Vor der Debatte rund um das neue Post-Organisationsgesetz, das Ende September im Parlament beraten wird, bringen sich die Beteiligten in Stellung. Die Gewerkschaften, indem sie ihre Initiative «Für eine starke Post» eingereicht haben. Und die Post, indem sie in ihrer Kommunikation gezielt den Finger auf den wunden Bereich legt: Den Rückgang der adressierten Briefe. Sie signalisiert damit, dass Handlungsbedarf bestehe.

Dabei ist die Post insgesamt in einer komfortablen Lage. Die Zukunftsaussichten im Inland sind selbst im Kerngeschäft positiv. So legte der Bereich der unadressierten Sendungen im 1. Halbjahr 2010 um 6,3% zu, die Pakete konnten vom boomenden Handel im Internet profitieren. Zudem stieg im letzten Jahr bei den Mitgliedern des Schweizerischen Versandhandelsverbandes auch die Auflage bei Mailings und Katalogen zwischen 100 und 500 g um 3,8% an.

Potenzial bei Direct Mailings

Patrick Kessler, Präsident des Versandhandelsverbandes, ist überzeugt, dass dieser Aufwärtstrend anhalten wird: «Direct Mailings werden weiterhin zulegen, da mit originellen Mailings immer noch mehr Erfolg erzielt werden kann als mit einem Newsletter oder einem Internetauftritt.» Doch statt diesen wachsenden Bereich zu stärken, verärgert die Post Kunden. Kessler: «Die Laufzeiten für adressierte Massensendungen sind in den letzten Jahren unberechenbar geworden.» Wer keinen sogenannten On-time-Zuschlag bezahle, müsse damit rechnen, dass seine Sendungen bis zu sechs Tage lang unterwegs seien. Und weil eine Massensendung, die an einem Donnerstag, Freitag oder Samstag zugestellt wird, deutlich mehr Beachtung findet als eine, die am Montag in die Haushalte flattert, kann das den Versandhändlern nicht einfach egal sein.

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Nun haben Private wie die Ostschweizer Firma Quickmail diese Marktlücke entdeckt - sie stellen Mailings auch am Ende der Woche ohne Aufpreis zu. Die meisten dieser Anbieter sind aber noch nicht flächendeckend aktiv. Doch ein Ausbau ihrer Präsenz ist geplant.

Während sich im Heimmarkt neue Konkurrenten formieren, setzt die Post weiter auf Auslandengagements. Der frühere Post-Präsident Claude Béglé wurde für seine hochtrabenden Auslandpläne kritisiert und musste gehen. Doch auch das neue Führungsduo Peter Hasler und Jürg Bucher kauft im Ausland zu - wenn auch in deutlich kleinerem Rahmen, als dies Béglé vorschwebte. Die meisten der im 1. Halbjahr 2010 erworbenen Firmen sind auf Mailings, Dialog-, Dokumenten- und E-Business-Lösungen spezialisiert. Post-Sprecher Oliver Flüeler erklärt, die Auslandengagements stünden im Einklang mit den bundesrätlichen Vorgaben. «Wir entwickeln uns im Ausland behutsam Schritt für Schritt, sind in Nischen tätig und wollen dort zusätzlichen Umsatz erzielen.»

Economiesuisse fordert Klarheit

Beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse beobachtet man die Auslandengagements der Post aufmerksam. Die Post als Staatsbetrieb solle sich in erster Linie aufs Kerngeschäft konzentrieren, so Dominique Reber, Mitglied der Geschäftsleitung. Er sagt: «Wir vermuten, dass die Post im Ausland vertikalisieren und die Vorteile des Monopols auch in den Bereich Direktmarketing übertragen will. Nötigenfalls werden wir versuchen, auf parlamentarischem Weg Licht ins Dunkel zu bringen.» Zudem stellten sich Fragen nach den Risiken. Hintergrund für die Skepsis ist die 2006 übernommene deutsche Direktmarketingfirma GHP. Sie setzte damals rund 250 Mio Euro um und galt als Sanierungsfall. Im Post-Bereich Solutions, in dem GHP angegliedert ist, resultierte im 1. Halbjahr zwar eine schwarze Null. Dass dies auch für GHP gilt, ist unwahrscheinlich. Die Post gibt keine Detailzahlen bekannt.