Die Pleitewelle überrollt Unternehmen in allen Branchen», erklärt Christian Pletscher, Risk Director Schweiz von Euler Hermes, dem Weltmarktführer im Kreditversicherungsgeschäft; das Unternehmen gehört zur deutschen Allianz- Gruppe und analysiert die Bonität von 40 Mio Firmen weltweit. Für die Schweiz rechnet Euler Hermes zwar mit einem im internationalen Vergleich noch moderaten Anstieg der Insolvenzen um 16% auf rund 4900 Betriebe in diesem Jahr. Die Schätzung deckt sich im Wesentlichen mit den Prognosen der Wirtschaftsauskunfteien Dun & Bradstreet und Creditreform.

«Alle Partner in Schieflage»

Als besorgniserregender wertet Pletscher aber den Umstand, dass ausgerechnet in den wichtigsten Ausfuhrländern besonders viele Firmen insolvent werden. «Alle führenden Handelspartner der Schweiz befinden sich derzeit in Schieflage, und entsprechend leiden die exportorientierten Schweizer Firmen», erkärt er. Die Prognosen von Euler Hermes für Deutschland, die USA, Italien, Frankreich und England, in die zusammen mehr als 50% der Schweizer Exporte gehen, sind denn auch düster. Am unerfreulichsten präsentiert sich die Lage in Frankreich und England. Frankreichs Wirtschaft schrumpft dieses Jahr um 2%, 72000 Betriebe werden Insolvenz anmelden, 25% mehr als im Vorjahr. Betroffen sind alle Regionen und Branchen.

In England, wo der Immobilienmarkt bereits im vergangenen Jahr kollabiert ist, gehen 40% der Insolvenzen auf das Konto des Bau- und Dienstleistungssektors. Besonders betroffen sind Finanzdienstleister, Logistiker und Retailer wie etwa die Woolworth-Kette. Die Experten von Euler Hermes erwarten 2009 in England 45000 Firmeninsolvenzen, 56% mehr als im Vorjahr.

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Für den für die Schweiz wichtigsten Handelspartner Deutschland sagt Euler Hermes einen Anstieg der Firmeninsolvenzen um 20% auf 35000 Unternehmen voraus. Am härtesten wird es den Detail- und Versandhandel sowie das Finanz- und Dienstleistungsgewerbe treffen. Dass selbst Milliardenunternehmen nicht vor dem Untergang gefeit sind, beweisen aktuelle Beispiele wie Arcandor/Karstadt (knapp 30 Mrd Fr. Umsatz), Qimonda (10,5 Mrd Fr.) oder der Automobilzulieferer Edscha (1,6 Mrd). In den USA, dem zweitwichtigsten Handelspartner der Schweiz, ist in diesem Jahr mit 63000 Firmenkonkursen, einem Plus von 45%, zu rechnen. Besonders leiden hier neben dem Finanzsektor die Bau- und Immobilienbranche sowie der Detailhandel. Letzterer spürt den Einbruch des Privatkonsums, bedingt durch mittlerweile 1 Mio Privatpersonen, die sich als zahlungsunfähig gemeldet haben.

In Italien, der nach den USA immerhin drittwichtigsten Exportdestination der Schweiz, dürften die Insolvenzen 2009 um 31% auf 11000 Firmen steigen. Der südliche Nachbar kämpft an verschiedenen Fronten: Schwindende Exporte, lahme Inlandnachfrage und Rückgang der Investitionen.

Firmen fragen nach Sicherheit

Die weltweite Pleitewelle, die laut Prognosen auch 2010 an Dynamik gewinnen dürfte, führt laut Pletscher bei den exportorientierten Schweizer Unternehmen zu einem erhöhten Sicherheitsbedürfnis. «Immer mehr Firmen wollen sich gegen die als Folge der Insolvenzen drohenden Debitorenverluste absichern», erklärt er.

Beim grössten Kreditversicherer hat sich die Nachfrage in den letzten Monaten mehr als verdoppelt. Die typischen Kunden sind gemäss Pletscher Handelsunternehmen, die mit geringen Margen operieren und sich einen Debitorenausfall schlicht nicht leisten können.

Pletscher empfiehlt den Exportfirmen zur Verringerung des Debitorenrisikos weiter ein aufmerksames Risikomanagement und Controlling der laufenden Geschäfte. «Wichtig ist zudem, das Debitorenportfolio möglichst zu diversifizieren.»