Die Treue zur Schweiz, die Risikobereitschaft und der Zug zum Tor bei Verhandlungen gehören zu den Stärken von Patron Peter Spuhler. Er wird zum zweiten Mal in Folge Unternehmer des Jahres, gewählt von 1000 Schweizer Managern. Die beiden «Handelszeitung»-Journalisten Bernhard Fischer und Stefan Barmettler haben mit dem Stadler-Chef gesprochen.

Herr Spuhler, herzliche Gratulation zum Titel «Unternehmer des Jahres» – zum zweiten Mal innert zwei Jahren.
Peter Spuhler*: Besten Dank, das freut mich. Es freut mich sogar besonders, weil mit Nick Hayek und Oscar Schwenk echte Unternehmer gewählt wurden, die mit ihrem eigenen Geld Risiken in Kauf nehmen und Arbeitsplätze schaffen.

Wie war das Jahr 2015 für Stadler Rail?
Der 15. Januar hat uns mit der Aufhebung der Kursuntergrenze hart getroffen. Schon im November 2010 mussten wir einen ersten Währungsschock hinnehmen, damals stürzte der Euro von 1 Franken 60 auf bis zu 1 Franken ab. Wenn man zwei Mal innerhalb von 5 Jahren um 20 Prozent teurer wird, ist das ein Problem für den exportorientierten Werkplatz. Zwei Drittel unserer Produktionsleistung in der Schweiz geht in den Export, ein Grossteil in den Euro-Raum. Der Kurseinbruch hinterlässt deshalb tiefe Spuren in der Erfolgsrechnung und der Bilanz.

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Wie tiefe?
Auftragsbestand und Auftragseingang sind gut – bei drei Ausschreibungen warten wir noch auf den Zuschlag. Bei den Margen sieht es hingegen schlecht aus.

In Zahlen?
Durch die Konsolidierung im Schweizer Franken verlieren wir zwischen 200 und 250 Millionen Umsatz, je nachdem, wo der Franken-Euro-Kurs Ende Jahr steht.

Verlagern Sie ins Ausland?
Nein, das Ziel muss klar sein, dass wir die 3000 Jobs in der Schweiz halten können. Allerdings unter der Prämisse, dass eine Beruhigung an der Währungsfront einkehrt und die Überregulierung am Arbeitsmarkt sich nicht weiter fortsetzt.

Das Problem aber bleibt, dass Stadler Rail keinen Gewinn mehr erwirtschaftet.
Ja, das Problem ist die Marge. Ist diese zu niedrig, kann man nicht mehr investieren und muss verlagern. Über den Preis einen Auftrag reinzuholen, kann ausnahmsweise strategisch sinnvoll sein. Aber irgendwann muss man auch wieder Gewinn erzielen, sonst gehen irgendwann die Lichter aus.

Ihre Prognose für 2016?
Die Auslastung bleibt zufriedenstellend, beim Auftragseingang bin ich zuversichtlich. Die grosse Unbekannte ist und bleibt die Währungsentwicklung.

Mit Siemens waren Sie wegen eines Mergers im Gespräch. Ist das noch Thema?
Siemens schlug ein Zusammengehen vor. Für uns kam das aber nur in Frage, wenn wir die Mehrheit behalten hätten. Ex-Siemens-Chef Peter Löscher hätte das befürwortet. Dann kam der Wechsel von Löscher zu Joe Kaeser und alles wurde abgeblasen.

Im Osten ist es derzeit schwierig. Was wird aus dem Standort Minsk?
Das ist das einzige unserer Werke weltweit, das nicht gut ausgelastet ist. Sanktionen, Rubelzerfall und Erdölpreiszerfall – all, das hat uns stark zugesetzt. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir das ab 2016 wieder hinkriegen. Wenn man wie wir international aufgestellt ist, knallt es immer irgendwo. Diese Herausforderung gehört zum Unternehmertum.

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Von Minsk aus wollten Sie Russland beliefern. Ist das geplatzt?
Es ist momentan nicht einfach in Minsk. Alles muss durch staatliche Gremien abgesegnet werden, die Bürokratie ist gross. Die Mannschaft in Minsk leistet aber sehr gute Arbeit und liefert eine hohe Qualität. Wir sind zuversichtlich, dass die Auslastung im nächsten Jahr besser sein wird.

Dazu bräuchte es aber Bestellungen aus Russland ...
Die ersten Züge von Stadler Rail fahren bereits in Russland. Allerdings gestaltet sich die Finanzierung als schwierig: Wir haben eine Euro-Finanzierung, der Kunde zahlt aber in Rubel, und das bedeutet für ihn zurzeit eine Preissteigerung um 100 Prozent. Zusammen mit der Schweizerischen Exportrisikoversicherung SERV besprechen wir jetzt, wie wir das Zahlungsziel strecken und umfinanzieren können. Das grösste Problem ist, dass aus dem russischen Markt derzeit nichts mehr bestellt wird. Wir hoffen aber, dass mit der Fussball-WM in Russland im Jahr 2018 in den Nahverkehr investiert wird.

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Die Chinesen treten auf dem Bahnmarkt derzeit aggressiv auf. Spüren Sie das?
Wir sind erst zweimal direkt auf die Chinesen als Konkurrenten getroffen. In Mazedonien haben wir bei einer Ausschreibung verloren, wo sie um rund 4 Prozent günstiger waren als wir. Auch in Kuala Lumpur sind wir unterlegen.

Die Chinesen bedrohen Ihr Geschäft?
Die Europäer haben die Chinesen technologisch aufgerüstet. Was heute im Highspeed-Bereich in China fährt, sind Siemens- und Bombardier-Kopien. Allerdings ist für einen Erfolg auch die Qualität entscheidend, und da hört man von China nicht unbedingt das Beste. Deswegen möchten zum Beispiel die Iraner keine chinesischen Fahrzeuge mehr kaufen. Wir nehmen die Herausforderung deshalb gerne an und nehmen mit modernster Technologie und hoher Qualität den Kampf gegen die Chinesen auf.

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Zurück in die Schweiz. Bei der Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative setzt der Bundesrat nun auf eine Schutzklausel, notfalls einseitig – ist das der richtige Weg?
Um den Verfassungsartikel umzusetzen, spielt es keine Rolle, auf welche Art und Weise das geschieht. Die Kontingentierung ist sehr bürokratisch in der Abwicklung. Die Schutzklausel ist da vermutlich EU-kompatibler als starre Kontingente.

Werden die Bilateralen das überleben?
Ich denke ja. Die EU ist derzeit mit ganz anderen Problemen beschäftigt: Schuldenkrise, Dublin, Schengen, Volksabstimmung in England. Hier wirken Kräfte, die uns möglicherweise unterstützen, unsere Schutzklausel erfolgreich gegenüber der EU positionieren zu können.

 

* Peter Spuhler ist Chef von Stadler Rail. Die Gruppe beschäftigt 6000 Arbeitnehmer, die Hälfte davon in der Schweiz. Der Umsatz belief sich 2014 auf 1,9 Milliarden Franken. Wegen Aufhebung der Euro-Kursuntergrenze dürfte der Umsatz 2015 um zirka 200 Millionen tiefer liegen.

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