Beim jährlichen Stelldichein der PS-Branche am Genfer Automobilsalon steht üblicherweise die neueste Technik im Vordergrund. Diesmal dominierte Piëchs Familienclan die Gespräche auf der Messe. Denn durch die Mehrheitsübernahme von VW werden die Familien Porsche und Piëch die grösste deutsche Unternehmensgruppe schaffen, noch vor Daimler AG und Deutscher Telekom. Für rund 10 Mrd Euro will sich die deutsch-österreichische Industriellenfamilie die Mehrheit am Wolfsburger VW-Konzern sichern. Derzeit besitzt der Stuttgarter Sportwagenbauer Porsche – an dem der Porsche-Piëch-Clan die kompletten Stimmrechte hält – knapp 31% der VW-Stammaktien. In Zukunft sollen es mehr als 50% sein. Die Aufstockung der Beteiligung an dem mehr als zehn Mal so grossen Unternehmen wird nach Informationen der «Welt am Sonntag» wahrscheinlich in einigen Monaten erfolgen, eventuell erst im August.

Familienteil lebt in der Schweiz

Da VW seinerseits die Mehrheit am schwedischen Lastwagenhersteller Scania übernommen hat, entsteht über ein kompliziertes Beteiligungsgeflecht eine gigantische Unternehmensgruppe mit Porsche, VW, Scania und MAN. Sie erzielt 150 Mrd Euro Umsatz, beschäftigt knapp 430000 Angestellte und kann es mit den grossen Konkurrenten in der Autoindustrie wie Toyota, General Motors oder Ford aufnehmen. Dies alles kontrolliert durch eine Familiendynastie, die 60 Personen umfasst und in Deutschland, Österreich und der Schweiz lebt.

Gelingt die Mehrheitsübernahme bei VW, hätten Porsches und Piëchs etwas geschaffen, was vorher zumindest in Deutschland noch keine Familie erreicht hat. Sie hätten die Flicks ebenso in den Schatten gestellt wie die anderen mächtigen Familienkonzerne der deutschen Wirtschaftsgeschichte, wie die Quandts (BWM) oder die Krupps (ThyssenKrupp). Dabei gilt Ferdinand Piëch vielen zwar als die Verkörperung dieses Triumphs. Doch der Erfolg hat mehrere Väter: Allen voran Piëchs Cousin Wolfgang Porsche hat Wendelin Wiedeking dazu ermutigt, VW-Aktien zu kaufen. Der Anstoss allerdings kam vom Porsche-Chef selbst: «Egal, was draussen spekuliert wird: Die Idee zum Einstieg bei VW hatte Wiedeking – und niemand anderes, auch nicht aus den Eigentümerfamilien», sagt Chefkontrolleur Porsche. Er ist neben Piëch die graue Eminenz des über viele Vertraute abgesicherten Porsche-Imperiums. Zweifellos gibt es gelegentlich unterschiedliche Interessen. Dann stehen meist Porsche und Wiedeking auf einer Seite, Piëch und VW-Chef Martin Winterkorn auf der anderen. Doch bislang liessen sich die Familien nicht auseinanderbringen.

Anzeige