Zu den Lieblingsautoren von Jean-Paul Vettier, dem Chef des Raffineriebetreibers Petroplus, gehören Epiktet und Marc Aurel. «Die beiden römischen Stoiker haben weise erkannt, dass es sich nur dann lohnt zu versuchen, etwas zu beeinflussen, wenn man auch tatsächlich Einfluss nehmen kann», sagte er kürzlich in einem Zeitungsinterview. Beim von ihm geführten Unternehmen hat er die Hoffnung offenbar noch nicht aufgegeben, noch Einfluss nehmen zu können. Seit zwei Jahren versucht er, Petroplus wieder fit zu trimmen.

Vettier trat mit einem beeindruckenden Leistungsausweis an. Als früherer Leiter des Raffineriegeschäftes beim Marktführer Total (siehe Kasten) kennt er die Branche in- und auswendig. Er trägt gar den Titel eines Ritters der Ehrenlegion, doch als Retter ist er bei Petroplus bisher erfolglos geblieben. Dies zeigte sich bei den soeben veröffentlichten Halbjahreszahlen. Petroplus steigerte zwar im 1. Halbjahr 2011 den Umsatz um 31 Prozent auf 11,7 Milliarden Dollar, erlitt aber einen Verlust von 277 Millionen.

Natürlich will das Unternehmen den Verlust im 2. Halbjahr wieder ausbügeln. Doch das scheint unwahrscheinlich. Die Analysten jedenfalls haben ihre Prognosen für Petroplus in diesem Jahr mehrmals zurückgenommen. Sie rechnen bestenfalls noch damit, dass der Konzern übers ganze Jahr gerade genug erwirtschaften wird, um die finanziellen Auflagen für die Kreditvereinbarungen mit den Banken einhalten zu können. Dieses Mindestziel wurde nämlich im 2. Quartal um 55 Mil­lionen Dollar verfehlt.

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Aktien im Sturzflug

Martin Schreiber, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank, wundert sich nicht über den Sturzflug der Aktien. «Bei Petroplus waren weder Verbesserungen aufgrund des Dreijahresplans erkennbar, noch konnte der Konzern sein Produk­tionspotenzial im 1. Halbjahr voll ausschöpfen», bemängelt er.

Der Raffineriebetreiber schreibt seit 2008 tiefrote Zahlen. Die Rezession hat ­Petroplus jeweils hohe dreistellige Millionenverluste beschert und beinahe das ­Genick gebrochen. Zwar begann die Wirtschaft im letzten Jahr wieder zu brummen. Doch auch das brachte keine Genesung. Das Geschäftsjahr endete in einem Verlust von 112 Millionen Dollar. Stellt man die schlechten Konjunkturaussichten in Rechnung, werden die Aussichten für den Raffineriebetreiber noch trüber.

Dialog ein Fremdwort

Eine unbestrittene Stärke hat Petroplus: Wenn es darum geht, den schlechten Geschäftsgang zu erklären, sind die Verantwortlichen um Erklärungen nie verlegen. Im 1. Halbjahr zum Beispiel sollen vor allem die Schliessungskosten für eine Raffinerie im Elsass das Ergebnis vermiest haben. Im Herbst 2010 waren es Wertanpassungen der Lagerbestände an den Erdölpreis sowie ungeplante Ausfallzeiten in den Raffinerien – wegen technischer Probleme, wegen langer Wartungsarbeiten oder wegen Streiks in den französischen Werken. Zum Jammerdossier gehört auch die Dauerklage über die dünnen Margen: Die Schmerzgrenze von unter 2 Dollar pro Fass Erdöl wird offenbar immer dann ­angeritzt, wenn sich der Rohölpreis verteuert, ohne dass die Nachfrage nach Raffinerieerzeugnissen sofort anzieht. Das passierte etwa zwischen Januar und Ende Juni, als der Ölpreis aufgrund der Krise in Libyen und der Unruhen im Nahen Osten anzog.

«In meinen Ohren klingt vieles nach Ausreden», meint Andreas Escher, Analyst der Bank Vontobel, zu diesen Erklärungsversuchen. So wortgewandt wie die Verantwortlichen jeweils die Geschäfte schönreden, so zurückhaltend reagieren sie auf konkrete Fragen. Die «Handelszeitung» erhielt keine Antworten. Für Dominique Biedermann, Direktor der Ethos-Stiftung, ist die Kommunikation mit Petroplus ein heikles Thema. «Ein Dialog mit dem Konzern ist kaum möglich», klagt er.

Die Geschichte von Petroplus ist eine Geschichte des Abstieges. Als das Unternehmen im Mai 2006 den Hauptsitz von Rotterdam nach Zug verlegte, hatte es Grosses vor, obwohl sein Portfolio erst die beiden Raffinerien in Cressier NE und im nordenglischen Teesside umfasste. Ende November 2006 ging das sich mehrheitlich im Besitz der amerikanischen Private-Equity-Gesellschaften Carlyle Group und Riverstone befindende Unternehmen an die Schweizer Börse. Das spülte ihm über eine Milliarde Franken in die Kasse.

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Das Geld floss in eine rasante Expan­sion. Innerhalb von zwei Jahren wurden fünf weitere Raffinerien gekauft: In Antwerpen, Ingolstadt (von ExxonMobil), Coryton an der Themsemündung (von BP), im elsässischen Reichstett (von Shell) und in Petit-Couronne bei Nancy (von Shell).

Doch bald kamen die schlechten Nachrichten. Die Raffinerie in Antwerpen etwa musste mit hohen Investitionen sofort technisch aufpoliert werden. Teesside erwies sich bald als unrentabel und wurde 2009 geschlossen. Das gleiche Schicksal ereilte im April 2011 – nur drei Jahre nach der Übernahme – die Raffinerie Reichstett.

Blutbad bei den Raffinerien

Die forsche Expansionspolitik von ­Petroplus sorgte angesichts der enormen Überkapazitäten im europäischen Raffineriesektor bei vielen Branchenexperten für Kopfschütteln. Statt auf Expansion stehen die Zeichen auf Konzentration. Dem Prozess dürften in den nächsten Jahren 20 Raffinerien in Europa zum Opfer fallen, schätzt der Branchenverband.

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In dieser Situation stellt sich die Frage, ob das Geschäftsmodell von Petroplus überhaupt taugt. Der Vorteil der Unabhängigkeit, den Petroplus stets als grosse Stärke anpries, erweist sich immer deutlicher als Schwäche. Ein steigender Ölpreis bedeutet für den Konzern immer stei­gende Rohstoffkosten und tendenziell sinkende Margen. Integrierte Erdölkonzerne hingegen wie die Branchenriesen Total, Shell oder Exxon Mobil haben es komfortabler. Sie verfügen nicht nur über Raffinerien, sondern fördern Rohöl selber und betreiben riesige Vertriebsnetze mit Tankstellen. Sie können, weil sie an der gesamten Wertschöpfungskette partizipieren, Schwankungen bei der Raffineriemarge viel besser abfedern.

Ein grosses Fragezeichen hinter das Geschäftsmodell von Petroplus setzt auch das Zürcher Beratungsunternehmen IFBC, und zwar aufgrund einer Rentabilitätsanalyse der grössten Schweizer Unternehmen. Petroplus führt hier – zusammen mit dem Industriekonzern OC Oerlikon – die Negativliste an. Im Klartext: Die Kosten des seit 2006 eingesetzten Kapitals ­waren deutlich höher als der Gewinn, der damit erwirtschaftet wurde. «Der hohe Negativbetrag von Petroplus lässt Zweifel an der Nachhaltigkeit der Unternehmensstrategie aufkommen», folgern die Unternehmensberater in ihrer Studie.

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Es überrascht darum kaum, dass Petroplus schon länger als heisser Übernahmekandidat gehandelt wird. Doch selbst dazu gibt es grosse Fragezeichen. Branchenbeobachter wie der Analyst Andreas Escher weisen allerdings auf die teilweise veralteten Raffinerien hin und fragen sich, wer denn dieses Unternehmen überhaupt kaufen möchte.