Die anhaltende Wirtschaftskrise drückt die Arbeitslosenzahlen nach oben. Fürchten Sie um die Zahlungsfähigkeit bei den Hypotheken?

Pierin Vincenz: Mit der erhöhten Arbeitslosigkeit trübt sich die Stimmung weiter ein. Das dürfte vor allem das Konsumverhalten beeinträchtigen und weniger die Zahlungsmoral bei den Zinsen für das Wohneigentum. Wir sehen im Hypothekarbereich keine Probleme.

Zu Beginn des Jahres 2009 ist die Zahl der Wohnkredite erneut gestiegen. Droht eine Immobilienblase?

Vincenz: Im 1. Halbjahr sind die Ausleihungen und die Ausleihensverpflichtungen nochmals rekordmässig gewachsen. Die Hochbauaktivitäten laufen weiterhin auf vollen Touren. Der Preisanstieg hat sich etwas verflacht. Die Lehren aus der Hypothekarkrise der 90-Jahre wurden gezogen. Lediglich an einzelnen Orten finden noch Übertreibungen statt, das gilt aber nicht für die ländlichen Gebiete. Insgesamt würde ich nicht von einer Immobilienblase sprechen.

Die Anbieter konkurrenzieren sich mit immer neuen Rabatten auf Hypotheken. Bleibt das Geschäft wegen der faktischen Nullverzinsung bei der Refinanzierung für die Banken weiterhin attraktiv?

Vincenz: Das tiefe Zinsniveau ist generell ein Grund für die hohe Nachfrage nach Krediten. Alle Banken konzentrieren sich wieder auf die traditionellen Aktivitäten, wenn das internationale Geschäft und die Börsen schwach sind. Der Margendruck ist allerdings enorm hoch, mit entsprechenden Auswirkungen auf den Markt.

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Verdienen die Banken am Hypothekargeschäft trotz sinkender Marge derart gut, dass sie es weiter forcieren?

Vincenz: Ja, es ist immer noch ein interessantes Geschäft, aber die Kostenfrage gewinnt an Bedeutung.

Die Grossbanken treten auf dem Heimmarkt wieder stärker in Erscheinung. Spüren Sie das?

Vincenz: Selbstverständlich. Der Kunde kann aus mehreren Angeboten auswählen. In diesem verschärften Wettbewerb spielt das Vertriebsnetz eine umso wichtigere Rolle. Das hilft den Raiffeisenbanken, ihre Produkte zu verkaufen.

Im letzten Jahr hat die Raiffeisen-Gruppe von den finanziellen Verwerfungen bei UBS und Credit Suisse stark profitiert. Monatlich ist fast 1 Mrd Fr. an Neugeldern zugeflossen. Hält das an?

Vincenz: Es gibt weiterhin einen starken Zufluss, aber der Trend hat sich verlangsamt.

Die verunsicherten Kunden haben speziell ihre Spargelder umgeleitet. Werden jetzt auch vermehrt Depotgelder verschoben?

Vincenz: Aus Sicherheitsüberlegungen wurden schon in erster Linie die Spargelder umgeschichtet. Bei den Depots dauert es naturgemäss länger. Das beobachten wir auch heute noch.

UBS-Chef Oswald Grübel geht davon aus, dass diese Gelder bei einer Normalisierung wieder zurückfliessen. Wie halten die Raiffeisenbanken dagegen?

Vincenz: Wir unternehmen alles, um das Gegenteil zu beweisen. Es ist für uns eine grosse Herausforderung, die neu gewonnenen Kunden entsprechend ihren Bedürfnissen zu beraten.

Die Raiffeisenbanken haben stark in die Städte und Agglomerationen expandiert. Wie hoch ist jetzt der Marktanteil?

Vincenz: Wir haben in diesen Regionen jährliche Wachstumsraten von 15 bis 20%. Der Marktanteil steigt stetig, ist aber im Vergleich zu den ländlicheren Gebieten, wo die Marktanteile bis zu 30% erreichen, noch immer unterdurchschnittlich.

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Das heisst, Sie liegen noch deutlich unter 5%?

Vincenz: Ja, wir sind klar unter dieser Marke. Parallel mit dem rasanten Wachstum muss auch die Qualität sichergestellt werden.

Gibt es konkrete Ziele?

Vincenz: Die Raiffeisenbanken sollten in den kommenden zehn Jahren einen Marktanteil von 15 bis 20% erreichen.

Sind diese neuen Filialen schon alle profitabel?

Vincenz: Wir rechnen mit einem Break-even nach drei Jahren. Wegen der wirtschaftlichen Verlangsamung und des Margendrucks kann es bei einzel- nen Filialen auch bis zu fünf Jahren dauern.

Lassen sich noch graue Flecken in den Agglomerationen auszumachen, wo Sie präsent sein möchten?

Vincenz: Es gibt ein Optimierungspotenzial, etwa im Raum Zürich, Basel und Bern. Das nützen wir aus, um unsere Position weiter zu stärken.

Bleiben die neuen Stützpunkte weiterhin Niederlassungen der Zentrale Raiffeisen Schweiz?

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Vincenz: Ob diese neuen Filialen mit einer bestehenden Genossenschaft verschmolzen werden oder selbst diesen Status erhalten, wird später entschieden. Zunächst steht die wirtschaftliche Stärkung im Vordergrund. Ziel ist es, über möglichst viele eigenständige Genossenschaften zu verfügen.

Ist das Genossenschaftsmodell noch zeitgemäss?

Vincenz: Durchaus. Es ist eine attraktive Geschäftsform. Damit können wir uns bezüglich der Kundennähe sehr gut positionieren.

Die Mitarbeiterzahl ist in der jüngsten Vergangenheit ständig gestiegen. Bleibt das 2009 gleich?

Vincenz: Der personelle Zuwachs stand auch in Verbindung mit der Expansionsstrategie. In Zukunft werden wir versuchen, das Wachstum mit den bestehenden Mitarbeitern zu bewältigen.

Raiffeisen setzt speziell auf die physische Präsenz vor Ort. Wie wichtig ist das Internet-Banking?

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Vincenz: Das spielt eine grosse Rolle, wir haben es aber immer als Ergänzung und nicht als Hauptvertriebsweg betrachtet.

Wie sieht es mit den IT-Investitionen aus?

Vincenz: Wir sind mitten in einem Migrationsprozess, der in rund zwei Jahren abgeschlossen ist. Für sämtliche Technologieprojekte werden jährlich gegen 90 Mio Fr. aufgewendet.

Ein gewichtiger Geschäftszweig ist die Kreditvergabe an Unternehmen. Werden die neuen Darlehen wegen des wirtschaftlichen Abschwungs selektiver vergeben?

Vincenz: Nein, im Moment stellen wir das nicht fest. Raiffeisen fokussiert sich bei der Kreditvergabe vor allem auf die kleinen und mittleren Unternehmen. Wir möchten uns in diesem Bereich noch stärker engagieren.

Kritik wird laut, für die Start-ups sei es derzeit besonders schwierig.

Vincenz: Da muss man differenzieren. Start-ups mit überzeugenden Business-Modellen haben keine Mühe, die notwendige Finanzierung sicherzustellen, nicht nur über die Bank, sondern auch via Privatpersonen. Etwas anders ist es bei exportorientierten Unternehmen. Durch die veränderte Bankenstruktur mit ausländischen Instituten, die sich nicht mehr im gleichen Ausmass wie früher engagieren, sind zur Deckung der Kreditbedürfnisse neue Konstellationen notwendig.

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Sehen Sie das als Chance ?

Vincenz: Wir vergeben nur vereinzelt Kredite an grosse exportorientierte Unternehmen. Im Zentrum stehen für uns die KMU.

Die PostFinance strebt eine Banklizenz an, um mit den höheren verfügbaren Mitteln ebenfalls ins Kreditgeschäft einzusteigen. Sie wehren sich. Ist eine zusätzliche Konkurrenz unerwünscht?

Vincenz: Konkurrenz sind wir uns im Schweizer Markt gewohnt. Es ist aber notwendig, dass alle Anbieter die gleich langen Spiesse haben. Mit Staatsgarantien, wie sie eine PostFinance beanspruchen würde, kommt es zu Marktverzerrungen.

Bei einer privatwirtschaftlich geführten Postbank ohne Staatsgarantie wären diese gleich langen Spiesse gegeben.

Vincenz: Sofern nicht der Bund als Eigentümer auftritt und es keine staatlichen Garantien gibt, könnte die Post das Mandat ausschreiben oder es auch selbst machen.

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Im Frühling hat Raiffeisen das Entschädigungssystem für die Geschäftsleitung offen gelegt. Jetzt will die Finma alle Boni langfristig an den Gewinnen unter Berücksichtigung sämtlicher Kosten und Risiken ausrichten. Ist das eine sinnvolle Forderung?

Vincenz: Die Salärsysteme in ein Konzept zu integrieren, das nebst den nachhaltig erwirtschafteten Erträgen auch die damit verbundenen Risiken berücksichtigt, halte ich für zweckmässig. Aber eine solche Regelung muss international angepasst sein, weil speziell unsere Grossbanken im globalen Wettbewerb bestehen müssen. Wir als Genossenschaft müssen noch andere Kriterien berücksichtigen.

Woran denken Sie?

Vincenz: Bei uns zählt auch die Förderung der Genossenschafter. Wir orientieren uns nicht nur am Gewinn. Solche Eigenheiten müssen in einem Salärmodell enthalten sein.

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Auch Ihnen persönlich hat man zum Vorwurf gemacht, dass Sie einige Millionen verdienen würden.

Vincenz: Das liegt im Zeitgeist. Nicht nur bei internationalen, sondern auch bei nationalen Unternehmen wird mehr Transparenz in Lohnfragen gefordert.

Wie schätzen Sie die Wachstumschancen für eine Retailbank ein?

Vincenz: Wir wollen uns in diesem Markt trotz grosser Konkurrenz organisch weiterentwickeln.

Sind auch Kooperationen geplant?

Vincenz: Wenn sich etwa im Bereich des Zahlungsverkehrs neue Möglichkeiten für eine Kooperation abzeichnen, stehen wir dem sehr offen gegenüber. Derzeit ist aber kein Projekt spruchreif.