Durch das erwartete globale Wirtschaftswachstum insbesondere in China und Indien wird auch der Energieverbrauch in den kommenden Jahren drastisch zunehmen, der Druck auf Energieressourcen wächst und die CO2-Emissionen vervielfachen sich. Um diese negativen Effekte zu verhindern, muss es gelingen, Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch zu entkoppeln und die Nachfrage nach fossilen Ressourcen zu bremsen. Diese Aufgabe ist laut dem Bericht «Energy Technology Perspectives 2008» der Internationalen Energie Agentur (IEA) grundsätzlich lösbar. Dies allerdings nur, wenn sofort und entschieden gehandelt wird. Der Schlüssel zu einer nachhaltigen Energiezukunft ist eine eigentliche technologische Revolution. Als Kernpunkte nennt der Bericht der IEA, neben der massiven Steigerung der Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Atomkraftwerke, die CO2-Abscheidung und Lagerung (CCS) bei der Stromproduktion und in der Industrie sowie einen signifikanten Rückgang der CO2-Emissionen im Verkehrsbereich.

Reduktion von 50 Prozent

Ziel des «Blue Map»-Szenarios der IEA ist eine Reduktion der CO2-Emissionen um 50% bis ins Jahr 2050. Die Erreichung dieses ambitiösen Ziels setzt einen raschen Richtungswechsel in der Energiepolitik voraus. Die notwendigen Zusatzinvestitionen bis 2050 in Technologien belaufen sich auf 45 Billionen Dollar. Effiziente Technologien, welche sich heute noch in der Entwicklungsphase befinden, müssen massiv gefördert und ihre Marktdurchdringung muss mit energiepolitischen Instrumenten beschleunigt werden. Die Schweiz hat bereits erste Schritte zurückgelegt und energiepolitisch eine neue Richtung eingeschlagen. Im Januar 2007 hat das Bundesamt für Energie (BFE) die Energieperspektiven 2035 präsentiert. Die in vier verschiedenen Wenn-dann-Szenarien errechnete Entwicklung des Energiebedarfs sowie des Energieangebots zeigt einen dringenden energiepolitischen Handlungsbedarf auf. Die Energieperspektiven 2035 haben als Grundlage für die Ausrichtung der Energiestrategie 2007 des Bundesrats gedient.

Der jährlich ansteigende Energieverbrauch der Schweizer, die sicherheitsbedingte Schliessung dreier Kernkraftwerke um 2020 sowie die spürbaren Konsequenzen des Klimawandels haben den Bundesrat zu einer Neuausrichtung der Energiestrategie bewogen. Diese beruht auf vier Pfeilern: Einerseits auf der Erhöhung der Energieeffizienz, weiter auf der Förderung erneuerbarer Energien, auf dem gezielten Zu- und Ausbau von Grosskraftwerken sowie auf der Verstärkung der Energieaussenpolitik.

Anzeige

Katalog zur Effizienzsteigerung

Ein umfassender Massnahmenkatalog zur Steigerung der Energieeffizienz und zur Förderung erneuerbarer Energien wurde am 20. Februar 2008 vom Bundesrat beschlossen. Im Bereich Energieeffizienz werden folgende Ziele angestrebt: Eine Reduktion des Verbrauchs fossiler Energien um 20% zwischen 2010 und 2020, maximal 5% Zunahme des Elektrizitätsverbrauchs im gleichen Zeitraum; Verfolgen einer Best-Practice-Strategie bei Gebäuden, Fahrzeugen und Geräten. Mit einem Mix aus Anreizen, Vorschriften, Minimalstandards und Lenkungsinstrumenten soll einerseits das Energiesparpotenzial im Gebäude-, Geräte- und Verkehrsbereich ausgeschöpft und anderseits der Einsatz erneuerbarer Energie erhöht werden. Durch die Verstärkung der Energieaussenpolitik werden sowohl die Ziele als auch die Massnahmen eng mit der EU verknüpft.

Ziel im Bereich der erneuerbaren Energien ist die Erhöhung des Anteils am Gesamtenergieverbrauch um mindestens 50% (von heute 16,2% auf rund 24%) bis zum Jahr 2020. Zur Zielerreichung steht die Förderung erneuerbarer Energien im Vordergrund, welche marktreif sind oder es mittelfristig werden: Wasserkraft, Biomasse und Holz, Umgebungswärme und Solarthermie.

Der Energieforschung kommt künftig eine noch wesentlichere Rolle in der schweizerischen Energiepolitik zu: Sie ist ein wichtiger Motor für Innovationen und damit Wegbereiterin für die Entwicklung und Umsetzung energetischer Massnahmen. Nach den Sparanstrengungen der letzten Jahre sieht das Konzept der Energieforschung des Bundes 2008–2011 vor, die Mittel für die Forschung von rund 160 Mio Fr. auf 200 Mio Fr. zu erhöhen. Dabei verschieben sich die Beitragsgewichte zugunsten der Energieeffizienz, der erneuerbaren Energien sowie des Bereichs der Pilot- und Demonstrationsprojekte, um den klima- und energiepolitischen Zielen gerecht zu werden.

2000-Watt-Gesellschaft

Längerfristig orientiert sich die Energieforschung an der Vision der 2000-Watt-Gesellschaft. Daraus leiten sich folgende Forschungsziele bis zum Jahr 2050 ab: Wärme in Gebäuden soll ohne fossile Brennstoffe auskommen, der Energieverbrauch in Gebäuden soll halbiert, die Nutzung der Energie aus Biomasse verdreifacht, der durchschnittliche Treibstoffverbrauch von Personenfahrzeugen auf 3 l pro 100 km gesenkt werden. Um diese quantitativen Ziele zu erreichen, sind die anwendungsorientierte Forschung sowie der Wissenstransfer von der Forschung in den Markt zentral.

Für die nächsten Jahre sind daher vier Schwerpunke der Energieforschung definiert:

• Technologien und Systemlösungen mit den höchsten Wirkungsgraden bei tiefsten Emissionen in den Bereichen Transport, Gebäude und Elektrizität;

• Technologien zur Nutzung von Umgebungs- und Solarwärme sowie Biomasse;

• Technologien zur maximalen Nutzung der Wasserkraft und des Geothermiepotenzials;

• Technologien zur längerfristigen Reduktion der Abhängigkeit von fossilen Energien (Photovoltaik, Wasserstoff, IV. Generation Nuklear).

Die Politik kann und muss jetzt die Weichen stellen für den Weg in eine nachhaltige Energiezukunft. Neben Versorgungssicherheit und Beachtung der klimapolitischen Erfordernisse steht die von der IEA proklamierte technologische Revolution im Zentrum. Ideale Rahmenbedingungen für den Forschungsplatz Schweiz, die Förderung erneuerbarer Energien sowie die Erhöhung der Energieeffizienz unter Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit sind gefragt. Den Turnaround in der Klima- und Energiepolitik schafft der Staat jedoch nicht alleine. Es braucht dazu gut ausgebildete und motivierte Fachleute, Forscherinnen mit innovativen Konzepten und Ideen, zukunftsgerichtete und mutige Investoren und Firmen und letztendlich eine sensibilisierte Bevölkerung, welche ihre Möglichkeiten kennt und nutzt, einen Beitrag zu leisten.

Anzeige