Die 1842 durch Georg Ber-linger gegründete Traditionsfirma wurde durch die erste mechanische Baumwollweberei berühmt. Feinste Stoffe aus dem Toggenburg wurden damals in die ganze Welt geliefert. Es war die Zeit der Stickereiblüte.

Anstatt über den sich abzeichnenden Niedergang des Textilgeschäftes wegen der Konkurrenz aus Asien zu jammern, schlugen die Berlingers einen mit Risiken behafteten Weg ein. Das Glück wurde in einem Produkt gesucht, das nicht mit dem Kerngeschäft verwandt war und dessen Zukunft sich nicht leicht abschätzen liess. Die Eltern der heutigen Firmenpräsidentin Andrea Berlinger und ihr Cheftechniker Karl Egli wagten sich in ein neues Geschäftsfeld vor: Angesichts der zunehmenden Doping-Skandale entwickelten sie Fläschchen für Urin- und Blutproben-Kontrollen von Sportlern.

Öffnen nur mit Gewalt möglich

Zwar gab es solche Behältnisse schon lange. Die Tücke an den bislang verwendeten Behältern war nur, dass sie nicht fälschungssicher waren. Wer erwischt wurde, redete sich – nicht selten mit Erfolg – damit heraus, dass der Inhalt manipuliert worden sei. Unvergessen bleibt die angeschuldigte deutsche Sprinterin Kathrin Krabbe, deren Anwalt vor laufenden Kameras vorführte, wie leicht es war, an solchen Fläschchen herumzufummeln.

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«Unsere Glasflaschen haben einen Sicherheitsverschluss. Einmal mit Blut oder Urin gefüllt, können sie nur noch mit Gewalt geöffnet werden. Ein Betrug ist völlig unmöglich, weil er sofort erkannt würde», sagt Andrea Berlinger. Jedes Fläschchen wird fortlaufend nummeriert, sodass ihr Weg von der «Quelle» bis zum Ziel verfolgt werden kann. Gibt der Athlet seine Probe ab, bekommt er eine Identifikationsnummer. «Sie ist auf der Flasche mit modernster Lasertechnik so aufgebracht, dass sie weder abgeschliffen noch auf irgendeine andere Weise entfernt oder geändert werden kann.» Jede Flasche ist ein Unikat. Sie hat dieselbe Nummer wie ihr Deckel, ihre Etikette und ihre Verpackungsbox.

«Wichtig ist, dass die Kontrollen bei den Sportlern bereits im Training vorgenommen werden, weil Dopingmittel vor dem Start abgesetzt werden können. Damit bleiben sie zu einem späteren Zeitpunkt unerkannt», so Jürg Berlinger, Vater von Andrea Berlinger, anlässlich der Lancierung der in Funktionärskreisen als bahnbrechend eingestuften Erfindung. Lachend erzählt die junge Frau, die das Unternehmen in der sechsten Generation heute mit ihrem Mann führt, wie sie mit ihrer Mutter Liselotte nach Monaco reifelte, um der medizinischen Kommission des IOK die sophistizierte Erfindung aus Ganterschwil SG vorzustellen. Der Clou an der Geschichte ist, dass die beiden nicht wussten, wen sie vor sich hatten, als sie einen Mann im Trainingsanzug sahen und sich bei ihm nach einem Verantwortlichen für ihr Anliegen erkundigten. Er stellte sich als Prinz Albert de Méronde, Vorsitzender der Antidoping-Kommission, vor. Doch dieses Malheur stand dem Erfolg ihres Sicherungs- und Kontrollsystems für Doping-Sünder nicht im Weg. Es hagelte ab 1998 Aufträge für alle Grossanlässe der Leichtathletik und des Fussballs sowie für die Olympischen Spiele seit Sydney 2000. Im Lauf der Jahre ist Berlinger immer mehr zu einem Player mit Generalunternehmer-Funktion für die Sportbranche geworden: Die Kunden wollen nicht allein nur Fläschen, sondern auch Nadeln, Pflaster, Ampullen, Urinbecher oder Plastikhandschuhe.

Innovationsbedingte Synergien

Ganz aufgegeben wurden die textilen Fäden bei Berlinger nie. Trotzdem diversifizierte man weiter: Mitte der 1990er Jahre wurden Temperaturmessgeräte für Impfstoffe entwickelt. Andrea Berlinger ergänzt: «Der mit ihnen generierte Umsatz ist heute unser wesentlichster Pfeiler.» Das dabei gewonnene Know-how kam den innovativen Toggenburgern auch für ihre Doping-Kontrollbehälter zugute: Der Fusballverband Uefa will beispielsweise, dass die Proben zwischen 4 und 12 Grad in Kühltaschen zu den Labors gebracht werden. Ob dies eingehalten wird, überwacht ein Messgerät von Berlinger.