Pharma, Ärzte und Spitäler wollen nicht, dass man ihnen dreinredet.» Das sagt ein einfacher Coiffeur in den USA. Er heisst Vito Lucchese und arbeitet in «Vinnie’s Barber Shop» in Hollywood, Florida. Während er Haare schneidet, denkt er laut über die Politik nach. Was ihn beschäftigt, ist die Gesundheitsreform. Er flucht über die Angstmacherei der Gegner aus dem rechten Lager, wo es heisst, mit der Reform müssten die Menschen länger auf ärztliche Behandlung warten.

Pharma muss Haare lassen

Big Pharma kann dies egal sein. Das Geld macht die Branche mit Medikamenten, nicht mit Dienstleistungen. Aber Novartis, Roche und Co. blicken mit gemischten Gefühlen über den Atlantik, wo sie über einen Drittel des Pharma-umsatzes machen (siehe Grafik). In Washington will Obama diese Woche mit einer Rede vor dem Kongress das Steuer im Gesundheitsdossier herumreissen und seine Reform retten. Die Pharmabranche hat Angst. «Es gibt keine Partnerschaft mit der US-Regierung, sondern einfach Regeln zur Kostensenkung», sagt der unabhängige Pharmaberater Tom Michaels in den USA. «Obama senkt die Preise für kassenpflichtige Medikamente. Die Reform ist eine Katastrophe.»

Der US-Markt ist bedeutend. Er spült der Pharma fast die Hälfte des weltweiten Gewinns von rund 250 Mrd Dollar in die Kassen. Die Kehrseite der Medaille: Die USA bergen auch das grösste Risiko. Das zeigt sich an den hohen Bussen und Prozesskosten, denen Pharmafirmen unterworfen sind. Jüngstes Beispiel: Branchenprimus Pfizer muss wegen unrechtmässiger Marketingpraxis 2,3 Mrd Dollar bezahlen.

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Die US-Gesundheitsreform bringt mit tieferen Preisen auch kleinere Margen. Heute schon werden die Medikamente teilweise zu Schleuderpreisen in die USA geliefert. «Die Nettopreise für unsere Produkte sind dieselben wie in Thailand oder Südkorea», klagt ein Pharmakonzern. Denn sämtliche Verbraucher wie Spitalketten und Krankenkassen handeln mit den Herstellern Rabatte von 50 bis 80% aus. «Nur der Staat bezahlt voll», und zwar über die beiden Versicherungen Medicare für Betagte und Medicaid für Arme, sagt Aleksandar Ruzicic, Pharmaexperte beim Beratungskonzern Roland Berger. Dies dürfte sich mit «Obamacare», wie man die Reform in den USA gerne nennt, ändern. Die unter- oder unversicherten 45 Mio US-Bürger oder fast 20% der unter 65-Jährigen dürften künftig - ob mit oder ohne staatliche Krankenkasse - mit Medikamenten zu Nettopreisen versorgt werden.

Ein Trostpflaster für die gebeutelte Pharma ist die zu erwartende Mengenausweitung - angesichts der vielen heute Unter- oder Unversicherten. Aber der Experte warnt: «Im besten Fall würden die Umsätze konstant bleiben, aber die Margen und damit der Profit würden markant einbrechen.»

Kein Wunder, dass die Branche mit aller Kraft Gegensteuer gibt: «Der zunehmende Druck der Lobbyisten hinter den Kulissen wird spürbar», weiss man bei Adamant Biomedical Investments. Der auf den Gesundheitsbereich fokussierte Zürcher Vermögensverwalter hält zudem fest, dass die wachsende Kritik an der Pharmabranche hausgemacht ist: «Viele Firmen versuchen die Preise hochzuhalten, indem sie Scheininnovationen auf den Markt bringen, um die Patentlaufzeit mit marginalen Verbesserungen, welche nicht die aktive Substanz betreffen, künstlich zu verlängern.» Auch deshalb ist Adamant überzeugt, dass kein Weg an Regulierungen vorbeiführt. «Entgleisungen infolge fehlender Marktkräfte kann nur der Staat korrigieren.»

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«Folgen sind zu bewältigen»

Und was sagt Big Pharma? Novartis räumt ohne Zögern ein, dass die Reform ab 2010 Auswirkungen auf das Geschäftsergebnis haben wird, wenn auch keine gravierenden. Der Basler Multi macht 34% des Pharmaumsatzes in den USA. «Wir erwarten moderate Folgen, die zu bewältigen sein werden.» Zahlen will der Konzern keine nennen. «Dazu ist es noch zu früh», sagt Sprecher Satoshi Sugimoto. Das Unternehmen befürchtet insbesondere Rabatte bei den beiden staatlichen Einrichtungen Medicare und Medicaid.

Auch Roche, wo gar 39% des Pharmaumsatzes aus den USA stammen, will sich nicht auf die Äste hinaus lassen, macht sich aber keine Illusionen: «Der Preisdruck nimmt weiter zu, davon müssen wir ausgehen», sagt Konzernsprecher Daniel Piller.

«Zweistelliges Wachstum vorbei

In der Lobbying-Zentrale, beim Branchenverband Interpharma in Basel, gibt man sich optimistisch: «Obama will, dass mehr Leute Zugang zur Krankenversicherung haben, was von der Pharmaindustrie begrüsst wird», sagt Interpharma-Chef Thomas Cueni. Der zunehmende Preisdruck werde wohl teils durch höhere Mengen aufgrund der besseren Versicherungsdeckung kompensiert. Doch: «Die Zeiten des zweistelligen Wachstums sind auch auf dem amerikanischen Pharmamarkt definitiv vorbei.» Was Cueni gefällt: «Wir erwarten, dass die USA auch in Zukunft ein innovationsfreundliches Umfeld bieten werden.»

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Hart ins Gericht mit Politikern und der Pharmaindustrie geht der US-Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman. In der «New York Times» schrieb er kürzlich: «Was heute im Weg steht, sind die Lügen der rechten Propagandamaschine und die Gier des medizinisch-industriellen Komplexes.» Krugman klingt damit erstaunlich ähnlich wie Coiffeur Vito Lucchese in Florida.