Was bringt die Finanzplatz-Holding den Kundinnen und Kunden?

Peter Gomez: Wir streben zwei Dinge an: Erstens eine Effizienzsteigerung über die ganze Wertschöpfungskette und zweitens mehr Innovation.

Verliert die SWX durch den Zusammenschluss von SIS und Telekurs nicht Flexi-bilität im Hinblick auf Kooperationen?

Gomez: Nein, unsere offene Architektur stellt sicher, dass wir diese Flexibilität behalten.

In der Vergangenheit argumentierten Sie aber, dass eine Finanzplatz-Holding den Spielraum der SWX einengen würde.

Gomez: Es stimmt, dass ich dies kurz nach meinem Amtsantritt gesagt hatte. Nach einer detaillierten Auslegeordnung bin ich aber in der Zwischenzeit mit meinem Verwaltungsrat zu einem anderen Schluss gekommen.

Was brachte den Meinungsumschwung?

Gomez: Wir hatten uns intensiv damit auseinander gesetzt, ob wir eigenständig bleiben wollen. Nachdem wir dies bejaht hatten, war klar, dass wir aus einer Position der Stärke handeln müssen. Diese Position der Stärke ergibt sich durch den Zusammenschluss von SWX, SIS und Telekurs.

Die meisten anderen Börsen gehen einen ganz anderen Weg und schliessen sich zusammen: Was bedeutet die Konsolidierung für die SWX?

Gomez: Die SWX ist gut aufgestellt. Wir haben bewusst eine Entscheidung für die Selbstständigkeit getroffen.

Die Fusion von SWX, SIS und Telekurs muss noch von der Trägerin der Schweizer Börse, den Vereinsmitgliedern, gutgeheissen werden. Wie ist die Stimmung?

Gomez: Sehr gut. Der Verein besteht aus 45 Banken. Wir haben in den letzten Wochen intensiv mit den Eignern unseres Unternehmens gesprochen. Momentan gibt es unter den Vereinsmitgliedern keine grundlegenden Bedenken. Wir können davon ausgehen, dass der Zusammenschluss zustande kommt. Mitte August wissen wir es definitiv.

Einstimmig dürfte der Entscheid aber nicht ausfallen. Bei kleineren Banken gibt es ja doch noch Opposition?

Gomez: Es gibt vereinzelt noch Vorbehalte. Man trennt sich ungern von etwas Althergebrachtem. Ich zweifle nicht daran, dass wir alle Banken bis August überzeugen können, dass die Fusion eine gute Sache ist.

Stehen bereits über 90% der Vereinsmitglieder hinter dem Zusammenschluss?

Gomez: Zumindest haben wir keine anderen Anhaltspunkte.

Wenn die SWX eine AG wird: Wäre es nicht konsequent, dass man gleich über ein IPO nachdenkt?

Gomez: Nein, wir haben uns entschieden, dass beim neuen fusionierten Unternehmen die Nutzer gleichzeitig die Eigentümer sein sollen. Ein Börsengang kommt für die SWX nicht in Frage. Die Erfahrungen, die zum Beispiel die Deutsche Börse mit kurzfristig denkenden Inves-toren wie Hedge-Fonds gemacht hat, möchten wir bei uns nicht machen.

Anzeige

Was haben Sie gegen Hedge-Fonds?

Gomez: Ich habe nichts gegen Hedge- Fonds. Ich habe aber etwas gegen Hedge- Fonds als Besitzer von Börsen.

Warum?

Gomez: Die jetzigen und künftigen Aktionäre wollen mit der Schweizer Börse nicht primär Geld verdienen, sondern optimale Rahmenbedingungen für den Schweizer Finanzplatz und die Nutzer schaffen. Ein artfremder Investor interessiert sich hauptsächlich für eine hohe Rendite. Wenn man ein Quasimonopol wie die Börse einem solchen kurzfristigen Inves-tor überträgt, kommen die erzielten Effizienzgewinne oder Kostensenkungen nie beim Endkunden an. Das merken jetzt die Banken, die zu Beginn dieses Jahrzehnts die Anteile zum Beispiel an der Deutschen Börse verkauft haben. Um international tiefere Tarife trotzdem durchsetzen zu können, müssen sie jetzt mit dem Projekt Turquoise eine eigene Handelsplattform aufbauen.

Welche Folgen hat diese geplante Börse Turquoise, welche von sieben Investmentbanken, darunter UBS und CS, vorangetrieben wird, für die SWX?

Gomez: Bis jetzt keine. Für die sieben Banken wird es nicht einfach sein, eine neue Börse aufzubauen. Dafür braucht es nicht nur die Informatik, sondern auch viel Spezialwissen rund um die Regulierungserfordernisse. Wir nehmen aber diesen potenziellen Wettbewerber trotzdem sehr ernst.

Haben Sie den Vertretern der Turquoise die Dienste der SWX angeboten?

Gomez: Ja. Wir haben den Investmentbanken unsere Dienste offeriert. Dasselbe hat die SIS ihrerseits getan. Wir sind nach wie vor im Gespräch.

Wie ist das Feedback?

Gomez: Mein Eindruck ist, dass die Banken nicht über eine etablierte Börse handeln wollen.

Besteht die Chance, dass die Virt-x Teil der alternativen Handelsplattform Turqouise wird?

Gomez: Es ist im Moment nicht absehbar.

Warum spannen Sie nicht mit der Deutschen Börse zusammen?

Gomez: Wir haben ja schon mehrere erfolgreiche Kooperationen. Wenn wir jetzt noch mehr mit der Deutschen Börse zusammenspannen, würde dies eine Fusion bedeuten. Da gibt es keine vernünftige Zwischenstufe mehr.

Und das wollen Sie nicht?

Gomez: Nein, dies ist unsere strategische Entscheidung. Ein Merger liegt nicht drin.

Aber Sie könnten weitere Kooperationsprojekte starten?

Gomez: Ich sehe derzeit keine weiteren sinnvollen Kooperationsprojekte. Wenn wir noch weiter zusammenrücken, dann wäre der nächste Schritt ein Merger. Konkret ausgedrückt hiesse das, dass die Deutsche Börse uns übernehmen würde. Wir wären dann einer der Minderheitsaktionäre.

Was spricht dagegen?

Gomez: Wir würden die Eigenständigkeit verlieren und könnten auf dem Finanzplatz Schweiz nicht mehr die Rolle spielen, wie wir uns das wünschen.

Welche Ziele verfolgen Sie bei der Eurex, deren Präsident Sie sind?

Gomez: Wichtigstes Ziel ist für mich, dass wir die geplante Akquisition der amerikanischen Derivatebörse ISE durchziehen können. Ich bin zuversichtlich, dass uns dies gelingt.

Im Januar 2007 ist die Börse für strukturierte Produkte – auch ein Joint Venture der SWX mit der Deutschen Börse – gestartet: Sind Sie zufrieden mit dem ersten Halbjahr?

Gomez: Ja, unser neues Joint Venture mit der Deutschen Börse ist sehr gut gestartet. Unsere Hoffnungen erfüllen sich. Mit dieser Expansion leisten wir auch einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung des Schweizer Finanzplatzes.

Was ist Ihr Wunsch für den Finanzplatz?

Gomez: Der Wettbewerb unter den Finanzplätzen nimmt stark zu. Finanzplätze wie London oder New York und neuerdings auch Dubai, Singapur und Bahrain verfolgen eine klare Strategie. Nur der Finanzplatz Schweiz hat keine Strategie. Wir sollten uns zwingend überlegen, wo wir im Jahr 2015 stehen.

Was sollte man tun?

Gomez: Die Bankiervereinigung, der Versicherungsverband, der Fondsverband und die Swiss Value Chain – SWX, SIS und Telekurs – entwickeln zurzeit eine solche Finanzplatz-Strategie.

Was wird die Hauptstossrichtung sein?

Gomez: Der Fokus liegt auf dem Entwicklungspotenzial. Der Finanzplatz Schweiz hat in den letzten Jahren volumenmässig zugelegt, aber kaum neue Arbeitsplätze geschaffen. Das müssen wir ändern.

Wie?

Gomez: Die Marktteilnehmer müssen innovativer werden, und die Rahmenbedingungen müssen so angepasst werden, dass man neue Geschäfte anziehen kann oder zumindest die bestehenden nicht verliert.

Welche? Zum Beispiel Hedge-Fonds?

Gomez: Die Hedge-Fonds-Branche wächst rasant. Wir sollten die Schweiz für grosse Hedge-Fonds attraktiver machen. Wenn uns das gelingen würde, könnten wir hierzulande viele neue Stellen schaffen. Das wäre ein Quantensprung für die Schweiz.

Was müsste man bei den Rahmenbedingungen verbessern?

Gomez: Wir müssten die steuerlichen Rahmenbedingungen für diese Finanzvehikel so anpassen, dass wir attraktiver sind als Finanzplätze wie London oder New York. Das ist möglich. Die Hedge-Fonds-Branche hat Interesse, in die Schweiz zu kommen. Wir haben hierzulande viele Talente. Jetzt wandern diese begabten Leute nach London ab. Die Schweiz ist viel zu defensiv. Das müssen wir ändern. Das Investment Banking können wir nicht mehr von London zurückholen, aber die Hedge-Fonds anziehen schon. Das ist eine grosse Chance für unser Land. Unser Finanzsektor erhielte einen Wachstumsschub.

Daran arbeiten Sie?

Gomez: Ja. Eine Finanzplatzstrategie muss darauf abzielen, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Das Verhältnis unserer Gesellschaft zum Finanzplatz ist ambivalent. Auf der einen Seite ist allen klar, dass der Finanzsektor ein wesentlicher Bestandteil unserer Volkswirtschaft ist, auf der anderen Seite sieht man die Exzesse bei den Managerlöhnen. Wenn wir massiv neue Jobs schaffen könnten, würde die Bevölkerung realisieren, welche Bedeutung der Finanzplatz für die Schweiz hat.

------

Steckbrief

Name: Peter Gomez
Funktion: Präsident SWX Group, Dean Executive School of Management, Technology and Law der Universität St. Gallen
Alter: 60
Familie: Verheiratet, zwei Töchter
Wohnort: St. Gallen

Karriere:
1978–1983 Sekretär, dann GL-Mitglied der Ringier-Gruppe
1983–1989 GL-Mitglied der Distral-Gruppe (Anova Holding)
Seit 1990 HSG-Professor und Direktor des Instituts für BWL
1999–2005 Rektor der HSG
Seit 2005 Dean Executive School HSG
Seit 2006 VR-Präsident der Schweizer Börse SWX Mandate Präsident Max-Schmidheiny-Stiftung, Ausschussmitglied Verein Freunde der FDP, Kuratoriumsmitglied Herrhausen Gesellschaft der Deutschen Bank

------

SWX Group

Breit abgestützt
Zur SWX Group gehören die SWX Swiss Exchange, Virt-x, Eurex, Stoxx, Exfeed und seit Januar 2007 SWX Quotematch/Börse Frankfurt Smart Trading.
Als Verein organisiert Eigner der SWX sind 45 Banken. Mit 430 Mitarbeitenden erzielte die SWX Group im 1. Halbjahr 2007 einen Börsenhandelsumsatz von 1300410 Mio Fr.