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Landwirtschaft
Pflanzen-Stress: Apps gegen den Klimawandel

Dürre in Kalifornien: Damit ist in Zukunft noch häufiger zu rechnen.

Agrarindustrie im Klimastress: Dürren werden bald häufiger. Der Bedarf an hitzebeständigen Pflanzen steigt, so Experten, ebenso an Technik-Hilfe. Die Industrie wird sich neu aufstellen müssen.

Von Seraina Gross
am 20.11.2015

Es war, als ob der Wind die Oberfläche der Erde wegtragen würde. Das Ende der Welt. 40 Millionen Hektaren Land – verwüstet. Ein «blizzard of dust», ein Sturm aus Staub, der über die Ebenen von Kansas, Colarado, New Mexico, Oklahoma und Texas hinwegfegte. Und Hunderttausende von Farmern dazu zwang, ihr Land zu verlassen, um sich im fernen Kalifornien als Landarbeiter zu verdingen.

Klimatische Extremereignisse wie die «dust bowl«, die dürrebedingte «Staubwolke«, die in den 1930er-Jahren den Süden der USA heimsuchte, sind nichts Neues. Doch sie werden häufiger. In den letzten Jahren kam es zu einer Reihe von Ausnahmezuständen in wichtigen Produktionsregionen der Welt, vor allem in den USA. Sie sind mitverantwortlich dafür, dass der langfristige Trend zu tieferen Agrarpreisen vor ein paar Jahren drehte. Der UN-Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) erwartet in seinem aktuellen Bericht Preissteigerungen bei den Agrarprodukten von bis zu 83 Prozent bis 2050. Die Prognosen des IPCC zeigen für die Zeit von 2030 bis 2049 für 10 Prozent der weltweiten Anbauflächen Verlustrisiken von 25 Prozent und mehr. Ab 2050 ist mit noch grösseren Verlustrisiken zu rechnen, so die IPCC-Experten.

Eine Schlüsselindustrie

Die Agrarwirtschaft ist bei der Bewältigung der Klimaerwärmung zweimal am Zug. Sie zählt zu den grössten Urhebern von Treibhausgasen. Das Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern schätzte den Beitrag der Landwirtschaft am globalen Treibhausausstoss 2012 auf 17 bis 32 Prozent. Sollten sich die Staaten Anfang Dezember in Paris auf verbindliche Reduktionsziele verständigen, so wird die Landwirtschaft nicht aussen vor bleiben können. Die Agroindustrie hält aber auch den Schlüssel zur Bewältigung der mit der Klimaerwärmung verbundenen Probleme in der Hand: den zu neuen Technologien.

Ian Jepson, Head Plant Performance Biology beim Basler Agrokonzern Syngenta, geht für die Zukunft von einem Geschäftspotenzial von 600 Milliarden Dollar für ungedeckte Bedürfnisse für die Landwirtschaft aus. Gegenüber 300 Milliarden heute. 200 der künftig 600 Milliarden Dollar beträfen nicht biotische, also durch Schädlinge, sondern durch das Klima verursachte Belastungen für die Kulturen. «Ich gehe davon aus, dass biotisches und abiotisches Stressmanagement in Zukunft ähnlich grosse Anstrengungen erfordern werden», sagt David Fischhoff, Technologiechef von The Climate Corporation, der Einheit, die sich innerhalb des amerikanischen Saatgutkonzerns Monsanto mit Präzisionslandwirtschaft und der Aufbereitung von Daten befasst.

Klimawandel Die Erde wird immer wärmer. Diesen Dezember diskutiert die Welt in Paris, wie sie den Temperaturanstieg bremsen will. Es ist die wichtigste Konferenz seit 2009. Was dort beschlossen wird, trifft auch die Wirtschaft: Für sie ist der Klimawandel ein Risiko und eine Chance zugleich. Welche Folgen sich für Schweizer Firmen ergeben, beleuchtet die «Handelszeitung» in einer siebenteiligen Serie.
Teil 1: Der Klimawandel als Chance für die Schweizer Wirtschaft
Teil 2: Pflanzen-Stress: Apps gegen den Klimawandel
Teil 3: Klimarisiken: Wenn es Geld statt Wunschwetter gibt
Teil 4: «Sommerfrisch»: Sanftes Klima als Standortvorteil
Teil 5: Das grosse Reinemachen bei der Klimatechnik
Teil 6: Energie aus neuen Quellen
Teil 7: Die Schlüsselrolle der Banken
 

Stabile Erträge trotz Stressfaktoren

«Es geht darum, das ganze Spektrum der Technologien zu nutzen», sagt David Fischoff. Im Vordergrund stünden neue Züchtungen, «wobei wir heute dank der Gentechnologie viel gezielter nach den Eigenschaften suchen können, die wir brauchen». Es gehe darum, Pflanzen zu züchten, die trotz Stressfaktoren wie Hitze, Trockenheit, aber auch Staunässe stabile Erträge erbringen, sagt Bruno Studer, Professor am Institut für Agrarwissenschaften der ETH Zürich. Nur – höhere Temperaturen, das könne vieles bedeuten: Eine höhere Durchschnittstemperatur, eine höhere Maximaltemperatur, grössere Schwankungen.

Bruno Studer geht davon aus, dass die Trockenheit im Vordergrund stehen wird, nicht desaströse Dürren, sondern ausgedehnte Trockenperioden wie diesen Sommer. Er sucht deshalb nach sogenannten Hub-Genen, Genen, die bei der Auslösung zum Beispiel von Trockenstress entscheidend sind. «Wir versuchen, die entsprechenden Mechanismen zu verstehen und sortenübergreifend anzuwenden«. Er nimmt an, dass das auch der Weg sei, den die Industrie verfolge.

Eine weitere Piste zur Bewältigung der Klimaerwärmung ist die Informationstechnologie, ein Bereich, bei dem Monsanto die Nase vorn hat. Der Konzern hat eine einfache App auf dem Markt, mit der der Farmer den Mitteleinsatz optimieren kann. Saatgut, Pestizide, Dünger und Bewässerung werden dem Boden und den klimatischen Bedingungen angepasst. Das Unternehmen ist daran, die nordamerikanischen Getreidekammern bis in die letzte Ecke zu erfassen. «Wir verfügen über unglaublich genaue Karten», sagt Technologiechef David Fischhoff. Monsanto sei in der Lage, den Farmern ziemlich genaue Empfehlungen bei der Bewirtschaftung ihrer Felder abzugeben.

Hoffnung  auf Big Data

Auf Big Data setzt, zumindest kurzfristig, auch Gerald C. Nelson, emeritierter Professor an der Universität Illinois und Verfasser einer Studie zum Thema Klimawandel und Landwirtschaft. Später sei es wichtig, die landwirtschaftlichen Systeme genau zu verstehen. Und an die Adresse der Politik richtet er die Aufforderung, die Agrarmärkte zu öffnen. Der freie Handel sorge für einen effizienten Ressourceneinsatz und könne einen Beitrag zum Ausgleich der Variabilität bei den Ernten leisten.

In den 1930er-Jahren schickte die Regierung von Franklin D. Roosevelt Beamte in den Süden, um Kühe zu erschiessen. Eine Massnahme, die als «cattle slaughter» in die Geschichte des New Deal, der Massnahmen zur Bekämpfung der gros sen Depression, einging. Die Klimaerwärmung des 21. Jahrhunderts erfordert ein Arsenal von Antworten. Einen neuen New Deal.

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