Nestlé hat im 1. Halbjahr 2007 sehr gute Zahlen vorgewiesen. Hat sich
dieser positive Trend im Juli und August bestätigt?

Peter Brabeck: Ja, wir sind sehr glücklich mit dem aktuellen Geschäft. 2007 dürfte ein ausgezeichnetes Jahr werden.


Ist 2007 ein organisches Wachstum von 7% möglich?

Brabeck: Ich nenne nicht gerne genaue Zahlen. Aber ich kann bestätigen, dass wir unsere Ziele 2007 erreichen und wahrscheinlich übertreffen werden.


Wird man beim Umsatz die Schwelle von 100 Mrd Fr. Umsatz übertreffen?

Brabeck: In diesem Jahr sollte diese Schwelle überschritten werden. 100 Mrd Fr. Umsatz sind 2007 für uns erreichbar.


Inwiefern belasten die höheren Rohstoffpreise den Gewinn?

Brabeck: Praktisch kaum. Wir hatten früh schon höhere Rohstoffpreise vorausgesagt. Das hatte uns damals keiner geglaubt. Wir haben uns für 2007 und 2008 gut abgesichert und profitieren davon. Anders als bei einigen Konkurrenten spielen bei uns die Rohmaterialienpreise eine geringere Rolle. Dazu kommt, dass wir aufgrund unserer starken Marken eher in der Lage sind, die höheren Kosten an die Konsumenten weiterzugeben.


Ziehen die Rohstoffpreise weiter an?

Brabeck: Rohstoffe werden teurer, aber wir haben uns für 2008 schon weitgehend abgesichert. Die Preise werden auch nicht mehr auf das Niveau sinken, wie wir es früher kannten. Die Welt muss sich auf höhere Rohstoffpreise einstellen. Zwar kam es in jüngster Zeit beim Milchpulver zu Preisübertreibungen, die sich nun allmählich wieder einpendeln. Die Notierungen für Getreide bleiben hoch. Zusätzlich zur höheren Nachfrage aus Indien und China sorgt die Forcierung der Biotreibstoffe für steigende Rohstoffkosten.


Die Euphorie für die Biotreibstoffe hat somit nicht nur Vorteile?

Brabeck: Die Euphorie für Biotreibstoffe treibt die Preise für landwirtschaftliche Nahrungsmittel in die Höhe. Vorbehalte habe ich auch aus ökologischer Perspektive: In vielen Ländern herrscht Wassermangel, doch die Herstellung von Biotreibstoffen benötigt sehr viel Wasser. Um 1 l Ethanol zu produzieren, sind 4650 l Wasser nötig. Das erachte ich als unverantwortlich.

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Wie halten Sie die übrigen Betriebskosten im Griff?

Brabeck: Unsere Kostensenkungsprogramme seit 1997 haben unsere Mitarbeiter sicher kostensensitiver gemacht. Es ist unser Ziel, weiterhin jedes Jahr 1 Mrd Fr. Kosten einzusparen. Auch da sind wir 2007 auf einem guten Weg. Inzwischen ist dies ein laufender Prozess. Es braucht keine grossen Einschnitte mehr.


Ist eine Verbesserung der Ebit-Marge um 50 Basispunkte möglich?

Brabeck: Wir werden die Ebit-Marge gegenüber dem Vorjahr klar verbessern. Eine Steigerung um 50 Basispunkte schliesse ich nicht aus, aber ich möchte mich nicht verpflichten.


Wo sehen Sie derzeit die grössten Wachstumschancen für Nestlé?

Brabeck: Wir sind heute das weltweit führende Unternehmen für Nutrition, Gesundheit und Wohlbefinden. In diesem Bereich werden wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren stark wachsen. Geografisch werden wir in Asien, Afrika und Lateinamerika, aber auch in Russland überdurchschnittlich zulegen. Doch selbst in gesättigten Märkten wie Europa haben wir Bereiche wie Nespresso, mit denen wir zweistellig vorwärts kommen.

Haben Sie noch weitere Wachstumsfirmen wie Nespresso in der Pipeline?

Brabeck: Heute wächst Nespresso über 40%. Wir haben eine Reihe neuer Geschäfte, von denen wir uns sehr viel versprechen.


Bedeutet dies, dass Sie lieber eigene Firmen weiterentwickeln, statt zu akquirieren?

Brabeck: In den nächsten Jahren konzentrieren wir uns auf die Weiterentwicklung eigener Ideen und Produkte. Wir werden daher keine grösseren Akquisitionen mehr vornehmen. Nestlé ist nach der Akquisition von Gerber in einer Konsolidierungsphase. Kleinere Käufe wie Henniez sind aber weiterhin möglich. Dafür haben wir ein «Taschengeld» von 2 Mrd Fr. auf die Seite gelegt.


Sie könnten ja auch fusionieren – zum Beispiel mit Pepsi, wie im «Wall Street Journal» spekuliert wurde. Haben Sie mit
Pepsi Fusionsgespräche geführt?

Brabeck: Nein, das können wir nicht bestätigen. Nicht alles, was im «Wall Street Journal» steht, ist richtig. Ich habe das mit Erstaunen gelesen. Das macht für uns keinen Sinn. Wir haben ja bereits mit Coca-Cola einen Joint-Venture-Partner.


Kommen auch Fusionen mit anderen Konkurrenten nicht in Frage?

Brabeck: Derzeit sehe ich keine sinnvollen Möglichkeiten. Wir führen keine Gespräche.


Nachdem Nestlé in letzter Zeit viel akquiriert hat, dürfte man sich von einzelnen Konzernteilen trennen. Werden Sie die
Beteiligung am Augenheilkonzern Alcon abstossen?

Brabeck: Produktemässig hat Alcon keine strategische Bedeutung. Alcon ist für uns aber finanziell strategisch wichtig. Wie jede andere Beteiligung, muss auch sie regelmässig überprüft werden.


In wenigen Tagen werden Sie Ihren Nachfolger in der operativen Konzernführung bekannt geben. Welche Anforderungen stellen Sie an ihn?

Brabeck: Wir haben den Vorteil, dass wir ein sehr starkes Managementteam mit mehreren potenziellen Kandidaten haben. Ich bin glücklich zu sehen, dass man von aussen schon sechs Kandidaten identifiziert hat, die alle meinen Job übernehmen könnten. Das spricht für die Qualität des Managements.


Wer an der Spitze von Nestlé stehen wollte, musste in der Vergangenheit Erfahrung im Konzern aufweisen. Wird man diese Tradition bei der Ernennung des neuen Konzernchefs fortsetzen?

Brabeck: Ja. Mein Nachfolger wird aus den eigenen Reihen kommen. Wir ziehen eine interne Lösung vor. Wir hatten den Prozess der Nachfolgeregelung vor 18 Monaten eingeleitet. Dabei hatten wir auch externe Kandidaten angeschaut, aber wir sind zum Entschluss gekommen, dass wir intern den besten Kandidaten haben.


Muss Ihr Nachfolger zwangsläufig seit vielen Jahren bei Nestlé sein? Finanzchef Paul Polman ist erst seit Anfang 2006 beim Konzern.

Brabeck: Nein, das ist keine Bedingung. Es muss auch kein Schweizer sein. Wir haben die gute Konstellation, dass alle Kandidaten von innen kommen.


Als Favoriten gesetzt sind Paul Polman und Paul Bulcke. Erfüllen diese alle Anforderungen?

Brabeck: Ja. Die Entscheidung ist aber noch nicht getroffen. Das Nomination Committee wird sich am 18. September eingehend mit den Kandidaten beschäftigen. Dann werden wir die Nominationen nochmals sehr genau an der VR-Sitzung vom 20. September 2007 diskutieren und entscheiden. Fest steht nur: Es wird jemand aus unserem Hause sein.


Nestlé steht so gut da wie noch nie: Wie ist sichergestellt, dass der Wachstumskurs auch unter dem neuen Konzernleiter
gewährleistet ist?

Brabeck: Wer immer der Kandidat ist, er hat aktiv an der strategischen Ausrichtung der Firma mitgearbeitet. Daher ist klar, dass es nicht zu einer grossen strategischen Änderung bei uns kommt. Der neue CEO ist voll beschäftigt, die bereits eingeleitete Wachstumsstrategie umzusetzen.


Wo setzen Sie für sich als VR-Präsident die Prioritäten?

Brabeck: Ich werde ein aktiver, aber Non-executive-Chairman sein und helfen, die Strategie weiterzuentwickeln. Ich sehe meine Rolle darin, das Management aus Distanz zu begleiten. Dazu kommt, dass in den nächsten Jahren grosse strategische Entscheidungen auf uns zukommen.


Woran denken Sie?

Brabeck: Wir müssen über unsere Beteiligungen an Alcon und an L’Oréal nachdenken. Da werden wir prüfen, welche Bedeutung diese noch für Nestlé haben. Damit werde ich mich intensiv beschäftigen.


Wegen Ihres Doppelmandates wurden Sie heftig kritisiert. Haben Sie dem öffentlichen Druck nachgegeben?

Brabeck: Nein. Eine Firma muss die Flexibilität haben, selber zu entscheiden, ob sie ein Doppelmandat will oder nicht. Ich bin absolut dagegen, dass man einer Firma doktrinär vorschreibt, wie sie sich zu organisieren hat. Punkto Effizienz ist das Doppelmandat wahrscheinlich die beste Lösung. Das zeigen unsere Zahlen. Es gibt genügend Fälle zum Beispiel auch in Deutschland, die zeigen, dass die Trennung des VR-Präsidiums und der CEO-Funktion nicht zwangsläufig eine bessere Kontrolle und schon gar nicht eine höhere Leistung bringt. Das viel gelobte Zweistufensystem hat gravierende Fälle von Korruption nicht verhindert. Ich hoffe, dass diejenigen, die mich kritisiert hatten, einmal zugeben, dass sie sich getäuscht haben.


Nun geben Sie die operative Führung ab, sind Sie offen für weitere externe VR-Mandate?

Brabeck: Ich werde neben dem Präsidium bei Nestlé meine Mandate bei L’Oréal, Roche und der Credit Suisse fortführen. Ich habe einige interessante Vorschläge erhalten, muss mir das aber noch genau überlegen.


Was dürfen die Anleger von Ihnen erwarten?

Brabeck: Wir haben unsere Börsenkapitalisierung in den letzten zehn Jahren stark gesteigert. Doch darin ist das nachhaltige Wachstum, das wir auch für die Zukunft sicherstellen, noch nicht reflektiert. Wenn wir unser Wachstum nochmals zehn Jahre weiterziehen, wie wir das planen, müsste sich die Kapitalisierung vervierfachen. Das wollen wir erreichen.


Haben das die Investoren bereits genügend verstanden?

Brabeck: Ich bin der Meinung, diese Firma ist noch nicht bewertet, wie sie sein sollte.

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Steckbrief

Name: Peter Brabeck-Letmathe
Geboren: 1944 in Villach Österreich
Zivilstand: Verheiratet
Wohnort: Vevey
Ausbildung: Diplomkaufmann an der Hochschule für Welthandel in Wien

Karriere

Seit fast 40 Jahren bei Nestlé Brabeck trat 1968 in die österreichische Nestlé-Tochtergesellschaft ein. Zwischen 1970 und 1987 hielt sich Brabeck in Südamerika auf. Dann wurde er an den Konzernsitz nach Vevey berufen, wo er als Direktor der Abteilung Kulinarische Produkte weltweite Verantwortung übernahm. Im Jahr 1992 wurde Brabeck zum Generaldirektor ernannt. Seit Juni 1997 ist Peter Brabeck VR-Delegierter und CEO von Nestlé, seit 2005 zusätzlich VR-Präsident. Über Nestlé hinaus ist der Berggänger, Gletscherpilot und Liebhaber klassischer Musik u.a. Mitglied des VR der CS sowie von Roche und Vizepräsident von L’Oréal.

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Nummer eins: Nestlé ist das weltweit führende Unternehmen für Nutrition, Gesundheit und Wohlbefinden. Im 1. Semester 2007 steigerte der Konzern den Umsatz um 8,4% auf 51,1 Mrd Fr. Das organische Wachstum betrug 7,4 % und übertraf damit die langfristige Zielsetzung von 5 bis 6%. Das Nahrungsmittel- und Getränkegeschäft wuchs
organisch um 7,1% auf 47,4 Mrd Fr., der Pharma-Bereich um 11% auf 3,7 Mrd Fr.