Nur selten gelingt es uns, den Blick vom gegenständlichen Sehen, das immer mit Erfahrungswerten verknüpft ist, auf ein zweckfreies Sehen umzustellen. Der in Berlin lebende Künstler Takehito Koganezawa (geboren 1974 in Tokio) versucht genau dies mit seinen Videoinstallationen. Er lässt die Besucher eintauchen in poetische Erzählungen aus Formen, Farben und Bewegungen und lässt sie teilhaben an der Suche nach dem Alter Ego und an einer Geschichte, die von einer fortlaufenden Linie erzählt wird.

Rhythmen und Bewegungen

Zu den zentralen Themen bei Koganezawa gehört die Zeit, die er in verschiedenen Medien umsetzt. In seinen Videoarbeiten erfährt der Betrachter Raum und Zeit als Rhythmen und Bewegungen, die den Fluss der Handlungen und Eindrücke aus der Alltagswelt künstlerisch verarbeiten. Mit wechselndem Fokus übersetzt Koganezawa sich verändernde Naturerscheinungen wie auch urbane Phänomene. Etwa das nächtliche Flimmern von Grossstadtlichtern oder poetisch inszenierte, aneinandergereihte Buntstiftlinien, die durchs Bild laufen und zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit angesiedelt sind. In seiner neuesten Videoinstallation «Graffiti of Velocity» schafft es der Künstler, mit zwölf Videobeamern nächtliche Aufnahmen des Flimmerns von Grossstadtlichtern visuell so zu verdichten, dass sie auch ohne Ton eine eigene Musikalität ausstrahlen.

Sound-Skulptur «Leslie»

Philippe Decrauzat (geboren 1974 in Lausanne) ist einer der wichtigsten Vertreter einer jungen Künstlergeneration aus der Romandie, die ein neues Interesse an konkreter und konzeptueller Kunst zeigen. Seine Werke verkörpern ein spannungsvolles Wechselspiel zwischen Architektur, Malerei und Installation, wobei optische Phänomene sowie Klang eine wichtige Rolle spielen. Decrauzat hinterfragt, welche visuelle, psychologische und inhaltliche Aussagekraft Formen für die Wahrnehmung haben. Im Haus Konstruktiv hat er die grosse Ausstellungshalle im Erdgeschoss in eine raumgreifende Installation verwandelt: Die Sound-Skulptur «Leslie» hat er dialogisch mit einer Bodenarbeit und Wandobjekten zu einem audiovisuellen Erlebnis zusammengefügt. Im Zentrum steht die Frage, wie sich Bildästhetik und Sound gegenseitig beeinflussen. Für die Bodenfläche entwickelte Decrauzat eine schwarz- weisse Moiré-Struktur, die den gesamten Raum zum Flimmern bringt. Dieses «Flimmern» erscheint in der Soundskulptur als fragmentierte und vibrierende Überlagerung von Tönen in verschiedenen Frequenzen. Eine aussergewöhnliche gegenseitige Beeinflussung der Bild- und Tonebene ist die Folge.

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Farbe, Licht und Raum

Der Schweizer Künstler Rudolf de Crignis (geboren 1948 in Winterthur, verstorben 2006 in New York) hat in seinen Werken konsequent die faszinierende Wandlungsfähigkeit der Farbe ausgelotet. Farbe ist für de Crignis eine transparente Erscheinung von Licht, und so eröffnen seine zunächst monochrom wirkenden Gemälde im Haus Konstruktiv «unendliche Tiefe», wenn wir uns auf ihre vielschichtigen Farben und die Wirkung von Licht und Raum einlassen.

Seit 1987 war New York Wahlheimat des Künstlers. Die Auseinandersetzung mit Minimal Art und Radical Paintings führte ihn ab den 1990er-Jahren zu scheinbar monochromen Bildern, in denen die in zahlreichen lasierenden Schichten aufgetragene Farbe zu einem vibrierenden Lichtträger wird. De Crignis erprobt in seinen Werken konsequent die Wirkung von Farbe, Licht und Raum: Ultramarin, Grau, Weiss und Schwarz sind die Farben, die als oberste Schicht von seinen quadratischen Leinwänden strahlen. Darunter liegen jedoch, über einer mit strahlend weisser Kreide grundierten Bildfläche, zahlreiche weitere Schichten in den verschiedensten Farbtönen: Abwechselnd in waagerechter und senkrechter Richtung hat sie der Künstler in einem feinen geometrischen Raster aufgetragen. Das Licht kann so an unterschiedlichen Stellen die Farbe durchdringen. Die oberste Farbschicht entwickelt auf diese Weise bei konzentriertem Sehen einen grossen Nuancenreichtum und eine ausserordentliche räumliche Tiefe.