Sie sind seit Anfang Mai 2010 Chef von Oerlikon. Welchen Eindruck haben Sie vom Betrieb gewonnen?

Michael Buscher: Die Unsicherheiten rund um die Finanzierung sind abgehakt. Die Basis, die ich vorgefunden habe, ist gut. Oerlikon hat führende Technologien, und wir verfügen über eine gute globale Aufstellung, vor allem in Asien. Wir haben noch viel harte Arbeit vor uns, aber wir sind definitiv auf dem Weg der Erholung.

Wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf?

Buscher: Im Solar-Segment ist es wichtig, dass wir die technischen Ziele zeitgerecht umsetzen, um in Zukunft wieder voll wettbewerbsfähig zu sein. Was die Kostenstrukturen anbelangt, besteht noch Handlungsbedarf vor allem in den Bereichen Textil und Graziano.

Welche Massnahmen planen Sie?

Buscher: Im Solar-Bereich ist die Markteinführung der neuen Fertigungslinien bis Ende Jahr entscheidend. Mit dieser neuen Produktgeneration reduzieren wir die Herstellkosten für Solarmodule aus Dünnschichtsilizium deutlich. Bei Graziano und Textil werden wir die angekündigten Restrukturierungsmassnahmen weiter umsetzen und abschliessen.

Ihr Konkurrent Applied Materials hat sich aus der Dünnfilm- Solar-Technologie zurückgezogen.

Buscher. Unsere Technologie unterscheidet sich so stark von derjenigen von Applied Materials, dass Rückschlüsse hier nicht möglich sind. Applied favorisierte ein wesentlich grösseres Modulformat, das noch schwieriger zu beherrschen ist als unsere Module. Zudem sind unsere Anlagen bereits erfolgreich in Betrieb, was ich als solide Basis für die Zukunft sehe.

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Wann erreicht das Solar-Segment die Gewinnzone?

Buscher: 2010 soll sich das Ergebnis aus dem 1. Halbjahr im 2. Halbjahr nicht wesentlich verschlechtern. Für 2011 können wir derzeit noch keine Aussagen machen, denn das Ergebnis hängt vom Erfolg der neuen Produktlinie ab.

Gibt es diesbezüglich bereits Anhaltspunkte?

Buscher: Wir konnten Ende Juli zwei Aufträge vermelden. Ein weiterer ist in der Pipeline. Das Interesse besteht, und es gibt insbesondere aus dem asiatischen Bereich positive Signale, dass die Technologie bei den Kunden gut ankommt.

Dann kann man 2011 von schwarzen Zahlen ausgehen?

Buscher: Wir wollen solide Aussagen machen und uns daher noch nicht festlegen.

Wohin wollen Sie Oerlikon längerfristig führen?

Buscher: Wir überarbeiten derzeit unsere Strategie. Diese Überlegungen sollen bis Ende 2010 abgeschlossen sein. Es ist deshalb noch zu früh, um sich dazu zu äussern.

Dennoch, was kann man sich darunter vorstellen?

Buscher: Die Struktur des Konzerns ist gesetzt, sie ist nicht Bestandteil der Diskussion. Es geht darum, die Märkte noch besser zu verstehen, das Potenzial bezüglich Kosten auszuschöpfen und eine Firma zu schaffen, die sehr profitabel unterwegs ist und in der die Leute gerne arbeiten. Wann diese strategischen Überlegungen kommuniziert werden, ist noch offen.

Für die Investoren bleiben dadurch aber einige Unsicherheiten.

Buscher: Deshalb ist es uns wichtig, dass wir langfristige Investoren gewinnen, die das Geschäft verstehen. Wir haben als Ausblick ein Umsatzwachstum von 15% für das Gesamtjahr 2010 ausgegeben und damit unsere Prognose leicht angehoben. Bis 2011 soll das Konzernergebnis wieder positiv sein. Das sind wichtige Meilensteine.

Weshalb halten Sie am derzeitigen Firmenportfolio der Gruppe fest?

Buscher: Das Portfolio ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Heute geht es darum, dessen Potenzial zu nutzen. Wir analysieren natürlich auch, wie sich die einzelnen Segmente entwickeln. Aber grundsätzlich gilt, dass die Gruppe so bestehen bleibt und wir aus den einzelnen Segmenten das Beste herausholen möchten.

Können Sie diese Ziele nach den Auseinandersetzungen an der Firmenspitze nun in Ruhe umsetzen?

Buscher: Ja. Wir haben einen langfristig orientierten Aktionär, der sich in der Kapitalerhöhung voll zu Oerlikon verpflichtet hat. Die Lage ist sehr stabil.