Die Bewertungen im Pharmasektor sind heute nur noch halb so hoch wie vor fünf bis sechs Jahren. «Ich rechne auch nicht damit, dass Pharmaaktien noch einmal so teuer werden», sagt Martin Vögtli, Analyst bei Sal. Oppenheim. Ein langsameres Marktwachstum, Patentabläufe wichtiger Medikamente sowie zuweilen schlecht gefüllte Pipelines hätten die Risiken der Branche in den Vordergrund gerückt.

«Pharma» wird von den Investoren seit längerem eher vernachlässigt. So hat Roche in den letzten sechs Monaten 3,6% verloren. Die Aktie von Novartis büsste sogar 5,5% ein; der Pharmakonzern musste aber auch einige Rückschläge einstecken. Auf die Verzögerung bei Galvus folgten der Marktrückzug des Reizdarm-Medikaments Zelnorm und der Generika-Streit um Lotrel.
Die Bank Vontobel rechnet damit, dass Novartis wegen Lotrel anlässlich der Ergebnispublikation vom 17. Juli die Jahresprognose für das Pharmageschäft «auf das untere Ende» der Bandbreite senken muss. Bisher hat der Pharmakonzern ein Umsatzwachstum in Lokalwährungen (LW) im tiefen bis mittleren einstelligen Bereich prognostiziert. Für das 2. Quartal schätzt Vontobel, dass der Konzernumsatz um 5% in LW auf 9,2 Mrd Dollar angestiegen ist. «Für Novartis wird es im kommenden Jahr schwierig, im Pharmageschäft zu wachsen», erklärt Vögtli. Mittelfristig könnte aber die Zulassung von Galvus gegen Diabetes sowie eine gute Akzeptanz des Blutdrucksenkers Rasilez/Tekturna positiv auf den Kurs wirken.
Beim Konkurrenten Roche sei das Wachstum in den nächsten drei bis vier Jahren durch Krebsmedikamente wie Avastin gesichert, erwartet Vögtli. Jüngst ist Roche zudem mit dem US-Unternehmen Alnylam eine Forschungskooperation eingegangen, die weiteres Potenzial, aber kaum Wettbewerbsvorteile verspricht, da der Rivale Novartis bereits mit 20% an dem Biotechunternehmen beteiligt ist.
Die Quartalszahlen wird Roche zwei Tage nach Novartis präsentieren. Vontobel rechnet damit, dass der Quartalsumsatz um 15% in LW auf 11,4 Mrd Fr. gewachsen ist. Gute Wachstumschancen garantieren aber noch keine grossen Kurssteigerungen. Die Erwartungen an die Krebsmedikamente sind sehr hoch, was rasch zu Rückschlägen führen kann.
Hoffnung bringt jedoch die späte Phase des Konjunkturzyklus. Die Spitze dürfte bald einmal erreicht sein und damit könnten die defensiven Pharmawerte wieder in die Gunst der Investoren kommen, so Beatrice Kunz, Analystin bei Clariden Leu.

Analysten ziehen Roche vor

Ginge es nach der Mehrheit der Analysten, müssten die Kurse der beiden Pharmatitel denn auch schon lange anziehen. 83% empfehlen Roche zum Kauf, bei Novartis sind es immerhin 64%. «Nach einigen sehr schlechten Produktemeldungen für europäische Pharmawerte ist der Sektor noch unbeliebter geworden und bietet daher Chancen», heisst es bei Morgan
Stanley. Auch Warren Buffett hat sich mit Pharmaaktien eingedeckt. Der bekannte Value-Investor hat jüngst in Sanofi-Aventis und Johnson & Johnson investiert.

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