Peter Brabeck steckt für einmal nicht im dunklen Anzug, sondern im türkisblauen Trachtenkittel: So geniesst der Nestlé-Präsident die Salzburger Festspiele. Und nutzt die Kultur-tage auch für Networking mit anderen Wirtschaftskapitänen wie Swiss-Re-Präsident Walter Kielholz oder WTO-Generaldirektor Pascal Lamy. Die Salzburger Festspiele sind mit 700 000 Euro Nestlés grösstes kommerzielles Sponsoring. Brabeck hat zahlreiche Gäste und Journalisten nach Salzburg eingeladen, aber L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt ist nicht dabei. «Noch nie» habe er sie eingeladen, erklärt er bestimmt.

Mit den Wirren um die 87-jährige Grande Dame, welche in Frankreich wegen möglicher Steuerflucht, Abhörungen, Parteispenden und Streitereien mit der Tochter wegen Milliarden-Geschenken an einen Künstler Schlagzeilen macht, will Nestlé nichts zu tun haben. Hingegen sind Brabeck und Bettencourt durch L’Oréal verbunden, wo Brabeck zusammen mit der reichsten Bürgerin Frankreichs im Verwaltungsrat sitzt - er als Vizepräsident. Seit der strategischen Umwandlung des grössten Nahrungsmittelkonzerns in ein Nutrition-, Health- und Wellness-Unternehmen mehren sich Hinweise, dass Nestlé auch Appetit auf L’Oréal hat. «Wir haben noch nicht entschieden, was wir wollen», sagt Brabeck bei einem sogenannten Kaminfeuergespräch. «Der Verwaltungsrat hat mich aber gebeten nachzudenken, wie die längerfristige Entwicklung ausschauen könnte.» Schliesslich würden besser verdienende Konsumenten anteilmässig immer weniger für Nahrungsmittel ausgeben, dafür umso mehr für Kosmetik und andere Produkte zum Erhalt der Schönheit. Wie auch immer der Entscheid ausfallen wird: «Die Beteiligung an L’Oréal ist für die Aktionäre beider Unternehmen sehr positiv», betont Brabeck.

Eine lange Leidensgeschichte

1974 hat Nestlé von der Familie Bettencourt für 260 Mio Euro 29,8% an L’Oréal erworben und ist damit zum zweitgrössten Aktionär avanciert. Man wollte damals einer möglichen Verstaatlichung unter einer linken Regierung zuvorkommen. Doch Übernahmegelüste des früheren Nestlé-Präsidenten Helmut Maucher hatten in den 90erJahren Liliane Bettencourt derart verärgert, dass Nestlé sich heute nur noch vorsichtig äussert.

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Aber die Kasse von Nestlé ist prallvoll. Und mit dem Verkauf der Augenheilmittel-Firma Alcon an Novartis fliessen gegenwärtig 28 Mrd Dollar an Nestlé. Das würde ausreichen, um die Mehrheit der Aktien der Familie Bettencourt mitsamt Prämie zu erwerben. L’Oréal ist an der Börse insgesamt 47 Mrd Euro wert.

Analysten sehen allerdings in einer Übernahme der Mehrheit «keinen strategischen Sinn». So meint Jean-Philippe Bertschy von der Bank Vontobel: «Es gibt kaum Synergien zwischen den beiden Unternehmen.» Der Verkauf von Shampoo mache für den Nahrungsmittel-Multi keinen Sinn, und die Einkaufsmacht von Nestlé werde damit nicht gestärkt. Wenn Paul Polman zum CEO von Nestlé gewählt worden wäre, hätte man dies als Indiz werten können, dass sich Nestlé mehr in Richtung Lifestyle entwickeln würde. Schliesslich habe Polman bei Procter & Gamble gearbeitet. Doch mit CEO Paul Bulcke fokussiere sich der Konzern eher in Richtung Food mit Dienstleistungen und Marken wie Jenny Craig oder Nespresso. «Zudem ist L’Oréal keine Wachstumsmaschine mehr wie früher, als der Kosmetikkonzern zweistellig gewachsen ist.»

Status quo die beste Lösung

Auch für Patrick Hasenböhler von der Bank Sarasin erfüllt der Kauf keinen erkennbaren Zweck. «L’Oréal ist kein Schnäppchen, und Synergien gibt es fast keine.» Zusammenarbeiten könnten Nestlé und L’Oréal auch ohne Fusion, wie die gemeinsamen Joint Ventures Innéov und Galderma bewiesen. Beim Kauf des Aktienpakets habe Nestlé ein gutes Investment gemacht, mehr nicht. «Die beste Lösung ist der Status quo.»

Und dieser Status quo wird sich nicht so rasch ändern. Laut dem Aktionärsvertrag zwischen der Familie Bettencourt und Nestlé dürfen beide Parteien vorerst weder ihre Aktien verkaufen noch ihre Anteile aufstocken. Der Vertrag wurde 2004 erneuert und hat seine Gültigkeit bis zum Jahr 2014 - oder bis sechs Monate nach dem allfälligen Ableben von Bettencourt.

Vielleicht hat der Nestlé-Präsident an den Festspielen einfach etwas Börsenkurspflege betrieben. Jedenfalls sind sich Analysten einig: Dank Übernahmegerüchten dürfte der Kurs steigen. Und das ist sowohl im Interesse der Aktionäre wie auch von Nestlé.