Wohl kaum ein anderer Künstler hat unsere Vorstellung von Kunst so stark geprägt wie Pablo Picasso. Kein Wunder, verspricht auch die neue Schau im Kunsthaus Zürich der Höhepunkt des Jubiläumsjahres 2010 zu werden. Bereits Picassos weltweit erste Museumsretrospektive, die 1932 am Heimplatz gezeigt wurde, bescherte dem Kunsthaus mit für damalige Verhältnisse enormen 34000 Eintritten innert neun Wochen einen neuen Besucherrekord. Picasso selbst hatte die Schau zusammengestellt. Es glich einer Revolution im Kunstbetrieb, dass ein Künstler die Werke für eine Museumsausstellung selbst bestimmte und nicht ein Museumsdirektor. Dem subjektiven Blick des Künstlers auf sein herausragendes Werk begegnete das Publikum mit grossem Interesse. Und auch die Presse verfolgte den Meister, der mit Frau Olga und Sohn Paulo fünf Tage vor Ausstellungsbeginn in Zürich eingetroffen war, auf Schritt und Tritt. Doch nicht alle vermochten das Genie zu erkennen. C. G. Jung etwa nannte Picasso damals in der «Neuen Zürcher Zeitung» gar schizophren.

Enormer finanzieller Aufwand

Für die über 200 Arbeiten - 56 davon aus Picassos Privatbesitz - wurde damals die gesamte ständige Sammlung aus dem Kunsthaus entfernt. Der Aufwand war schon damals weitaus höher als die Einnahmen. Dennoch leistete sich das Kunsthaus - obwohl knapp bei Kasse - für 125000 französische Francs den Erwerb des Gemäldes «Guitare sur un guéridon» von 1915 und wurde so zum ersten Schweizer Museum mit einem Picasso in seiner Sammlung. Viele der ausgestellten Werke waren damals käuflich. Das war möglich, weil das Kunsthaus zu dieser Zeit als privater Kunstverein organisiert war.

Diese erste Retrospektive mit über 200 Werken wird nun während dreieinhalb Monaten in Erinnerung gerufen. Von der Rosa und der Blauen Periode über die kubistische und neoklassizistische Phase bis zum surrealistischen Schaffen finden sich in der Ausstellung etwa 70 Originale aus berühmten internationalen Sammlungen, ergänzt durch rund 30 Radierungen. Allein die Versicherungssumme für das finanziell und logistisch aufwendige Projekt beträgt gegen 2 Milliarden Franken.

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Melancholie und Schwermut

Am Beginn der chronologisch gehängten Ausstellung steht Picassos Jugendwerk, das von Vorbildern wie Gauguin, van Gogh, aber auch von den alten Meistern geprägt ist. Inspiriert von den Arbeiten Toulouse-Lautrecs und ersten Aufenthalten in Paris, schuf Picasso einige farbenfrohe Darstellungen grossstädtischen Lebens, die noch keinen eigenständigen Stil aufweisen. Ab Herbst 1901 begann der damals 20-Jährige in vorwiegend blaugrünen und blauvioletten Farbschattierungen Bilder zu malen, die in ihrem Ausdruck und ihrer Stimmung von Melancholie und Schwermut gekennzeichnet sind. Die Motive dieser Blauen Periode sind Gestrandete und Opfer der Gesellschaft: Kriminelle, Prostituierte, Bettler. Aus dieser und der sich ab 1905 anschliessenden Rosa Periode hatte Pi-casso damals nur wenige Werke in die Zürcher Ausstellung integriert. Auf dieses auf dem heutigen Kunstmarkt besonders begehrte Frühwerk blickte der Künstler fast gleichgültig zurück. Für ihn verkörperte der Aufbruch zum Kubismus den Beginn seines eigentlichen Schaffens.

Zwischen 1907 und 1917 entwickelte Picasso zusammen mit Georges Braque die völlig neue Bildsprache des Kubismus. An die Stelle der Zentralperspektive trat eine Sehweise, die den Bildgegenstand aus mehreren Blickwinkeln gleichzeitig wiedergibt. Dieser neuen Stilrichtung galt sein besonderes Interesse. Die Ausstellung präsentiert diesen Schwerpunkt, indem sie das Schaffen jener Zeit in drei Phasen unterteilt: In den analytischen, den synthetischen und den spätkubistischen Stil. Immer wieder arbeitete Picasso in mehreren Techniken parallel.

Begeisterung für den Surrealismus

In den 1920er-Jahren befreundete sich Picasso mit den surrealistischen Dichtern André Breton, Louis Aragon und Tristan Tzara. Obwohl er selbst kein offizielles Mitglied der Surrealisten war, nahm er an deren Aktivitäten und Gruppenausstellungen teil. Die surrealistische Periode, in der die Formensprache nun neuen, fantastischen Kompositionen Platz machte, begann Ende der 1920er-Jahre und dauerte über die Zürcher Retrospektive hinaus bis 1937 (Heimplatz, Zürich; bis 30. Januar 2011).