Ein neuer Begriff geistert derzeit durch die Pharmawelt. Er heisst Pharming und ist die Kombination aus Pharma und Farming. Die dahinter stehenden Überlegungen erscheinen abenteuerlich, waren in der Branche aber bereits für Wachstumsfantasien verantwortlich.

Denn die Pharming-Technologie soll dafür sorgen, dass in Zukunft Nutztiere wie Ziegen oder Kühe zu Trägern für Medikamenten werden können. Und zwar billiger und für grössere Mengen geeignet, als dies die bisher gängigen, biotechnologischen Methoden. So will das amerikanische Biotechunternehmen GTC Biotherapeutics Anfang 2008 in der Europäischen Union mit dem Produkt Atryn ein erstes solches Medikament lancieren. In den USA laufen die entscheidenden letzten Studien.

Genetisch veränderte Ziegen

Das Präparat dient der Vorbeugung venöser Thromboembolien bei Patienten, die sich einer Operation unterziehen und an einem Mangel an Antithrombin leiden. Antithrombin ist ein Protein, das gegen Entzündungen und Blutgerinnungen wirken kann. GTC will Atryn auf der Grundlage der Milch von Ziegen herstellen, denen ein Transgen für Antithrombin eingepflanzt wurde. Ein Transgen ist ein Gen, das mit gentechnischen Verfahren in das Erbgut eines Organismus eingebracht wurde.
Zusätzlich arbeitet GTC mit seinen gentechnisch veränderten Ziegen an einem Impfstoff gegen Malaria sowie an einem Produkt für Krebstherapien. Beide Projekte befinden sich allerdings erst in frühen Entwicklungsphasen.

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Bereits ein Milliardenmarkt

Doch Geoffrey Cox, CEO und Verwaltungsratspräsident des Unternehmens, ist nicht alleine. In den USA ist das Unternehmen Merrimack daran, Mittel gegen Multiple Sklerose oder Rheumatoide Arthritis auf der Basis von Ziegen zu entwickeln. In Argentinien und den Niederlanden forschen Unternehmen mit Kaninchen und Kühen an ähnlichen Projekten.
Eine erneute Debatte über den Nutzen respektive die Gefahren der Gentechnik erscheint angesichts dieser Forschungsprojekte unausweichlich. Kritiker erwähnen neben ethischen Gesichtspunkten auch das Wohlergehen der Tiere. Die Befürworter hingegen heben wirtschaftliche Fakten hervor: 2006 habe der weltweite Markt für solche Medikamente 40 Mrd Dollar betragen; 2010 könnten es bereits 70 Mrd Dollar sein. Hinzu komme, dass die Produktion von Medikamenten mittels transgener Tiere kostengünstiger sei.
In den USA befinden sich bereits erste Produkte aus transgenen Pflanzen im Verkauf. Dazu gehören Trypsin (für Insulin und Impfstoffe) und Aprotinin (für Blutungshemmer), die von der Firma Prodigene aus transgenem Mais gewonnen werden. Eigentliche Medikamente aus solchen Pflanzen gibt es bislang noch nicht.

Syngenta fürchtete Kosten

Auch der britisch-schweizerische Pflanzenschutz- und Saatgutkonzern Syngenta mit Sitz in Basel arbeitete bis vor einem Jahr an solchen Produkten, die aus Färberdisteln gewonnen werden sollten. Im Juni 2006 kündigte das US-Unternehmen Sembiosys an, dieses Projekt einlizenziert zu haben. Syngenta könne dazu keine weiteren Auskünfte geben, sagt Sprecherin Sabine Hoffmann. Das Unternehmen hege aber keine Pläne, wieder in diesem Bereich aktiv zu werden. Die Abgabe habe «gänzlich» auf den weiteren, hohen Entwicklungskosten beruht.
Doch noch im Jahresbericht 2003 wurden die entsprechenden Forschungsarbeiten explizit hervorgehoben. Die Firma wolle ihre «herausragenden» Fähigkeiten in diesem Bereich nutzen, um das Potenzial auf diesem neuen Gebiet der Biotechnologie «voll auszuschöpfen», hiess es damals. Und weiter: «Für die nächsten Jahre ist der Aufbau eines Produkteportfolios vorgesehen, welches sich auf medizinische Bedürfnisse von Patienten ausrichtet, denen biopharmazeutische Produkte einzigartige Vorteile bieten können», war Syngenta damals überzeugt.

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Pestizid: Klage gegen Paraquat weiter in Diskussion

Uno-Klage
Die angedrohten Klagen der Nicht-Regierungsorganisation Erklärung von Bern (EvB) gegen das Syngenta-Pestizid Paraquat ist noch nicht vom Tisch. Die erste Klage vor der Nahrungsmittel- und Landwirtschaftsorganisation der Uno wird Ende Oktober von Experten in Rom diskutiert.

US-Klage
Die zweite grosse Klage in den USA (zusammen mit dortigen Nicht-Regierungsgruppierungen) wird kaum vor Sommer 2008 zustande kommen, lässt die EvB durchblicken.

Hintergrund
Unter der Handelsbezeichnung Gramoxone vertreibt Syngenta das umstrittene Pestizid. Kritiker werfen der wichtisten Paraquat-Herstellerin vor, dass das Produkt giftig sei und zu Verbrennungen führe. Kürzlich wurde Paraquat von der EU verboten. Syngenta will es nicht vom Markt nehmen.

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