Welcher Online-Kunde kennt diesen Ärger nicht: Man hat bei Zalando, Nespresso oder Tchibo Ware bestellt. Weil der Pöstler das Paket vom Online-Händler ausgerechnet dann zustellen wollte, als niemand zu Hause war, liegt im Briefkasten statt dem Päckli ein gelber Zettel. Dem Online-Kunden bleibt nichts anderes übrig, als sich auf die Poststelle zu bemühen.

Auf diese postalische Zumutung rea­giert der gelbe Riese nun – und lanciert einen elektronisch gesteuerten Hausbriefkasten, der künftig in den  Vorgärten der Siedlungen zum Einsatz kommen soll. Noch besteht bloss ein Prototyp der Hightech-Blechbox. Doch bereits im März startet die Post einen Pilotversuch bei 100 Postkunden. Sind die Testresultate erfolgversprechend, könnte die Box bereits nächstes Jahr auf den Markt kommen. Man werde voraussichtlich Ende des Jahres über das weitere Vorgehen entscheiden, sagt Post-Sprecher Bernhard Bürki. Wie teuer die Box sein wird, ist noch offen. Es stünden nicht wirtschaftliche Interessen im Vordergrund, sondern das grosse Potenzial für neue postalische Dienstleistungen, so der Sprecher.

Mit App gesicherter Milchkasten

Die Idee hinter dem digitalen Briefkasten ist einfach. Der Briefkasten, oder genauer, das Ablagefach unter dem Briefschlitz, wird mit einer Schliessvorrichtung versehen, um die Pakete vor dem Zugriff Fremder zu schützen. Via App legt der Briefkastenbesitzer fest, welche Personen Zugriffsrechte auf das Paketfach bekommen.

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Soll ein Paket zugestellt werden, wird der Kunde auf dem Smartphone darüber informiert. In der App kann der Postkunde die Zustellung erlauben oder verweigern – und dies auch, wenn die Sendung eingeschrieben ist. «Mit dem intelligenten Hausbrief­kasten können wertvolle Sendungen, Medikamente oder Sendungen mit Zustellungsnachweis fortan auch bei Abwesenheit des Empfängers zugestellt werden», betont Bürki.

Vorteile für die Post

Auch für die Post ergeben sich Vorteile: Sie verschwendet nicht länger Zeit und Geld für unnötige Zustellfahrten. Beim gelben Riesen liegt die Rate der erfolgreichen Erstzustellungen zwar bei über 90 Prozent. Doch angesichts der steigenden Ansprüche der Online-Kunden genügt das nicht. «Anders als im teilweise geschützten Briefmarkt können im hart umkämpften Paketgeschäft schon kleine Effizienzgewinne entscheidend sein», sagt Matthias Finger, Professor für Infrastrukturmanagement an der EPFL Lausanne. Auch beim E-Commerce-Spezialisten Carpathia findet die Idee der Post Anklang: «Gegenüber den Paketautomaten oder der Lieferung an den Arbeitsplatz bietet die sichere Heimlieferung dem Online-Kunden klare Vorteile», erklärt Berater Malte Polzin.

Der Enthusiasmus wird indes nicht überall geteilt. So reagieren insbesondere die privaten Konkurrenten des gelben Riesen gereizt auf die Pläne der Post. «Die neuen Briefkästen machen die Zustellung zwar sicherer», sagt Peter Sutterlüti, Präsident vom Verband der privaten Postdienstleister KEP&Mail. «Doch wir befürchten, dass die Post mit den neuen Briefkästen den Zugang zum Kunden monopolisieren könnte.»

Negativbeispiel Deutschland

Wie ein solches Worst-Case-Szenario aussieht, zeigt sich derzeit im benachbarten Ausland: In Österreich pflastert das staatliche Postunternehmen das Land mit eigenen Paketkästen zu. Den privaten Postdienstleistern bleibt der Zugang zu den Boxen verwehrt. In Deutschland wiederum stellte die Deutsche Post bereits im Herbst 2014 mit grossem Tamtam die sogenannte Paketbox vor – laut deren Vorstand «die grösste Erfindung seit dem Briefkasten». Aus Sicherheitsgründen jedoch wollte der Staatskonzern den privaten Konkurrenten wie DPD, GLS und Hermes ihre Paketkästen nicht öffnen.

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Letzten Herbst holten die privaten Wettbewerber nun zum Gegenschlag aus – und präsentierten eine eigene Paketbox, die sich ebenfalls mit einer App freischalten lässt und ab Sommer 2016 in den Verkauf kommen soll. Mit den Paketboxen beschäftigt sich mittlerweile das deutsche Bundeskartellamt. Im Gerangel der Paketzulieferer um die Vorherrschaft in den Vorgärten geht derweil ein Akteur vergessen: Der Postkunde. «Dieser will letztlich nichts anderes als einen Briefkasten, der von allen Zustellern bedient wird», sagt Polzin.

Freier Zugang zum Milchkästli gefordert

Die Gefahr, dass die Post ihre Vormachtsstellung missbrauchen könnte – der gelbe Riese liefert hierzulande vier von fünf Päckli aus –, hält man auch beim Verband der Versandhändler für real. «Der freie Zugang zum Milchkästli ist für den Service public wichtiger als jede Poststelle», sagt Verbandsdirektor Patrick Kessler, «denn in Zukunft werden alle Briefkästen digital gesteuert.» Deshalb müsse unter allen Umständen verhindert werden, dass jedes Unternehmen seine eigenen Paketkästen aufbaue. 

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Kessler befürchtet insbesondere, dass die Post in grösseren Wohnsiedlungen und Bürogebäuden kostenlos solche Paketanlagen installieren könnte, welche jedoch nur für die eigenen Sendungen reserviert blieben.

Postverordnung als Trumpf

Zumindest die gesetzliche Grundlage gibt den Postkonkurrenten einen Trumpf in die Hand. So schreibt die Postverordnung vor, dass jeder Briefkasten inklusive Ablagefach  frei zugänglich sein muss. «Die Post darf diesen Zugang nicht einschränken», erklärt denn auch die Regulierungsbehörde Postcom auf Anfrage.

Ob die Skepsis von Versandhändlern und privaten Pöstlern berechtigt ist, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Dann will die Post entscheiden, in welcher Form andere Zusteller Zugang zum Hausbriefkasten erhalten sollen. Der Briefkasten werde auf jeden Fall so konzipiert, dass für andere Postunternehmen der Zugriff auf das Ablagefach gewährleistet sei, verspricht Bürki. Den Kritikern genügen die Zusicherungen der Post ­jedoch nicht. Kessler fordert, dass im Gesetz ein generelles Verbot für Briefkastenanlagen und Paketboxen verankert wird, die ausschliesslich einem Dienstleister vorbehalten sind.

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