Es ist wie so oft: In einen gesättigten Markt tritt ein neuer Anbieter, und kaum einer der Etablierten gibt zu, Umsatz zu verlieren. Auf den Detailhandel bezogen heisst das: Seit März dieses Jahres ist mit Discounter Lidl ein zweiter deutscher Billiganbieter in der Schweiz aktiv, doch die Konkurrenz gibt sich nach aussen betont gelassen.

Migros-Chef Herbert Bolliger erklärt: «Wir sind mit den Umsätzen zufrieden. Trotz Preissenkungen liegen wir im Budget.» Dieses Jahr will die Migros rund 2% wachsen. «In wirtschaftlich härteren Zeiten profitiert die Migros vom ausgeprägteren Preisbewusstsein der Konsumenten», so Bolliger. «Bei Globus, Interio und Micasa spüren wir aber die schlechtere Konsumentenstimmung.»

Coop: «Marktanteile gewonnen»

Bei Coop erklärt Sprecher Nicolas Schmied: «Wir sind mit dem aktuellen Geschäftsverlauf zufrieden. Unser eigenständiges Angebot über alle Preislagen bewährt sich gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten.» Zudem profitiere Coop jetzt davon, «dass wir parallel zum Ausbau unserer Sortimente in den letzten fünf Jahren gegen 1 Mrd Fr. in tiefere Preise investiert und bei 3000 Produkten die Preise gesenkt haben».

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Bei Coop stelle man derzeit «noch keine Abkühlung in grösserem Umfang fest». Die Umsätze würden «über Vorjahr liegen, Coop wächst schneller als Migros und gewinnt weiterhin Marktanteile».

Ähnlich tönt es bei Denner. Anita Daeppen Steinemann, Leiterin Unternehmenskommunikation, sagt: «Wir sind gut ins neue Jahr gestartet, Umsatzzahlen nennen wir während des Jahres aber nicht.» Eine Abkühlung des Konsums habe man bisher nicht gespürt: «Die Preissensibilität des Konsumenten ist gestiegen, was dem Discountkanal entgegenkommt.»

Nur Positives vermeldet auch Aldi Schweiz. Dessen Sprecher Sven Bradke erklärt: «Wir entwickeln uns immer mehr zum Nahversorger in der Schweiz. Derzeit betreiben wir 98 Filialen in allen vier Landesteilen.» Weitere Standortprojekte seien in der Pipeline, eine Zielgrösse fürs laufende Jahr gebe es jedoch nicht. Auch Bradke sagt, Discounter würden in wirtschaftlich schwierigen Zeiten tendenziell profitieren. Studien hätten gezeigt, dass die Konsumenten zuerst bei Lebensmitteln, Ferien und Textilien sparen würden.«Sehr zufrieden» mit dem Start in der Schweiz zeigt man sich auch bei Lidl. Trotz Wirtschaftskrise hält man an der Expansion fest: «Da wir uns im Aufbau unseres Filialnetzes befinden und laufend neue Filialen eröffnet werden, können wir keine Aussage zu einer allfälligen Konsumabkühlung machen», sagt Sprecherin Paloma Martino.

Ob und wie stark sich die Ankunft der beiden deutschen Discounter auf die bestehenden Platzhirsche auswirkt, kann derzeit nicht abschliessend beurteilt werden. Für Thomas Hochreutener, Direktor Handel des Marktforschungsinstituts GfK Switzerland (siehe Interview), ist klar: «Aldi und Lidl haben die Schweizer Detailhandelslandschaft noch nicht gross verändert. Ihre Bedeutung ist noch gering. Trotzdem haben die beiden deutschen Harddiscounter in der Schweiz bereits vieles in Bewegung gebracht.»

Tatsächlich sind viele Kunden erst einmal neugierig auf den Neuankömmling Lidl. Coop-Sprecher Schmied bestätigt: «In der Eröffnungswoche war zu spüren, dass einige Kundinnen und Kunden bei Lidl vorbeischauten. Die Coop-Umsätze sind aber gut und stabil.» Nur an einen temporären Effekt glaubt auch Migros-Chef Bolliger: «Der Effekt ist sehr ähnlich wie nach dem Markteintritt von Aldi: In unmittelbarer Nähe einer Lidl-Filiale sind unsere Umsätze leicht schwächer. Ich bin sicher, dass sie sich nach wenigen Monaten wieder erholen, so wie das im Zusammenhang mit den Aldi-Eröffnungen war.» Es sei klar, so Bolliger, dass die Kunden bei einem neuen Anbieter hereinschauen wollten. «Am Anfang wechseln die Kunden hin und wieder den Kanal. Unsere guten Kundenfrequenzen zeigen aber, dass uns unsere Kunden langfristig treu bleiben.»

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Das, weil die Migros nicht nur 700 Artikel, sondern über 32 000 Produkte unter einem Dach führe. Zudem biete die Migros «das beste Preis-Leistungs-Verhältnis». Sowie die Qualität, «die auch das sozial und ökologisch vorbildliche Verhalten der Migros einschliesst - zu günstigen Preisen. Für unser soziales und ökologisches Engagement wurden wir soeben zum verantwortungsvollsten Detailhändler weltweit ausgezeichnet.»

Auch Daeppen von Denner ist überzeugt, dass die Kunden nur kurzfristig untreu werden: «Jeder zusätzliche Verkaufspunkt gibt einen ‹Umsatzschatten›, denn der nationale Markt stagniert bekanntlich.» Die Erfahrung zeige jedoch, dass sich das Einkaufsverhalten nach einiger Zeit wieder einpendle. Und: «Wir konzentrieren uns nicht nur auf die Grossagglomerationen, sondern sind auch in ländlichen und teilweise abgeschiedenen Gebieten mit Verkaufsstellen präsent.» Um die neue Konkurrenz sowie auch die konjunkturelle Krise abzufedern, setzen die Detailhändler also auf ihre bewährten Strategien. Bei Coop streicht man ähnlich wie bei der Migros das breite Angebot als Trumpf heraus. Migros-Chef Bolliger betont gar selbstbewusst: «Wir brauchen keine besonderen Krisenmassnahmen, da wir unsere Preisstrategie konsequent umsetzen - und zwar nicht nur in wirtschaftlich härteren Zeiten. Sie führt dazu, dass wir den Kunden das beste Preis-Leistungs-Verhältnis anbieten können.»

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Krise hilft den Discountern

Auch bei Denner, auf den die Angriffe der deutschen Discounter in erster Linie abzielen, ist Daeppen überzeugt: «Jeder Anbieter im Detailhandel spürt die schwächere Konsumentenstimmung. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten sind günstige Preise von den Konsumenten aber noch stärker nachgefragt. Dies spricht für Denner als Discounter.»