Der US-Pharmagigant Pfizer hat sein Übernahmeangebot für den bislang unwilligen britischen Rivalen AstraZeneca auf knapp 117 Milliarden Dollar aufgestockt. Der Viagra-Hersteller bietet nach Angaben vom Sonntag nun pro Aktie 55 Pfund und damit zehn Prozent mehr als bislang. Zudem erhöhte der US-Branchenführer den Bargeld-Anteil der Offerte, um das Angebot schmackhafter zu machen. Pfizer nannte das Angebot das allerletzte Wort und schloss eine feindliche Übernahme aus.

Die bisherige Offerte in Höhe von 50 Pfund je Aktie hatte AstraZeneca als deutlich zu niedrig abgelehnt. Auch das neue Angebot werde dem Wert der Firma nach Ansicht von AstraZeneca nicht gerecht, berichtete die «Financial Times» unter Berufung auf mit dem Denken von AstraZeneca vertraute Personen. Die Firma werde die Offerte wahrscheinlich noch am Montag zurückweisen. Dem Management fehlten zudem klare Zusagen bei anderen Themen wie Forschung und Entwicklung. Ein Zusammenschluss würde den Schweizer Novartis -Konzern vom Thron als weltgrössten Pharmaunternehmens stossen.

Unmittelbar vor Bekanntgabe des Angebots hatten zwei Banker gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters die Summe von 55 Pfund je Aktie als «magische Zahl» bezeichnet, die eine Übereinkunft ermöglichen sollte. Pfizer ist vor allem an den vielversprechenden Krebsmitteln von AstraZeneca interessiert und erhofft sich zudem erhebliche Kostensenkungen und Steuervorteile. Sollte der Deal zustande kommen, wäre es die grösste Fusion in der Geschichte der Branche sowie die grösste Übernahme eines britischen Unternehmens durch einen ausländischen Bieter.

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Pfizer stockt Baranteil auf 45 von 33 Prozent auf

Die AstraZeneca-Aktionäre sollen nun im Falle einer Übernahme 45 Prozent Bargeld erhalten statt bislang 33 Prozent - den Rest will Pfizer mit eigenen Aktien begleichen. Das neue Angebot bedeutet einen beträchtlichen Aufschlag auf den gegenwärtigen Aktienkurs: Die AstraZeneca-Anteilsscheine waren am Freitag an der Londoner Börse mit 48,23 Pfund aus dem Handel gegangen. Vor Bekanntgabe der Fusionspläne Ende April hatten die Papiere noch weniger als 38 Pfund gekostet.

Die Übernahmepläne haben in Grossbritannien, Schweden und den USA bei Politikern und Öffentlichkeit die Furcht vor dem Verlust zahlreicher Arbeitsplätze geschürt. Pfizer ist bekannt dafür, nach Übernahmen im grossen Stil Stellen zu streichen. Pfizer hat jedoch vor allem in Grossbritannien weitreichende Zusagen gemacht, an der umfangreichen Forschung von AstraZeneca festzuhalten.

Pfizer käme derzeit eine grosse Übernahme im Ausland gelegen, weil der Konzern mehrere zehn Milliarden Dollar in der Kasse hat, die von ausländischen Töchtern verdient wurden. Wenn Pfizer dieses Geld in die USA zurückführt, werden hohe Steuern fällig.

Deal wäre bisheriger Höhepunkt einer ganzen Fusionswelle

Derzeit rollt eine Fusionswelle durch die Pharmabranche, weil sich die Konzerne wegen Patentabläufen der Konkurrenz durch Nachahmerprodukte stellen müssen und sie sich auch wegen der Kürzungen im staatlichen Gesundheitswesen umorientieren. Novartis hat Spartenkäufe und -verkäufe im Wert von rund 27 Milliarden Dollar angekündigt. Bayer erhielt Anfang Mai den Zuschlag für das Geschäft mit rezeptfreien Mitteln und Gesundheitspräparaten des US-Konzerns Merck & Co für 10,4 Milliarden Dollar. Der letzte Mega-Deal in Deutschland geht auf das Jahr 2006 zurück. Damals schluckte Bayer für 17 Milliarden Euro Schering.

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Eine Akquisition von AstraZeneca durch Pfizer würde es auch in die Rangliste der weltgrössten Transaktionen überhaupt schaffen. Diese hat wieder vermehrt Zulauf bekommen - etwa durch den Ausstieg von Vodafone bei Verizon Wireless für 130 Milliarden Dollar.

(reuters/chb/moh)