Die öffentliche Hand muss sparen. Daher verordnen Regierungen der Pharmaindustrie weltweit Abmagerungskuren - Abschläge auf die Medikamentenpreise. Solche Zwangsrabatte stehen nicht nur in der Schweiz, sondern auch in den USA, in Deutschland, Spanien und Griechenland auf der Agenda. Im Visier der Behörden sind die Margen auf teure Medikamente.

Big Pharma bangt um die Pfründe und warnt vor negativen Folgen für die Forschung. Erst gerade letzte Woche hat Galenica-CEO Etienne Jornod im Interview mit der «Handelszeitung» gesagt: «Der Arzneimittelmarkt in der Schweiz befindet sich derzeit auf Abwärtskurs.» Er geht davon aus, dass weitere Preissenkungen verordnet werden. In den USA revidieren Pharmakonzerne ihre Gewinnprognosen nach unten. «Und sie sind nach wie vor Zielscheibe für noch mehr «give-backs» an die Regierung», sagt der unabhängige US-Pharmaberater Tom Michaels. Das Jammern kennt keine Grenzen.

Ungebrochenes Wachstum

Nun legt aber die Ratingagentur Standard & Poor’s eine Studie vor, die Entwarnung gibt. Fazit: «Die Umsätze steigen weiter und scheinen immun zu sein gegen den Druck auf die öffentlichen Gesundheitsbudgets.» Die Umsätze der zwölf beurteilten europäischen Unternehmen stiegen um durchschnittlich 6% im Jahr 2009 und im 1. Quartal des Jahres 2010 um 8% (siehe Tabelle). Untersucht wurde in jedem Konzern nur das Wachstum der Pharma-Division. Das erklärt, warum Novartis im 1. Quartal 2010 nur ein Plus von 7% verzeichnete, während der Konzern dank dem Impfstoff-Boom um insgesamt 25% zulegte.

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«Wir glauben, dass diesem ungebrochenen Wachstum unter anderem neue Medikamente zugrunde liegen, wie bei Novartis das neue Bluthochdruckmittel Exforge», sagt Olaf Toelke, Analyst bei Standard & Poor’s. Zudem hat er beobachtet, dass die Medikamente in den USA letztes Jahr teurer wurden. Er sieht darin einen direkten Zusammenhang mit der Gesundheitsreform, eine Preiserhöhung auf Vorrat. Das unerschütterliche Rückgrat des Branchenwachstums bilden aber die alternde Bevölkerung und der weiterhin ungesunde Lebenswandel.

Interpharma sagt Jein

Roche und Novartis lehnen es ab, zur Studie Stellung zu nehmen, und spielen den Ball dem Branchenverband Interpharma zu. Dort gibt sich Cheflobbyist Thomas Cueni zurückhaltend. Auf die Frage, ob er sich dem Fazit der Studie anschliessen könne, antwortet er mit einem Jein: Der Einfluss der Preissenkungen stehe erst noch bevor. Aber: «Der negative Preiseffekt wird durch den Mengeneffekt als Folge einer alternden Bevölkerung zumindest teilweise kompensiert.» Und schliesslich werde die Innovation auch fortan die Triebfeder für das Wachstum bleiben.

Der Standard & Poor’s-Analyst räumt durchaus ein, dass die Margen der Pharmaindustrie zumindest gefährdet sind. Neben den Generika, die nach dem Patentablauf der Originalpräparate auf den Markt kommen, nennt er auch den steigenden staatlichen Druck auf die Preise: «Wegen der hohen öffentlichen Verschuldung dürften viele europäische Länder Sparpakete umsetzen, die wahrscheinlich auch zur Kürzung der Gesundheitsausgaben führen.»

Dennoch zeichnet die Studie ein positives Bild. Denn die Unternehmen würden Mittel und Wege finden, um auch in Zukunft hohe Margen zu erzielen - nicht zuletzt durch eine Kostenreduktion. Roche hat den Anteil des administrativen Aufwands an den Gesamtkosten in den letzten Jahren sukzessive auf 23% reduziert. Zum Vergleich: Der britische Konzern AstraZeneca wendet 35% der Gesamtkosten für Administration auf. Auch Novartis tritt entschlossen auf die Kostenbremse. So hat der neue Konzernchef Joe Jimenez in den USA trotz beachtlichen Wachstums 383 Stellen gestrichen, was ab 2011 jährliche Einsparungen von 56 Mio Dollar bringen soll. Zudem hat Novartis den Aufwand fürs Marketing mit einer neuen, regional abgestimmten Strategie um 1,6 Prozentpunkte gesenkt.

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Schwellenländer boomen

Zur weiteren Absicherung der künftigen Margen werden im Übrigen die Schwellenländer sorgen. Dort verzeichnet Big Pharma - wenn auch noch auf bescheidenem Niveau - hohe zweistellige Wachstumsraten. Novartis legte im 1. Quartal 2010 in den sechs Ländern China, Indien, Brasilien, Russland, Südkorea und Türkei um 38% zu. Bei Roche waren es 25% für das Segment International, das die Schwellenländer und Kanada umfasst.

Die Studie sieht das Potenzial in diesen Regionen nicht nur in der rasant wachsenden Wirtschaft und den höheren Gesundheitsansprüchen, sondern ebenso im Bevölkerungswachstum und in der Professionalisierung der Gesundheitssysteme. Dies bestätigt auch Interpharma-Chef Cueni: «Die Schwellenländer hatten auch in der auslaufenden rezessiven Phase hohe Wachstumsraten beim Volkseinkommen. Entsprechend hat die Bedeutung der USA und der EU-Staaten als Wachstumsfaktor für den Pharmamarkt in den letzten Jahren stark abgenommen.»

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Nach Einschätzung des pharmazeutischen Beratungsunternehmens IMS Health dürften in den Schwellenländern insgesamt bereits in zehn Jahren Medikamente für 400 Mrd Dollar verkauft werden, deutlich mehr als in den USA, wo es 360 Mrd Dollar sein dürften. «Von dieser Entwicklung werden insbesondere die europäischen Pharmafirmen profitieren, weil viele von ihnen schon seit Jahren ein Standbein in den Schwellenländern haben», schlussfolgert die Studie.Weitere strategische Anpassungen werden die Branche vor dem Wegschmelzen der Profite schützen: Neben Effizienzsteigerung und Kostenreduktion sieht die Studie vor allem eine Diversifizierung weg von patentierten Präparaten zu mehr Generika, frei verkäuflichen Mitteln oder Gesundheitsprodukten für Tiere. Hilfreich sei auch die Zusammenarbeit mit andern Firmen, sei es im Bereich Forschung und Entwicklung, Herstellung in Lizenz oder Auslagerung gewisser Aktivitäten. Schliesslich beobachtet die Studie eine Verlagerung in spezifische Bereiche wie die personalisierte Medizin oder biologische Medikamente.

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USA kein Problem

Auch die negativen Folgen der Gesundheitsreform in den USA werden in der Studie relativiert, «weil die Massnahmen nur schrittweise umgesetzt und mit 32 Mio neuen potenziellen Patienten zu einer signifikanten Marktausweitung führen werden». So seien auch die 80 Mrd Dollar verkraftbar, die sich die Branche über zehn Jahre verteilt ans Bein streichen muss: «Das wird nur einen begrenzten negativen Effekt auf die Profitabilität haben.» Konkret bedeutet das: Die durchschnittliche Gewinnmarge (Stufe Ebitda) von heute 30% dürfte im laufenden Jahr um 2,4 Prozentpunkte sinken - alle andern Effekte ausgeklammert.

Alles in allem scheint die Pharmaindustrie gegen den Preisdruck der Regierungen gut gewappnet. Darüber kann auch das präventive Jammern nicht hinwegtäuschen. Roche und Novartis legen demnächst die Halbjahreszahlen vor.

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