Bis heute wird sogenannt «Gutes» von Schweizer Unternehmen meist im Stillen getan. Nicht unbedingt, ob es der Firma nützt, ist das Kriterium für soziales, ökologisches oder sonstwie nachhaltiges Engagement, sondern dass der Patron es so will und es sich auch leisten kann. Zunehmend erkennen hiesige Verantwortungsträger jedoch auch den vielseitigen Nutzen verantwortungsvollen unternehmerischen Handelns, wie sich Corporate Social Responsibility oder CSR übersetzen lässt, und setzen es als gelebten Teil der Unternehmenskultur bewusst ein zur Stärkung der Aussenbeziehungen sowie als Reaktion auf Kunden- und Mitarbeiterbedürfnisse.

So unterschiedliche Grosskonzerne wie Nestlé, Swiss Re, Novartis, Manor oder Orange haben inzwischen erkannt, dass ihre Tätigkeit Auswirkungen auf die Umwelt hat, und ebenso, dass die Wahrnehmung ihrer sozialen Verantwortung nicht nur Kostenfaktor ist, sondern Wettbewerbsvorteil sein kann. Die Stiftung Philias unter ihrer Gründerin Bettina Ferdman Guerrier setzt sich seit zehn Jahren für die Verbreitung dieses Gedankengutes in den Firmen ein.

Die langsam aussterbenden patronal geführten Familienunternehmen haben
oft ein ganz anderes Wertesystem als Firmen, die von angestellten Managern geleitetet werden, welche primär verpflichtet sind, Gewinne zu machen.

Bettina Ferdman Guerrier: Das ist richtig. Es ist auch bei den Grossen eine Frage der Hierarchie: Die Unternehmensspitze beziehungsweise der Verwaltungsrat muss Vorgaben machen, welche gesellschaftlichen Ziele ihr Unternehmen heute und in Zukunft erreichen will, wie das geschehen soll und wo man sich engagieren will. Und der moderne Manager befindet sich in der paradoxen Situation, dass er zwar den Profit maximieren sollte, aber auf vertretbare Art und Weise.

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Der Impuls für verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln muss also von der Spitze kommen?

Ferdman Guerrier: Immer! Wenn der Impuls nicht von oben kommt, dann ist es enorm schwierig beziehungsweise dauert
es bedeutend länger.

Internationale Grosskonzerne haben den Stellenwert ihrer Reputation in der Gesellschaft inzwischen meist erkannt. Aber was ist mit dem grossen Rest der Firmen, den zehntausenden von KMU?

Ferdman Guerrier: Besonders die börsenkotierten Konzerne sind heute wirklich schon auf einem beachtlich hohen Stand. Die KMU sind ganz unterschiedlich weit. Insbesondere für die Zulieferer der Grossbetriebe ist es jedoch zunehmend eine Überlebensfrage, die Bedingungen der Grossbetriebe erfüllen zu können.

Das heisst, Grossbetriebe fordern von ihren Zulieferern grössere soziale Verantwortung?

Ferdman Guerrier: Sie beginnen damit, ja.

Warum?

Ferdman Guerrier: Weil auch sie dem steigenden Druck der Investoren, der Kunden und der Mitarbeitenden ausgesetzt sind. Und dieser Druck der Stakeholder wird nach unten weitergegeben.

Wie viele Firmen haben bereits ein nennenswertes soziales Bewusstsein entwickelt?

Ferdman Guerrier: Bei den Grosskonzernen ist es die Mehrheit, ganz klar. Aber auch bei den KMU entwickelt sich der Trend in diese Richtung. Philias überlegt sich zurzeit, spezifische Dienstleistungen und Produkte für KMU zu entwickeln.

Und die Nachfrage ist gross?

Ferdman Guerrier: Es gibt drei Kategorien von Unternehmen: Solche, die immer schon ein Bewusstsein für soziale und gesellschaftliche Verantwortung hatten und anders sein wollen, besser. Dann gibt es diejenigen, die Probleme haben und darauf reagieren, indem sie sagen: Wir müssen etwas dagegen tun. Und es gibt jene, die noch nichts tun, obwohl sie eigentlich wissen, dass sie über kurz oder lang keine Alternative haben.

Die meisten Firmen werden heute von Männern im gesetzteren Alter geführt, die grösstenteils das Wertesystem der 80er und 90er Jahre verinnerlicht haben. Das neue Denken braucht wohl noch etwas Zeit.

Ferdman Guerrier: Es kommt auf die Branchen an. So gibt es viele KMU im Bereich des Umweltschutzes, in der Beratung, im Sozialwesen. Oder Unternehmen im Bankensektor oder im Dienstleistungssektor: Sie haben es grundsätzlich etwas einfacher als ein Produktionsbetrieb und können ihre Verantwortung wahrnehmen, indem sie einfach Geld investieren und sich in Themen wie Lohngleichheit und Frauenförderung engagieren, um Talente anzuziehen. Es kommt aber auch auf den Produktionsort an: Wer zum Beispiel Textilien in Schwellenländern herstellen lässt, muss heute viel stärker als noch vor wenigen Jahren darauf achten, unter welchen Bedingungen dort produziert wird. Ein aktuelles Beispiel sind die Spielzeuge aus China. Die Firmen reagieren auch hier zunehmend auf den Druck von aussen und von innen.

Wo liegen die Hauptprobleme?

Ferdman Guerrier: Was paradox ist: Die Bedürfnisse der Geber entsprechen oft nicht den lokalen Bedürfnissen. Oft wollen die Firmenverantwortlichen anderes bewirken als eigentlich benötigt wird. Angebot und Nachfrage passen nicht immer zusammen. Hier können wir vermitteln, zum Beispiel mit der Dialogplattform Humagora, die den privaten und den gemeinnnützigen Sektor zusammenbringt.

Haben Topverdiener eine grössere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft?

Ferdman Guerrier: Unbesehen ihres Einkommens glaube ich, dass Unternehmensführer und Verwaltungsräte in jedem Fall eine grössere Verantwortung für die Gesellschaft haben, weil sie mehr bewirken und weitreichendere Entscheide treffen können.

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Wer ist Philias?: Mitglied eines europaweiten CSR-Netzwerkes


Philias
Die nicht gewinnorientierte Stiftung, die jedoch wie eine normale Gesellschaft funktioniert, engagiert sich für verantwortliches unternehmerisches Handeln, auch Corporate Social Responsibility (CSR) oder Corporate Citizenship genannt. Das Netzwerk ist ursprünglich aus einem KMU hervorgegangen, welches 1997 von Bettina Ferdman Guerrier gegründet wurde, die heute Generaldirektorin ist. Von Anfang an wurde sie «moralisch und finanziell» von Philippe Nordmann (Manor/Lacoste/Fly) unterstützt, dem heutigen Präsidenten von Philias.

CSR Europe
Philias ist die Schweizer Vertreterin des CSR-Europe-Netzwerks, des bedeutendsten Netzwerkes von Unternehmen im Bereich Corporate Social Responsibility in Europa. Dieses besteht aus über 60 multinationalen Unternehmen und wurde 1995 von Jacques Delors gegründet.

Die Philias-Mitgliedfirmen

• Centre Info SA
• Diageo Suisse SA
• Firmenich SA
• Ethos Stiftung
• BCV-Gruppe
• Holcim (Schweiz) AG
• KPMG Schweiz
• Lombard Odier Darier Hentsch & Cie
• Manor AG
• Manpower AG
• Microsoft Schweiz GmbH
• Nestlé SA
• Novartis Consumer Health SA
• Orange Communications SA
• PRO entreprise sociale privée
• Randstad (Schweiz) AG
• Rentes Genevoises
• Swiss Re
• Syngenta International AG
• Unicible AG
• Union Bancaire Privée
• Zurich Financial Services
• MCI (neu seit 1. September 2007)
• ein weiterer Kandidat folgt dieser Tage

www.philias.org

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Steckbrief

Name: Bettina Ferdman Guerrier
Funktion: Direktorin Philias
Geboren: 12. Januar 1969
Wohnort: Genf
Familie: Verheiratet,
eine Tochter
Ausbildung: Politologie (Universität Genf)

Karriere:
Kommunikationsberaterin bei Michael Foley Associates.Unesco und WHO-Einsätze in Kamerun, Polen, Portugal, der Schweiz.
Mitglied Comité Scientifique dEcodurable (Paris) und der Jury Suisse du Social Entrepreneurship.
-1997 Gründung Philias