Seit Sie der starke Mann von Axa Winterthur sind, haben Sie mit Ihren Ankündigungen die Konkurrenz aufgeschreckt.

Philippe Egger: Es geht mir nicht darum, die Konkurrenz aufzuschrecken. Wir sind der grösste Versicherer der Schweiz, wir gehen unseren eigenen Weg und setzen uns ambitionierte Ziele. Wenn wir auch noch Massnahmen ankündigen, dann kann es durchaus sein, dass der eine oder andere Konkurrent etwas erschrickt. Das ist aber nicht unsere primäre Absicht.

Im Kollektiv-Lebengeschäft haben Sie Preissenkungen bekannt gegeben, die Konkurrenten zu Aussagen verleiteten: Das wird sich nie auszahlen.

Egger: Auf Grund der gesetzlichen Spielregeln, die für alle gleich sind, kann man sich in der Beruflichen Vorsorge nur dadurch unterscheiden, indem man die Kosten besser im Griff hat, mit den Dienstleistungen punktet und bessere Renditen erzielt. Axa Winterthur ist punkto Kosten pro Versicherten Marktleader. Deshalb geben wir auf den 1. Januar 2008 – und das haben wir angekündigt – die Kosteneinsparungen, die wir erzielt haben, unseren Kunden weiter und senken den Kostentarif um durchschnittlich 10%. Und wir senken auch den Risikotarif für die Invalidität. Das können nochmals durchschnittlich 10% sein.

Also tarifliche Anpassungen aufgrund des verschärften Wettbewerbs?

Egger: Nein. Wir verbilligen die Prämien nicht, sondern lassen die Kunden davon profitieren, dass wir effizienter und produktiver arbeiten.

Sie schliessen günstigere Prämien also aus?

Egger: In der Nichtleben-Sparte ist der Preisdruck etwas stärker, weil es allen besser geht. 2006 haben wir den Höhepunkt des Zyklus erreicht, sodass die Preise zwangsläufig etwas runter gehen.

Alle Versicherer wollen im Schweizer Markt, einem gesättigten Markt, wachsen. Wie will das Axa Winterthur?

Egger: Stimmt, alle wollen in einem Markt wachsen, dessen Bevölkerung nur langsam zunimmt und der eine der höchsten Versicherungsdichten der Welt hat. Jetzt kommt es darauf an, ob es eine weitere Konsolidierung im Markt gibt. Uns tangiert diese Frage nicht, weil wir diesbezüglich weder zu den Gewinnern noch zu den Verlierern gehören.

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Warum nicht?

Egger: Weil wir die Nummer eins sind und zum zweitgrössten Versicherungskonzern der Welt gehören. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, dass wir von jemand Grösserem geschluckt werden.

Sie könnten in der Schweiz akquirieren.

Egger: Kaum. Denn mit einem Anteil von 10 Mrd Fr. am gesamten schweizerischen Prämienvolumen von 50 Mrd Fr. sind wir wirklich die Grössten. Da macht es aus unserer Sicht wenig Sinn, weiter zu konsolidieren. Zudem bekämen wir wohl ein wettbewerbsrechtliches Problem.

Sie glauben nicht, dass sich der Schweizer Markt weiter konsolidieren wird?

Egger: Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Ende der 1990er Jahre hatten wir eine ähnliche Situation. Damals boomte die Börse, und es hiess: Wachstum könne nur über Akquisitionen erfolgen. Und siehe da, es sind immer noch die gleichen Player im Markt. In der Schweiz verteilen sich etwa 80% der Prämien auf die fünf grössten Gesellschaften, die restlichen 20% auf 90 bis 100 Player.

Wenn aber alle Schweizer Gesellschaften wachsen wollen und Sie eine Konsolidierung für unwahrscheinlich erachten – wie soll dann die Rechnung aufgehen?

Egger: In einem gesättigten Markt können zwangsläufig nicht alle wachsen. Die Folge ist klar: Es wird Gewinner und Verlierer geben. Gewinnen wird auf alle Fälle nur jener Versicherer, der die besten Dienstleistungen erbringt.

Und jetzt werden Sie sagen, das ist Axa Winterthur.

Egger: Genau.

In gewissen Bereichen sind Sie noch nicht so weit. Welches sind Ihre Sorgenkinder?

Egger: Im Nichtleben-Geschäft und bei der Beruflichen Vorsorge sind wir führend. Im Einzelleben dagegen rangieren wir auf Platz drei. Das entspricht noch nicht unseren Erwartungen. Im KMU-Geschäft sehen wir noch Verbesserungspotenzial. Wie gesagt, nur der Beste kann in einem gesättigten Markt wachsen.

Im Einzelleben-Geschäft wollen Sie Nummer eins werden?

Egger: Ja, aber im Verbund mit Fondsprodukten und gewissen Bankenprodukten. Der Einzelleben-Markt hat sich seit den 90er Jahren auf rund 9,5 Mrd Fr. halbiert. Das spüren wir sehr stark. Wir sind mit 1,2 Mrd Fr. am Markt beteiligt.

Und Sie sind überzeugt, dass sie beim unbestrittenen Marktführer Generali Marktanteile holen werden.

Egger: Absolut. Seit Anfang Jahr beobachten wir bei den fondsgebundenen Einzelleben-Versicherungen einen Boommarkt, und wir können mit unserem neuen Produkt profitieren.

Haben Sie weitere Produkte im Köcher?

Egger: Wir haben jetzt den Vorteil eines Grosskonzerns. Axa ist in den letzten 20 Jahren nur gewachsen, und wir können die erfolgreichsten Neukreationen für den Schweizer Markt kopieren. Die Wachstumsstory der Axa beeindruckt mich sehr, denn solche Wachstumsraten hat niemand hingekriegt, weder die Winterthur noch die anderen Schweizer Versicherer. Davon wollen wir in einer ersten Phase profitieren.

Wie soll das konkret funktionieren?

Egger: Axa ist in 50 Ländern vertreten. Und in jedem dieser Länder gibt es immer auch ein Schweizer Problem. Japan hat beispielsweise tiefe Zinsen wie wir, aber ein enormes Wachstum im Einzelleben-Markt. Und wir behaupten, in der Schweiz könne man wegen der tiefen Zinsen nicht wachsen. Nun sprechen wir uns mit den japanischen Kollegen ab und analysieren die Situation. Das geschieht alles auf freiwilliger Basis, kann aber grosse Skaleneffekte bringen.

Entsprechend hoch sind die Vorgaben aus Paris, die Sie erreichen müssen: Verdoppelung des Umsatzes von 2004, Verdreifachung des Gewinns pro Aktie bis 2012.

Egger: Diese Ziele sollen länderspezifisch umgesetzt werden. Das heisst, Wachstumsmärkte müssen mehr erreichen und reife Märkte wie die Schweiz müssen anstreben, sich klar über dem Marktdurchschnitt zu entwickeln. Dazu brauchen wir die besten Leute. Die besten Ideen kann man im Konzern sammeln. Deshalb liegt es in meinem Interesse, in diesem Axa-Verbund das Beste herauszufischen.

Wird man Ende dieses Jahres erste Auswirkungen der Wachstumsstrategie sehen?

Egger: Im Einzelleben-Geschäft befindet sich die gesamte Branche im Abwärtstrend. Wir haben es geschafft, den freien Fall zu stoppen. Im Nichtleben und in der Beruflichen Vorsorge sind wir leicht wachsend, aber noch nicht dort, wo ich sein möchte.

Also 2007 leicht wachsend, aber noch nicht in berauschendem Tempo.

Egger: Ja, doch ab 2008 haben wir ganz andere Ziele.

Welche?

Egger: Gesamthaft gehen wir von 3% aus, was je nach Sparte variieren kann. Das ist auch noch nicht berauschend, aber wenn der Gesamtmarkt mit etwas über 0% stagniert, dann sind wir stattlich darüber. In gewissen Sparten haben wir als Winterthur gewisse Marktanteile verloren. Jetzt als Axa Winterthur wollen wir diese Anteile zurückgewinnen.

Zum Beispiel?

Egger: Im Nichtleben-Geschäft halten wir einen Marktanteil von 15,5%, und wir wollen zurück auf 17,5%. Das ist die Philosophie, die dahintersteckt: Marktanteile zurückzugewinnen, die wir verloren haben, und dort, wo wir wie im Einzelleben nicht Nummer eins sind, stärker als der Markt zu wachsen.

Und im BVG?

Egger: Da sind wir schon die Nummer eins. Auch hier wollen wir über dem Markt von 2% wachsen.

Die Versicherer gehen wieder vermehrt Kooperationen mit Banken ein, um
abgelaufene Lebensversicherungen zu reinvestieren. Was plant Axa Winterthur?

Egger: Wir sind in der Tat dabei, alles zu prüfen, um unseren Kunden eine Wiederanlage zu ermöglichen. Unsere Wiederanlagequote ist sehr tief.

Wie tief?

Egger: Mehr einstellig als zweistellig.

Was schwebt Ihnen konkret vor?

Egger: Wir prüfen gegenwärtig alle Optionen. Sollen wir weitere Fonds kreieren und vertreiben? Oder wir überlegen, ob wir einfache Bankprodukte als Zwischenlösung anbieten sollen – im Alleingang oder im Verbund mit einem Partner.

Möchten Sie das Modell Bank-Versicherung für die Schweiz reaktivieren?

Egger: Nein. Das Zusammengehen von Credit Suisse und Winterthur ist gescheitert, weil der Schweizer Markt nicht in der Lage ist, ein solches Konzept zu schlucken.

Und eine eigene Axa-Winterthur-Bank?

Egger: Wir prüfen auch diese Option. Aber wir werden keine neue Bank mit Schaltern gründen. Die zentrale Frage ist für uns: Was geschieht mit den Reinvestments der Kunden? Und da gibt es verschiedene Lösungen: Man kann neue Produkte kreieren, Produkte einkaufen oder eben Banklösungen anbieten. Ein Beispiel aus dem Ausland, wie so etwas funktionieren könnte, wäre die Axa Banque in Frankreich.

Also ein Comeback von «Allfinanz light».

Egger: Das kann man so sagen. Ich bin felsenfest davon überzeugt. Es gibt Phasen, in denen man Versicherungs- und Bankprodukte gemeinsam verkaufen kann.

Sind wir in einer solchen Phase?

Egger: Ich denke schon.

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Steckbrief

Name: Philippe Egger
Funktion: CEO Axa Winterthur
Alter: 51
Wohnort: Zürcher Weinland
Ausbildung: Studium der Rechtswissenschaften, Universität Freiburg

Karriere
1985–1987 Genfer Versicherung
1988 Freiburger Versicherung
1988–2002 Basler Versicherungen,
zuletzt Mitglied der Geschäftsleitung, Leiter Privatkundengeschäft Schweiz
Seit 2003 Winterthur Group
Seit 2007 Mitglied des Axa Executive Committee, CEO der Winterthur Schweiz

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Nummer eins
Die Axa Winterthur ist mit einem Marktanteil von 20% (rund 10 Mrd Fr. Prämienvolumen) die Nummer eins im Versicherungsmarkt Schweiz und beschäftigt 5600 Mitarbeitende. 2006 wurde die damalige Winterthur Group vom französischen Versicherer Axa übernommen.