konsum ist derzeit die zentrale Stütze der Konjunktur», betont auch Danièle Lenzin, die Ko-Präsidentin der Comedia. Umso wichtiger sei es nun, angesichts der drohenden Rezession die Kaufkraft der Lohnabhängigen zu stärken.

Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, beurteilt die Situation ganz anders: «Lohnerhöhungen in Krisenzeiten führen tendenziell nicht zu mehr Konsumausgaben, sondern zu einer grösseren Sparquote.» Zudem glaubt er, dass die Lohnforderungen – übrigens genauso wie die Strompreiserhöhungen – zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt kommen. «Im Export sind die Firmen bereits von einer schwächeren Nachfrage und der Frankenstärke betroffen; höhere Lohnkosten werden die Konkurrenzfähigkeit weiter schwächen», gibt er zu bedenken.

In solchen Aussagen sehen Gewerkschaftsvertreter ihre Befürchtungen bestätigt, dass die Arbeitgeber versuchen werden, die Finanzkrise für Salärverschlechterungen zu nutzen. Barbara Gisi, Leiterin Angestelltenpolitik beim KV Schweiz, rechnet darum mit harzigen Lohnverhandlungen. «Wir sehen aber trotz der Turbulenzen keine Veranlassung, Forderungen herunterzuschrauben.»

Arbeitsplatzsicherheit geht vor

Auch für FDP-Nationalrat und Unternehmer Ruedi Noser ist klar, dass die Lohnverhandlungen von der aktuellen Situation betroffen sein werden. «Wenn die Wirtschaft über eine gewisse Zeit keine Entscheide fällt, dann ist Rezession, und das ist im Moment der Fall», schätzt er die Lage ein. Ein Indiz dafür seien verschiedene Firmen, die einen Einstellungsstopp beschlossen hätten und Abgänge nicht mehr ersetzten.

«Ich gehe davon aus, dass in den Verhandlungen die Arbeitsplatzsicherheit vor höheren Löhnen kommen wird», sagt Noser. Zur Lohnrunde in den eigenen Firmen. «Wir verhandeln im November, und bis dann wird sich der Rauch, der jetzt über den Märkten schwebt, vielleicht gelegt haben.»

Löhne moderat anpassen

Thomas Daum, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, möchte keine konkreten Zahlen nennen. Die durch die Finanzkrise verursachte Verunsicherung dürfte aber, darin ist sich Daum mit den Arbeitnehmervertretern einig, in den Lohnverhandlungen spürbar sein. «Manche Firmen müssen die Verhandlungen im Lichte gedämpfter oder sogar schlechter Aussichten führen.» Es liege an den Sozialpartnern, daraus möglichst nüchtern die nötigen Schlüsse zu ziehen. «Wenn für 2008 ein gutes Ergebnis zu erwarten ist, die Aussichten für 2009 aber schlecht sind, empfiehlt sich ein Mix aus Einmalzahlungen und moderaten Lohnanpassungen, welche die Unternehmung nicht mit übermässigen bleibenden Kosten belastet.»