Die gegenseitige Abhängigkeit von Pharmaunternehmen, Ärzten und Apotheken war schon immer pikant. Ohne verschreibenden Arzt erhält der Patient kein rezeptpflichtiges Medikament. Und ohne Industrie gäbe es keine Arzneimittel, keine Apotheker und weniger Ärzte.
Diese Abhängigkeit hat in der Vergangenheit zu heiklen und teils grotesken Situationen geführt: Pharmaunternehmen luden Golf spielende Ärzte zu einem Turnier, offerierten ihnen Reisen samt Begleitung an Kongresse in ferne Länder oder verköstigten sie in exquisiten Gourmet-Tempeln. Die fachliche Information über ein Produkt, eine neue Studie oder klinische Versuche gehörte bei solchen Events zu den Nebensächlichkeiten.
*Kulturwandel, aber viele offene Fragen*
Mit dem neuen Heilmittelgesetz haben sich diese lustvollen Zeiten des grosszügigen Pharmasponsorings geändert. Boni und Rabatte wurden untersagt oder nur noch in engem Rahmen zugelassen.
Das neue Regime, seit 2002 in Kraft, hat bei den betroffenen Playern zu einem Kulturwandel geführt, der noch nicht abgeschlossen ist. Bundesämter, Aufsichtsbehörden und spezialisierte Juristen versuchen, mit Empfehlungen Klarheit in die verworrene Situation zu bringen. Denn tatsächlich liegt die Schwierigkeit beim Pharmasponsoring darin, dass sich die Normen teils widersprechen. Erhält ein Apotheker zu Weihnachten eine Schachtel Pralinen oder ein Arzt einen edlen Tropfen von einer Pharmafirma geschenkt, fordern die einen Gesetze die Bestrafung aller Parteien, während andere kein Problem darin erkennen. Der Knackpunkt der vermeintlichen Lappalie - seien dies Pralinen oder Wein - liegt darin, dass die Geschenke die Verschreibungspraxis oder die Abgabe eines Medikamentes durch den Arzt beeinflussen können. Und sobald dieser Zusammenhang vorliegt, ist die Sache ein Fall für den Richter - beziehungsweise für Swissmedic. Die Aufsichtsbehörde muss von Amtes wegen einschreiten, was sie in den letzten Monaten verschiedentlich getan hat. Sie hat über 30 Verfahren eröffnet, die sich allesamt gegen juristische Personen richten. Laut Auskunft von Swissmedic sind vor allem grössere Pharmafirmen betroffen.
In rund der Hälfte der Fälle geht es um verbotene Rabattierung. Früher war es in der Branche üblich, auf zehn verkaufte Medikamenten-Packungen drei, fünf oder gar zehn weitere Packungen gratis mitzuliefern. Solches Gebaren wird heute von Swissmedic nicht mehr toleriert. Einzelne Ärzte fordern die Boni aber gleichwohl. «Längst nicht alle halten sich an die neuen Vorschriften», weiss Athanasios Zikopoulos, General Manager des Pharmaunternehmens Mundipharma. Auch die Spitalapotheken versuchen, von der Industrie Rabatte zu bekommen. «Jener Aussendienstler, der eine weisse Weste behalten will, sieht alt aus.» Die Kunden spielen die Pharmabetriebe geschickt gegeneinander aus - und treiben sie so in die Illegalität.
*Wettbewerbskommission: Preiskartell so oder so?*
Umgekehrt ruft die Wettbewerbskommission (Weko) die Pharmaindustrie geradezu auf, Rabatte zu gewähren. «Es könnte Anhaltspunkte geben, dass die Firmen entweder keinen oder generell 20% Rabatt gewähren», sagt Olivier Schaller, Vizedirektor der Weko. Dies käme einem verbotenen Preiskartell gleich. Die Weko prüft zurzeit, ob sie eine Untersuchung gegen die Pharmaindustrie eröffnen soll. Bis im November 2004 soll der Entscheid fallen, was die Situation für die Pharmabranche noch heikler macht. Gibt sie Rabatte, schreitet Swissmedic ein. Gibt sie keine, untersucht die Weko. Was also tun? Für Zikopoulos ist die Situation mit den Boni und Rabatten nicht bereinigt. Dies sei erst dann der Fall, wenn Swissmedic Präzedenzfälle schaffe. «Die Behörde sollte endlich einzelne Fälle abschliessen», fordert auch Malesa Sidjanski, Vertriebsleiter Schweiz beim Tessiner Pharmaunternehmen IBSA. «Die latente Unsicherheit ist ein Skandal und führt zu unhaltbaren Verhältnissen.»
Doch Swissmedic braucht Zeit, viel Zeit. Bis die ersten Fälle entschieden sein werden, dürfte es noch eine Weile dauern. Laut Michael Burri, dem zuständigen Juristen bei der Swissmedic, hängt dies nicht zuletzt vom Verhalten der betroffenen Firmen ab, welche die Verfahren mit Einsprachen verzögern können. Zudem gebe es andere Themenbereiche, die bevorzugt behandelt werden müssten, wenn eine Gefährdung der Bevölkerung gegeben sei: Fälschungen von Medikamenten, illegaler Import, Internethandel. Insgesamt drei Personen behandeln bei der Kontrollbehörde die gegenwärtig über 160 hängigen Fälle.
*Deutschland als abschreckendes Beispiel*
Die Verunsicherung bei den Pharmaunternehmen hat noch eine weitere Ursache. Einige drastische Urteile in Deutschland haben die Branche aufgeschreckt. «Seit dem ?Herzklappenskandal? ist die Zusammenarbeit zwischen medizinischer Industrie und Ärzten strafrechtlich problematisch geworden», sagt Thilo Räpple, Partner bei Baker & McKenzie in Frankfurt. Die deutschen Ermittlungsbehörden haben in den letzten acht Jahren einer Vielzahl von pharmazeutischen und medizintechnischen Unternehmen korruptives Verhalten vorgeworfen und gegen viele hundert Ärzte, die in den Genuss von Vorteilen kamen, Strafverfahren eingeleitet. Der krasseste Fall betraf einen Chefarzt, der zwei Jahre hinter Gitter musste, weil er sich regelmässig bestechen liess. Die Regeln sind entsprechend hart. Geschenke oder Essen, die mehr als 50 Euro kosten, sind verpönt. In der Schweiz liegt diese Grenze laut Auskunft von Swissmedic bei 300 Fr.
Umgekehrt fordert das Bundesamt für Sozialversicherung (BSV), dass sich die Ärzte etwa bei einem Kongress an den Kosten beteiligen müssen (500 Fr. im Inland; 1000 Fr. im Ausland). «Theorie und Praxis klaffen hier aber weit auseinander», sagt Peter Reinert, Rechtsanwalt in Zürich.
Die Frage ist, ob in der Schweiz bald deutsche Verhältnisse Einzug halten. Fahren auch hier die Behörden bald im grossen Stil bei verdächtigen Firmen ein, konfiszieren den Schreibverkehr und saugen E-Mails ab? «Wohl kaum», sagt Reinert. Zudem könne es sich Swiss-medic nicht leisten, die ersten Fälle vor Gericht zu verlieren. Auch deshalb dürften ihre Untersuchungen noch etwas dauern.

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