Fieberhaft versucht die Weltgesundheitsorganisation (WHO), mehr über den neuen Subtypus des Schweinegrippevirus herauszufinden. «Etliche der Toten in Mexiko litten unabhängig von der Grippe an ernsten Atemwegserkrankungen», relativiert der WHO-Experte Keiji Fukuda die Tödlichkeit des Virus selbst.

Explodiert nun die Nachfrage nach Tamiflu? Oder überschätzt die Öffentlichkeit den Effekt, weil sich die Regierungen schon weitgehend mit antiviralen Medikamenten eingedeckt haben? Martina Rupp, Sprecherin des Pharmakonzerns und Tamiflu-Produzenten Roche, mag darüber «nicht spekulieren». Erst jüngst haben die britische und japanische Regierung die Vorräte der beiden Medikamente aufgestockt. Bei Roche legten die Verkäufe von Tamiflu in den ersten drei Monaten 2009 auf 401 Mio Fr. zu, ein Plus von 38% zum Vorjahresquartal. Im Gesamtjahr 2008 waren es 609 Mio Fr. und 2007 rund 2,1 Mrd Fr.

Roche-Konkurrentin Glaxo-SmithKline (GSK) holt jüngst mit Riesenschritten auf. Das erstaunt angesichts der Vorteile von Tamiflu: Die Kapseln können ganz einfach geschluckt werden. Das systemische Medikament geht in den Blutkreislauf über und verteilt sich im Körper, was wichtig ist bei aggressiven Viren, die auch innere Organe angreifen. Das GSK-Produkt Relenza hingegen muss inhaliert werden. Je nach Zustand der Patienten können die nötigen tiefen Atemzüge ein Problem sein. Trotzdem spielte Relenza im 1. Quartal 2009 bei GSK umgerechnet 366 Mio Fr. ein - nach nur 114 Mio Fr. im ganzen 2008. Ein Grund für den Boom sind Tamiflu-Resistenzen. In den USA zeigte sich jüngst, dass 98% der häufigsten saisonalen Grippeviren nicht auf Tamiflu ansprachen. «Die Resistenz ist nur bei einem speziellen Subtypus der saisonalen Grippe aufgetreten», betont jedoch Martina Rupp.

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Die WHO hat bei den jüngsten US-Fällen von Schweinegrippe am Menschen denn auch festgestellt, dass sowohl Tamiflu als auch Relenza wirksam sind. Beides sind Neuraminidase-Hemmer, welche die Vermehrung und Verbreitung des Virus im Körper unterbinden und Symptome wie Fieber oder Gliederschmerzen lindern. Das Virus ist ein neuer Subtypus des weit verbreiteten Stamms H1N1. Mit Ausstülpungen auf seiner Oberfläche heftet sich das Virus an Körperzellen, dringt in sie ein und vermehrt sich darin.

Impfstoffe: Novartis auf Rang 2

Die WHO arbeitet derzeit mit Hochdruck daran, das richtige Virus für die Herstellung eines Impfstoffes zu identifizieren. «Die Entwicklung dauert vier bis sechs Monate», sagt WHO-Vertreter Fukuda, «anschliessend müssen für die Produktion der nötigen Quantitäten nochmals mehrere Monate veranschlagt werden.»

GSK ist auch im Vakzinbereich tätig, Marktführer bei den saisonalen Grippeimpfstoffen ist jedoch die französische Sanofi-Aventis, Novartis liegt auf Platz zwei. «Wir arbeiten eng mit der WHO, den US- und anderen Regierungsbehörden weltweit zusammen, um einen starken und wirksamen medizinischen Schutz gegen die Schweinegrippe zu entwickeln», sagt Novartis-Sprecherin Iris Wahlen. Beim Basler Konzern wächst der Bereich Impfstoffe und Diagnostik überdurchschnittlich und legte 2008 um 20% auf 1,8 Mrd Dollar Umsatz zu. In den USA erhielt Novartis im Januar von der Regierung den Zuschlag für ein Produktions- und Forschungszentrum für Grippeimpfstoffe in North Carolina. Dort soll dereinst nicht mehr nur der herkömmliche, monatelange Herstellungsprozess mit bebrüteten Hühnereiern zum Einsatz kommen, sondern eine moderne Methode mit der Gewinnung aus Zellkulturen, die nur wenige Wochen benötigt.