Mit weltweit 550 Mrd Dollar Umsatz erzielte die Pharmabranche im letzten Jahr ein Rekordergebnis. Unangefochtener Branchenprimus ist Pfizer (USA) mit 51 Mrd Dollar Umsatz; Novartis und Roche bringen es zusammen auf 40 Mrd Dollar. Speerspitze von Big Pharma sind 82 Massenmedikamente mit je über 1 Mrd Dollar Marktvolumen. Nach Einschätzung des Pharma-Marktforschungsunternehmens IMS Health dürfte die Bonanza angesichts von Patentabläufen im Umfang von 70 Mrd Dollar zwischen 2006 und 2008 allerdings merklich abflauen. Doch vorderhand sorgen diese so genannten Blockbuster allenthalben für prallvolle Kassen; allein Novartis konnte in den letzten paar Monaten Firmenzukäufe von 9 Mrd Dollar tätigen.

Ob Grösse die richtige Strategie für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts ist, bleibt abzuwarten. Denn in der Medikamentenindustrie zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab: In Zukunft dürften nicht mehr die traditionell synthetisierten Substanzen wie der Cholesterin-Senker Lipitor von Pfizer (12 Mrd Umsatz), sondern auf spezifische Defizite zugeschnittene Biotech-Arzneien wie das MS-Interferon Rebif (Serono, 1 Mrd Umsatz) Furore machen.

Schon heute liegt das Marktvolumen der Biopharmaka bei über 42 Mrd Dollar. Mit einem prognostizierten Wachstum von jährlich 17% bis 2008 entwickelt sich dieser Bereich zudem doppelt so dynamisch wie die Pharmabranche insgesamt. Doch gerade biotechnologische Eigenentwicklungen sind in den Pipelines der zehn grössten Pharmakonzerne untervertreten trotz Aufwendungen für Forschung und Entwicklung von jährlich insgesamt 40 Mrd Dollar.

Die grossen Konzerne helfen sich mit Zukäufen

Mit Zukäufen und Einlizenzierungen versuchen die Grosskonzerne, dieses Malaise zu beheben, wie Klaus Niedermeier, Healthcare-Analyst bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank, konstatiert: «Traten die innovativen Biotechnologie-Unternehmen früher als Bittsteller an die Big Pharma heran, sind sie inzwischen zu heiss umworbenen Übernahmekandidaten avanciert.» In der Tat konnte Roche ihren Goldesel Genentech vor 15 Jahren noch zum Schnäppchenpreis erwerben. Novartis dagegen wird für die angekündigte Übernahme des kalifornischen Impfstoffherstellers Chiron über 4,5 Mrd Dollar in die Hand nehmen müssen. Ob die Grosskonzerne die Trägheit ihrer hauseigenen Forschung auf Dauer mit solchen Zukäufen kaschieren können, ist fraglich. Beispielsweise konnte Novartis-Chef Daniel Vasella letzte Woche die baldige Lancierung des vielversprechenden Blutdrucksenkers SPP 100 in Aussicht stellen. Nicht an die grosse Glocke gehängt wurde dabei, dass das Präparat beim kleinen Basler Biotechunternehmen Speedel eingekauft wurde.

Die ab 2007 fälligen Lizenzzahlungen von jährlich schätzungsweise 100 Mio Dollar will Speedel in die Finanzierung einer unabhängigen Zukunft stecken: «Wir streben eindeutig einen eigenständigen Weg und keine Übernahme durch Big Pharma an», bestätigt CEO Alice Huxley. So zieht Speedel denn auch die zurzeit laufende Phase-III-Studie für das Niereninsuffizienz-Präparat SPP 301 ohne Hilfe von Minderheitsaktionär Novartis durch. Mausert sich das Medikament zum Blockbuster, könnte das Basler Jungunternehmen der dominanten Novartis schon bald den Rücken kehren und in den Kreis der grossen Gentech-Konzerne wie Serono oder Amgen aufsteigen.

Weitere Hoffnungsträger in der Schweizer Biotech-Szene sind Cytos (Impfstoffe) und Arpida (Antiinfektiva). Diese wendigen Schnellboote laufen den Grosskonzernen nicht nur punkto Innovation den Rang ab, sie arbeiten auch viel kosteneffizienter. Während etwa Roche oder Novartis laut der Beratungsfirma Arthur D. Little für die Entwicklung eines neuen Medikaments rund 800 Mio Dollar verbrennen, rechnet man bei Speedel für SPP 301 mit einem F&E-Aufwand bis zur Markteinführung von bloss 100 Mio Dollar.

Flache Hierarchien bringen steiles Wachstum

Den Hauptgrund für das rationelle Kostenmanagement der Newcomer sieht Cytos-Finanzchef Jakob Schlapbach in flachen Hierarchien, Übersichtlichkeit und unbürokratischen Kommunikationswegen: «Statt in schwerfälligen Konzerngremien werden Entscheidungen gemeinsam mit den wenigen Verantwortlichen am runden Tisch rasch gefällt.» Typisch für Biotechfirmen ist auch die konsequente Ausrichtung auf die zukunftsträchtigen Märkte der Zivilisationskrankheiten und altersbedingten chronischen und degenerativen Erkrankungen. «Da ein 70-Jähriger statistisch betrachtet zehnmal so viele Medikamente einnimmt wie ein 30-Jähriger, wirkt die demografische Alterung als ein starker Umsatz- und Ertragstreiber», heisst es in einem Pharma-Ausblick der deutschen Deka Bank.

So dürften denn in Zukunft neben den traditionellen Hauptumsatzbereichen Herzkreislaufmedikamente, Krebspräparate und Psychopharmaka insbesondere innovative Arzneimittel gegen Altersgebresten wie Alzheimer, Parkinson, Rheuma oder Diabetes steile Zuwachsraten verzeichnen. Diese Entwicklung wird «Nischenblockbuster» hervorbringen. Schon 2005 sind laut IMS Health mehr als die Hälfte der erwarteten neuen Blockbuster Spezialmedikamente.


Die Hoffnungsträger
Beispiel Cytos: Von null auf 113

Kleine Biotechfirmen sind agiler und flexibler als Grosskonzerne wie Roche oder Novartis. Zu den Hoffnungen in der Branche gehören Arpida, Cytos und Speedel.

- Cytos: Das 1995 als Spin-off der ETH gegründete Schlieremer Biotech-Unternehmen entwickelt so genannte Immunodrugs Impfstoffe gegen chronische Krankheiten. Eine Impfung gegen Nikotinsucht hat die Phase II erfolgreich abgeschlossen. Zu den Aktionären gehören CEO Wolfgang Renner, HBM Bioventures sowie Novartis. Im Juni verfügte das Unternehmen über 76 Mio Fr. liquide Mittel bei einer monatlichen Cash-burn-Rate von 2,5 Mio Fr. Bei Cytos arbeiten 113 Angestellte.

- Speedel: Seit 1998 entwickelt das Basler Biotech-Unternehmen Medikamente gegen Bluthochdruck und diabetische Niereninsuffizienz. Investoren sind CEO Alice Huxley, Novartis und DSM. Mitte August hatte Speedel 122 Mio Fr. Cash bei einer monatlichen Burn-Rate von 5 Mio Fr. Speedel zählt 70 Mitarbeitende. Das Unternehmen ging Anfang September an die Börse. (eko)