Indien zwingt Bayer dazu, das Patent für ein Krebsmedikament an einen heimischen Hersteller weiterzugeben. Was bedeutet das für die Pharmabranche?

Oliver Kubli: Der indische Pharmamarkt wächst zwar stark, ist aber nur etwa 10 Milliarden Dollar gross. Für die Pharmakonzerne macht er nur einen kleinen Teil des Umsatzes aus. Daher glaube ich, dass dieses Urteil mittel- bis langfristig schlechter für Indien als für die Konzerne ist. Denn der Schutz des geistigen Eigentums ist dort scheinbar weiterhin ein grosses Problem. Firmen wie Bayer oder Novartis werden sich überlegen, ob sie mit bestimmten Medikamenten in solch einen Markt hineingehen. Das könnte verhindern, dass die modernsten Technologien und Medikamente ihren Weg nach Indien finden.
 
Die Gegner werfen den Konzernen Preistreiberei vor. Ärzte ohne Grenzen sagt, im aktuellen Bayer-Fall könnten die Behandlungskosten von 5500 auf 175 Dollar pro Monat  sinken, was angemessen wäre für Indien.

Aus Patientensicht ist das nachvollziehbar. Aber die Pharmakonzerne arbeiten mindestens zehn Jahre an der Entwicklung eines Medikamentes und geben inklusive aller Kosten bis zu 1,8 Milliarden Dollar dafür aus. Das ist das Gegenargument. Ohne Erträge keine Forschung, ohne Forschung keine neuen Medikamente. Aber sicher muss es einen Mittelweg geben.
 
Wie könnte der aussehen?

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Zum Beispiel so, dass die Oberschicht einen guten Preis bezahlt, es aber auch Programme etwa für Ärzte ohne Grenzen gibt, von denen die armen Leute profitieren. Aber ein Urteil, das ein Patent einfach für eine billige Generikafirma öffnet, hilft dem Standort Indien bestimmt nicht weiter.
 
Könnte das Urteil auch Ähnliches in anderen Ländern nach sich ziehen, etwa in Afrika?

Ja, theoretisch kann das passieren. Allerdings ist der Fall, dass ein Patent einfach aufgehebelt wird, schon sehr speziell. Von etwas Ähnlichem habe ich noch nicht gehört. Und in China etwa geht der Trend in die andere Richtung. Dort versucht man, möglichst viele Forschungseinheiten ins Land zu holen.
 
Auch Novartis wartet auf ein Urteil in Indien. Der Vorwurf lautet, dass der Konzern das Patent für ein Krebsmedikament mit minimalen Änderungen immer wieder verlängert. Wie sind die Chancen für Novartis?

Die Chancen, dass Novartis gewinnt, sind sehr klein, denke ich. Die Marschrichtung ist jetzt klar vorgegeben.

Oliver Kubli ist Managing Director von Adamant Biomedical Investments.