Die EGL litt im letzten Geschäftsjahr an der europaweit gesunkenen Nachfrage nach Energie. Sehen Sie eine Trendwende?

Hans Schulz: Die wirtschaftlichen Aussichten sind nicht mehr so düster wie noch vor Kurzem.

Was heisst das für die EGL?

Schulz: Wir würden mit unseren Kraftwerken und Energiebezugsverträgen sicherlich von einem Aufschwung profitieren. Beim Handel kommt es darauf an, ob wir die Preisentwicklung richtig antizipieren können.

In Italien wollen Sie ein Projekt für ein Gaskombikraftwerk verkaufen, anstatt es selber zu bauen. Doch werden Sie einen Käufer finden? In Italien standen Gaskraftwerke in letzter Zeit öfters still.

Schulz: Unsere Anlagen allerdings nicht. Aber es ist sicherlich richtig: Der Verkauf von Kraftwerkprojekten in Italien ist derzeit anspruchsvoll.

Der Bruttogewinn der EGL sank deutlich, die Personalkosten stiegen aber um 10%. Wann werden die zusätzlichen Stellen zusätzliche Gewinnbeiträge bringen?

Schulz: Wir hoffen, relativ bald. Aber in unserem komplexen Geschäft braucht es ziemlich lange, bis die Mitarbeiter eingeführt sind. Insofern darf man nicht auf schnelle Erfolge hoffen.

Ihr Betriebsergebnis ist um 40% eingebrochen. Hätten Sie das Anfang des Geschäftsjahres so erwartet?

Schulz: Wir hatten im Jahr 2007/2008 ein absolutes Rekordjahr und wussten, dass wir im neuen Geschäftsjahr eine andere Situation haben würden. In der zweiten Jahreshälfte wurde es für die Händler schwieriger, weil der Strompreis sich im Wesentlichen seitwärts bewegte, die Volatilität gering war, der Gaspreis fiel und der Ölpreis stieg. Darum ist es verständlich, dass das Ergebnis 2008/09 nicht mehr so ausfallen konnte wie im Rekordjahr 2007/08.

Das Rekordjahr 2007/08 mit seinem Betriebsergebnis von 433 Mio Fr. kann also nicht als Massstab für die EGL gelten? Müssen sich die Erwartungen irgendwo im Bereich von einem Betriebsgewinn von 300 Mio Fr. einpendeln?

Schulz: Die Frage ist, wie sich die Preise entwickeln. Sollte eine starke, plötzliche wirtschaftliche Erholung einsetzen, würde aufgrund der knappen Energie wieder eine ähnliche Preissituation entstehen wie im Sommer 2008. Insgesamt aber war das Jahr 2007/08 sicherlich eher eine Ausnahme als die Normalität.

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Wie gross wird der Anteil des Erdgasgeschäfts künftig sein?

Schulz: Wenn es uns gelingt, die TAP zu bauen und das Gas vom Iran nach Europa zu bringen, kommen wir auf einen potenziellen Umsatzbetrag von 750 Mio Euro.

Wenn sie realisiert wird. Den entsprechenden Investitionsentscheid mussten Sie bereits auf 2012 verschieben. Jetzt wollen Sie sich Partner aus dem EU-Raum ins Boot holen. Wie weit sind Sie da?

Schulz: Wir sind in Verhandlungen, aber wir wissen noch nicht, wann sie abgeschlossen sein werden.

Es gibt auch Stimmen, die sagen, die TAP-Pipeline sei eine Schuhnummer zu gross für die EGL.

Schulz: Das sehen wir nicht so. Die EGL hat immer schon Grossprojekte realisiert. Und so riesig ist die TAP nicht: Wir gehen davon aus, dass wir bei prognostizierten In-vestitionskosten von rund 2 Mrd Euro sowie einem künftigen EGL-Anteil an der TAP 80 bis 100 Mio Euro aus eigenen Mitteln aufbringen müssten. Das ist eine überschaubare Summe.

Das Gas für die TAP kommt aus dem Iran und muss durch die Türkei fliessen. Welche Auswirkungen hat das Verbot von Minaretten durch das Schweizer Stimmvolk?

Schulz: Das können wir heute noch nicht abschätzen. Wir haben von unseren Handelspartnern noch keine direkten Hinweise erhalten. Wir werden sehen, wie sich die für die nächsten Wochen angesetzten Gespräche mit dem türkischen Netzbetreiber entwickeln, ob das Thema Minarett-Verbot dort eine Rolle spielt oder nicht.

Die Türkei hat noch nicht Ja gesagt zur Durchleitung des Gases aus dem Iran in Richtung TAP.

Schulz: Hat sie nicht, aber ein wesentlicher Schritt wurde gemacht. Es gibt ein Memorandum of Understanding zwischen der Schweiz und der Türkei. Darin ist die Gasdurchleitung explizit erwähnt.