Skifahrer rasen in einer wilden Ver­folgungsjagd durch winterliche Wälder. Zu dramatischer Musik schwin­gen sie steile Hänge hinunter und vollführen halsbrecherische Sprünge über verschneite Bäume. Zum Schluss der Filmszene bringt sich der Verfolgte in Sicherheit, indem er einen vereisten Wasserfall hinunterfährt.

Früher im Hollywood-Drama

Die Szene stammt aus dem Hollywood-Streifen «Aspen Extreme», einem 1993 erschienenen Hollywood-Drama, das im US-amerikanischen Wintersportort Aspen spielt. Einer der Stunt-Skifahrer heisst Zafar Khan. Heute ist er Chef von R Post, einer US-Firma, die einen Dienst für eingeschriebene E-Mails anbietet.

Es ist nicht nur die Liebe zum Skifahren, die den 43-jährigen Khan mit der Schweiz verbindet. Er hat vor kurzem in Zürich sein europäisches Haupt­quartier aufgeschlagen. Ausserdem liegt er seit 2009 mit der Schweizerischen Post in einem bitteren Rechtsstreit. Der Ex-Stuntman wirft dem Konzern Patentrechtsverletzung vor.

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R Post entwickelte eine Software, mit der sich E-Mails eingeschrieben senden lassen. Die Erfinder liessen sich die Idee mit verschiedenen Patenten schützen und führen derzeit weit über ein Dutzend Prozesse, so auch gegen die Schweizerische Post. Der Konzern bietet unter dem Namen Incamail ein Konkurrenzprodukt an, mit dem er sich ein Stück des zukunftsträchtigen digitalen Markts sichern will.

R Post kämpft auch gegen die kanadische Post oder Branchengrössen wie Adobe. Einige der juristischen Auseinandersetzungen fanden vor einem umstrittenen Gericht in Texas statt, das als Hochburg von sogenannten «Patent Trolls» gilt – also von Firmen, die nichts anderes machen, als andere Unternehmen aus teilweise abwegigen Gründen wegen Patentrechtsverletzungen einzuklagen.

R Post-Chef Khan hat eine klare Begründung für die Prozessflut. «Wir haben nicht die Marketingmacht einer Staatsfirma wie der Schweizer Post.» Technologie-Pioniere wie R Post könnten nur dank Patenten ihren Platz im Markt verteidigen. Und darum setze R Post diese gerichtlich auch durch.

Im Streit geht es aber nicht nur um Patente, sondern um nichts weniger als die Zukunft von staatlichen Postunternehmen. In seinen Präsentationen zeigt R Post-Chef Khan gerne eine Grafik der amerikanischen Post. In der Finanzkrise 2008 und 2009 brach das Briefvolumen in den USA um über 20 Prozent ein.

Von einer solch extremen Entwicklung sei die Schweizer Post verschont worden, sagt Khan, «zumindest bisher». Doch auch in der Schweiz geht die Menge von adressierten Briefen zurück, elektronische Alternativen wie E-Mails werden immer beliebter. Die Post muss deshalb die digitalen Märkte erobern, mit all ihren Herausforderungen. «Für traditionelle Postunternehmen waren Patentstreitigkeiten bisher kaum ein Thema», erklärt Christian Jaag, Regulierungsspezialist beim Beratungsbüro Swiss Economics. In der digitalen Welt läuft der Wettbewerb um innovative Technologien aber oft über Patentstreite ab, wie Jaag erklärt. «In diesem Gebiet wird mit harten Bandagen gekämpft.» Das sehe man etwa auch am Dauerkampf zwischen Apple und Sam­sung. Ein aktuelles Beispiel ist die Patentklage, die Yahoo soeben gegen Facebook eingereicht hat.

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Belastung für das Management

Jaag glaubt zwar nicht, dass sich R Post am Schluss durchsetzen wird und ihre Patente schützen kann. Für die Post sind die Auswirkungen der Auseinandersetzung aber auch so schon gross genug. Laut Jaag bedeutet der Rechtsstreit eine Belastung für die Post. Wenn sich der Kunde für ­einen Anbieter von eingeschriebenen ­E-Mails entscheide, kaufe er «Vertrauen». Er wolle sich darauf verlassen, dass das Mail auch vertraulich und nachweisbar ankomme. Der Anbieter seinerseits müsse den Kunden glaubhaft versichern, dass er ein verlässlicher Partner sei und sein Produkt auch längerfristig auf dem Markt bestehen könne. «Wenn dieses Vertrauen durch rechtliche Auseinandersetzungen in Zweifel gezogen wird, ist das Gift für das Geschäft.» Bestehe im Markt Unsicherheit, sei die Akquisition von neuen Kunden schwierig. R Post kommuniziere auch darum so aggressiv, um diese Unsicherheit zu schüren, vermutet Jaag.

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Tatsächlich wird der Kampf mit allen Mitteln geführt. So verkündete R Post kürzlich, sie habe eine ihrer Klagen ausgesetzt, weil die Post ihr Produkt Incamail angepasst habe und keine Empfangsquittungen mehr ausstelle. Die Post bestritt dies umgehend und nannte einen anderen Grund für den Rückzug der Klage. Ein Gutachten im Rahmen eines Gerichtsverfahrens in der Schweiz habe gezeigt, dass die R Post-Patente nicht schützbar seien, schrieb Konzernleitungsmitglied Frank Marthaler in einem Brief an die Incamail-Kunden. Auch das U.S. Patent and Trademark Office habe in erster Instanz entschieden, die Patente seien wegen fehlender Neuheit nicht schützbar.

Khan widerspricht diesen Darstellungen. «Keines unserer Patente wurde für kraftlos erklärt. Eines müssen wir uns vom amerikanischen Patentamt neu bestätigen lassen, was aber ein ganz normaler Prozess ist.» Der bisherige Dialog mit diesem Amt stimme ihn ziemlich zuversichtlich, dass dies R Post gelingen werde. Sicher scheint nur eines: Die Auseinandersetzung geht weiter.

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Laut Mediensprecher Oliver Flüeler hat die juristische Auseinandersetzung keine Auswirkungen auf die Kundschaft von Incamail. Einschränkungen am Angebot der Post gibt es allerdings in den USA. Dort wird Incamail laut der entsprechenden Webseite der Post nicht angeboten.Gemäss R Post-Chef Khan drohen der Post auch in Ländern wie Grossbritannien Probleme, weil R Post dort ebenfalls Patente halte. Post-Sprecher Oliver Flüeler fügt jedoch an, es gebe ausser in den USA nirgendwo Einschränkungen für die Kundschaft von Incamail.

R Post ist seit 2004 auf dem Schweizer Markt präsent, hat aber noch keine gros­sen Stricke zerrissen. Hat Khan keine Angst, dass sein teilweise lautstarker Kampf gegen die Schweizerische Post seiner Firma einen Imageschaden einträgt? Und dass damit die Suche nach neuen Kunden erschwert wird? «Leider stellt uns die Schweizerische Post als streitsüchtig dar», sagt er. R Post habe den Streit jedoch nicht gesucht und versuche einzig und alleine, ihre Innovation zu verteidigen. «Das muss man doch auch in der Schweiz verstehen.»

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Am Horizont droht Google

Trotz des Streits sei die Schweizer Post, so Experte Jaag, im digitalen Geschäft gut aufgestellt. Gemessen an Umsatz und Gewinn sei dieses zwar noch wenig bedeutend. Man dürfe es deswegen aber nicht unterschätzen. «Es ist wichtig, dass sich die Post schon heute in den Geschäftsfeldern der Zukunft etabliert», betont Jaag.

Allerdings bleiben die Herausforderungen enorm. ETH-Professor und Post-Experte Matthias Finger sieht für den Post-Konkurrenten R Post zwar kaum eine ­Zukunft als grosser Spieler im hart umkämpften Markt mit eingeschriebenen und sicheren E-Mails. Die wahren Konkurrenten der Post seien aber ohnehin Anbieter wie Google, etwa mit einem verbesserten G Mail-Produkt. «Wenn diese Firmen mit globalen E-Mail-Lösungen und neuen Produkten aufwarten, bedeutet das eine ernsthafte Bedrohung für eine Post», warnt Finger. Der Grund: Den traditionellen Postunternehmen brechen die attraktivsten Geschäftsfelder weg. Zwar hat etwa der Versand von adressierten Werbebriefen in den letzten Jahren sogar eher zugenommen. «Doch im Gegensatz zu qualitativ hochwertigen Produkten wie etwa den eingeschriebenen oder den A-Post-Briefen sind die Margen bei diesen Produkten viel kleiner», erklärt Finger.

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Immerhin kann sich die Post mit einer Sache trösten. Auch R Post hat einen hartnäckigen Gerichtsfall am Hals. R Post-Mitgründer Ken Barton wirft dem heutigen Management eine Reihe von groben Verfehlungen vor. So habe die Firma Angaben über ihre Umsätze aufgebläht und Vermögenswerte auf die Bermudas transferiert. Zafar Khan will die «ungestützten und falschen Behauptungen» nicht näher kommentieren. Der Fall liegt derzeit bei einem Gericht in Kalifornien.