Pierin Vincenz ist seit nunmehr 15 Jahren das Gesicht des drittgrössten Bankenkonzerns des Landes. Er lässt keine Zweifel darüber aufkommen, dass weiteres Wachstum angepeilt wird. Unter seiner Führung wird das indes nur noch etwa ein Jahr passieren. Am Freitag hat die Raiffeisen den Rücktritt von Vincenz als Chef der Bankengruppe auf März 2016 bekanntgegeben. Irgendwann hat jeder genug vom permanenten Spannungsfeld von politischen, ökonomischen und strukturellen Einflüssen im Bankenbusiness.

Den Bündner schien sonst nichts aus der Ruhe zu bringen. Der Vorsitzende der Geschäftsleitung (CEO) spricht immer ruhig und bedächtig, aber zum Glück nicht so langsam wie ein Berner. «Wir müssen unsere Strategie einfach ständig den veränderten Bedingungen anpassen», sagte Vincenz im Sommer 2014 anlässlich eines Gesprächs für das Ostschweiz-Special der «Handelszeitung».

Keine Angst vor der Immobilienblase

Wenn andere vom Platzen einer Immobilienblase sprechen, bleibt er beim Szenario des Soft Landing. Gerade weil die Raiffeisen schwergewichtig im Hypothekenbereich tätig ist, kennt er das Geschäft. Der Anteil an diesem Gesamtmarkt hierzulande macht 16 Prozent aus. Nach Adam Riese bleibt den übrigen Geschäftsbereichen 84 Prozent.

Doch der Vergleich hinkt gewaltig. Die Raiffeisen Schweiz hat andere Strukturen, ist aufgeteilt in eine Vielzahl kleiner Institute mit einem hohen Eigenverantwortungsgrad. Was auch erklärt, dass Vincenz gelassen bleibt, wenn man seine Gruppe allenfalls als systemrelevant einstuft. «Sicher ist allerdings, dass der Aufwand für die Umsetzung erheblich sein wird.» Die Genossenschaft zählt national 316 Raiffeisen-Banken mit 1032 Filialstellen.

Vertrauen der Kunden erhalten

Einmal mehr hebt Vincenz die Stärke der Raiffeisen-Struktur hervor. «Unsere Leute vor Ort kennen ihre Kunden und ihre Bedürfnisse. Sie sind immer Aug' in Aug' mit ihnen. Das ist - vor allem in der heutigen anonymisierten Gesellschaft - von unschätzbarem Wert.» Und was ihm besonders wichtig ist: «Das Vertrauen zwischen den Kunden und uns ist ein langer Prozess, der nicht von heute auf morgen zerstört werden kann.»

Anzeige

Vincenz wird sich hüten, zu erklären, dass die Raiffeisen auch vom Unwillen vieler Schweizer über die Grossbanken profitiert hat. Ein Blick auf die Zahlen genügt. Seit dem Beginn der Finanzkrise 2008 ist die Bilanzsumme um fast 35 Prozent gewachsen, auf 177 Milliarden Franken.

Tiefe Marge im Hypothekargeschäft

Auf die Frage, wie sich die Margen im für die Gruppe wichtigen Hypothekargeschäft entwickeln werden, sagt er: «Uns liegt sehr daran, diese zu stabilisieren. Aber wenn die Zinsen tief bleiben, kann die Marge vom letzten Jahr von 1,24 auf 1,2 Prozent oder gar noch tiefer fallen.» Die finanziellen Folgen dieser Entwicklung schätzt er auf rund 150 Millionen Franken. Aber auch hier sind bereits Szenarien in der Schublade. Zwischen der Trennung von einzelnen Marktsegmenten und einem weiteren Fitnessprogramm wählt der trainierte Vincenz Letzteres.

Sein Rezept hat er kürzlich an einem Seminar den Teilnehmern des Executive MBA in Business Engineering an der Universität St. Gallen (HSG) verraten. «Als Unternehmen der Zukunft müssen wir uns auf eine ständige Transformation einstellen, indem wir unsere Stärken gegenüber der Konkurrenz weiter ausbauen, robuste Geschäftsmodelle entwickeln und eine enge Zusammenarbeit zwischen Business und Informatik anstreben.»

Neue Anlaufstelle für KMU

Das bringt ihn zu seinem derzeitigen Lieblingsthema: Die Gründung des ersten Raiffeisen-Unternehmenszentrums der Schweiz in Gossau SG. Auf einer Bürofläche von mehr als 750 Quadratmetern wird angeboten, was auf Wilhelm Raiffeisen zurückgeht. Sein Motto lautete: «Was dem Einzelnen nicht möglich ist, vermögen viele.» Das sogenannte RUZ soll die wichtigste Anlaufstelle für KMU werden.

Anzeige

Von der Firmengründung über die Unternehmensführung bis hin zur Nachfolgeregelung sollen KMU unkompliziert und praxisnah begleitet werden - ohne viel Papierkram. Das Spezielle am RUZ ist, dass nicht Unternehmensberater, die oft selbst noch nie eine Firma geführt haben, mit Rat und Tat zur Seite stehen, sondern gestandene Berufsleute aus allen Branchen.

Perlen in der ostschweizerischen Unternehmerlandschaft

Daher erstaunt auch nicht, dass seine Liste der versteckten Perlen in der ostschweizerischen Unternehmerlandschaft so lang ist, dass dafür der Platz nicht ausreicht. Paradebeispiel ist etwa Caroline Magerl, Chefin von Mila d'Opitz in St. Gallen, die das traditionsreiche Kosmetikunternehmen führt und einen begehrten «Beauty Oscar» für den «Skin Whisperer» in der Kategorie innovativstes kosmetisches Endprodukt gewonnen hat. «Dank dem intensiven regenerierenden Wirkstoffkomplex wird die Haut aufgepolstert und verjüngt», sagt sie.

Auch Bruno Dörig, Chef von Dörig Bedachungen Fassadenbau in Berg TG, hat etwas Spezielles zu bieten. «Wir fangen dort an, wo andere aufhören», ist seine Devise. Das für Bedachungen und im Fassadenbau tätige Unternehmen kommt dann zum Zug, wenn extravagante Lösungen gefragt sind und andere Fachleute nicht mehr weiterwissen. «Wir verkleiden Häuser nicht, wir ziehen sie an.» Er spricht damit das leidige Thema der Hinterlüftung an, die verhindert, dass die Bauherrschaft böse Überraschungen erlebt.

Keine neuen Pläne bekannt

Wie gesagt, allein die Vorschläge von Pierin Vincenz gäben genug Stoff für einen weiteren Special «Ostschweiz». Was der Raiffeisen-Boss nach seinem Rücktritt machen wird, hat er noch nicht gesagt. Man kann davon ausgehen, dass es dem umtriebigen Bündner nicht langweilig werden wird.

Anzeige