Die Schweiz hat ihre Sache wieder einmal vorbildlich gemacht. In nur vier Jahren ist es dem Branchenverband Scienceindustries gelungen, ein beträchtliches Mass an Transparenz über die Geldflüsse von der Pharmaindustrie ins Gesundheitswesen herzustellen. Fast 80 Prozent der besonders delikaten Zahlungen an Ärzte und andere Gesundheitsfachleute lassen sich heute individuell zuordnen, bei den Gesundheitsorganisationen steuert die Offenlegungsquote mit grossen Schritten auf 100 Prozent zu.

Das sind Werte, von denen andere Länder wie Deutschland nur träumen können – und Topwerte, wenn man bedenkt, dass diese heiklen Geldströme noch vor wenigen Jahren ganz im ­Dunkeln lagen. 

Ein gelungener Fall von ­Selbstregulierung? Schön wärs.

Mehr noch: Unternehmen wie die deutsche Merck, die auch vier Jahre nach dem Start der Pharmakodizes noch immer unterirdische Offenlegungsquoten haben, kommen dadurch nicht zuletzt aus den eigenen Reihen unter Druck. Wettbewerber klopfen sich gegenseitig auf die Finger, damit spart man sich die Kosten für eine staatliche Aufsicht, die, so zeigt das Beispiel der USA, teurer und träger ist. Selbstregulierung «at its best». Was will man mehr?

Schön wär's. Denn in einem entscheidenden Punkt sind die Verhältnisse noch immer weit vom Idealzustand entfernt. Es geht um die Zahlungen an die ärztlichen Fachorganisationen – ausgerechnet also an jene Organisationen, welche eine zentrale Rolle spielen bei der ärztlichen Weiterbildung und für die Meinungsbildung zum Beispiel bezüglich neuer Therapien. 729 der 1'400 Organisationen, die 2018 Gelder von der Industrie bezogen, hatten nur gerade einen Geldgeber. Das ist die Hälfte. 

Gewiss, in manchen Fällen mag das Monosponsoring gerechtfertigt sein. Dann zum Beispiel, wenn es um seltene Krankheiten geht, an denen weltweit nur gerade ein Unternehmen forscht. Oder bei Impfungen, einem Geschäft, das derart stark konsolidiert ist, dass sich die Zahl der Anbieter mittlerweile an einer Hand abzählen lässt. Wenn aber Ärzteorgani­sationen, die sich mit hochkompetitiven Indikationsgebieten wie Lungenkrebs oder Herzkreislaufer­krankungen beschäftigen, am Tropf eines oder nur weniger Geldgeber hängen, dann ist das fragwürdig. 

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Eine unabhängige Ärzteschaft ist unbezahlbar

Ziel muss sein, den Wissenstransfer von der Industrie zur Ärzteschaft und zurück so zu organi­sieren, dass er eine unabhängige Meinungsbildung ermöglicht. Nur so sind die Voraussetzungen ge­geben, dass die Patientinnen und Patienten die ­Behandlung bekommen, die sie brauchen. 

Drehen wir den Spiess deshalb um und sagen: Ärztliche Weiterbildung ist grundsätzlich Sache der Ärzte oder ihrer Arbeitgeber. Die Kosten dafür werden angemessen in den Tarifsystemen abgebildet und gehen zumindest partiell zulasten der Prämienzahler. Die Pharmaindustrie kommt, wenn überhaupt, nur ergänzend und in der Regel im Multipack ins Spiel. Das kommt den Prämienzahler zwar teurer. Doch: Eine unabhängige Ärzteschaft ist letztlich unbezahlbar.