Novartis, Roche und Nestlé sind die meist in einem Atemzug genannten defensiven Schwergewichte des Schweizer Aktienmarktes. Seit Jahresbeginn und damit auch zu einem grossen Teil in der zuletzt turbulenten Börsenphase versagten die beiden Pharmariesen jedoch als sicherer Hafen der Anleger. Während Nestlé mit einem Plus von über 17% seit Jahresbeginn ihre defensiven Qualitäten aufblitzen liess, schwächelten Roche und Novartis mit einem Minus von mehr als 4 bzw. 10%.

Dass dies in erster Linie ein Branchenproblem ist, zeigt die
Performance anderer grosser Pharmaunternehmen wie Sanofi-Aventis (–14%), GlaxoSmithKline (–2%) und Pfizer (–6%) seit Anfang des Jahres. Die UBS fasst die überall grassierenden Probleme des Pharmasektors in einer neuen Studie wie folgt zusammen: Zum einen wird die Produktivität von Forschung- und Entwicklung bemängelt – oder anders ausgedrückt: man wartet schon beinahe verzweifelt auf neue Kassenschlager, während Patente aktueller Wachstumstreiber auslaufen. Gleichzeitig würden Generika durch Preisdruck ein Profitabilitätsproblem verursachen, und die von den US-Demokraten angestrebte Gesundheitsreform zeige sich im Pharmabereich in Gestalt eines politischen Problems, so das Fazit der UBS-Analysten. Sie setzen den gesamten Sektor deshalb auf «Neutral». Einzige Ausnahme: Novartis. Dieser Titel wird zum «Kauf» empfohlen. Für das zuletzt arg kritisierte Unternehmen und dessen CEO Daniel Vasella
eine wohltuende Abwechslung.


Novartis mit Discount

Neue Produkteinführungen seien bei Novartis noch nicht eingepreist, betont man nicht nur bei der UBS, sondern auch bei Bank Vontobel. Trotz der hohen Wahrscheinlichkeit, dass das Wachstum der Pharmadivision im 2. Halbjahr 2008 wieder über dem Branchendurchschnitt liegen werde, weise Novartis in seiner Gesamtheit einen Discount von mehr als 20% gegenüber der Konkurrenz auf. «Sector Outperform» empfehlen deshalb die Vontobel-Analysten. Bei der UBS spricht man dem Vasella-Konzern zudem die beste Widerstandskraft gegen Generika sowie politische Einflüsse und Preisdruck zu.

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Zwar ratet Helvea-Analyst Andrew Fellows bei Novartis aufgrund des vergleichsweise geringen Patentauslaufs und eines breiten F&E-Portfolios auch auf «Accumulate», gehört aber zu den eher scharfen Kritikern des Basler Pharmariesens und seiner Geschäftsführung. Novartis gelinge es derzeit weder im Sandoz- noch im Pharmabereich, einen angemessenen Ertrag zu erzielen, so Fellows. «Das Unternehmen hat es in vielen Jahren unter Vasella nicht geschafft, irgendwelche aufregenden neuen Medikamente einzuführen», unterstreicht der Helvea-Analyst seine Zweifel. Da Novartis in letzter Zeit statt durch Umsatzwachstum nur durch Kostenreduktionen und Rückkäufe gewachsen sei, wartet Fellows auf eine neue, langfristig Wert kreierende Strategie.

Novartis sei aber wie Roche defensiver als die meisten Peers, da weniger von Patentausläufen betroffen. Für Roche ist der in London basierte Helvea-Analyst aber auch sonst zuversichtlicher.
«Roche ist mit seinem Onkologiegeschäft einzigartig positioniert und wird den Sektor stark outperformen», so die Überzeugung Fellows. Dass er mit dieser Meinung nicht allein ist, zeigt die «Kaufen»-Empfehlung von 75% der Analysten. Ein so deutlich positives Feedback bekommt sonst keiner der grossen Pharmabetriebe. Novartis und Merck folgen mit 56 bzw. 54% «Kaufen»-Ratings.


Im Kampf gegen israelische Teva

Wie hart umkämpft der Pharmamarkt derzeit ist, zeigt die Flut an Rechtsstreitigkeiten. Gegenpart ist in sehr vielen Fällen der israelische Generikaproduzent Teva. Im Patentstreit um Famvir konnte Novartis zwar zu Beginn der Woche mit dem an einem US-Appelationsgericht erwirkten Verkaufsstopp des Teva-Generikums einen Etappensieg erreichen. Vorsorglich tätigte das Basler Pharmaunternehmen jedoch Abschreibungen von 250 bis 300 Mio Dollar. Und auch Roche verlangt nun die Blockierung der Verkäufe eines zur Osteoporose-Behandlung eingesetzten Teva-Generikums. Ebenso befindet sich GlaxoSmithKline, bei deren Aktie die Analysten der Bank Wegelin aufgrund der gut gefüllten Pipeline und der dennoch tiefen Bewertung Chancen erkennen, im Streit mit Teva.