Kaum hat das neue Jahr begonnen, wird im Berner Wankdorf wieder gedrängelt, gecheckt und getroffen. Am Freitag stehen sich in der PostfinanceArena Gastgeber SC Bern und der HC Davos gegenüber. Die Eishockey-Klubs ringen um Punkte in der Nationalliga-Qualifikation. Geschenkt wird einander nichts, auch nicht unter den Zuschauern. «Seit wann werden HCD-Fans nicht mehr niedergeschrien», bloggen sich SCB-Anhänger schon vor dem Spiel in Rage.

Während auf dem Eis noch gekämpft wird, ist der Hockey-Sponsorin Post­­­­fi­nance der Aufstieg in die höhere Liga ­bereits geglückt. Sie erhielt die Bank­lizenz und wandelt sich im Juni zur Aktiengesellschaft. Jahrelang hatte sie dafür gedrängelt, gecheckt und gestritten. Nun hält die Post-Tochter den Pokal in den Händen. Sie darf alle Dienstleistungen einer Bank anbieten − mit Ausnahme des Geschäfts mit Hypotheken und Firmenkrediten.

Doch nach dem epochalen Sieg wurde es seltsam ruhig in Bern. Gespannt warten Beobachter und Konkurrenten auf den nächsten Zug des Teams rund um Cheftrainer Hansruedi Köng. Doch der Post­finance-Chef hält sich bedeckt. Keine gros­sen Ansagen, keine Pläne, nicht einmal Skizzen. Das kommt nicht von ungefähr. Mit ihrer Lizenz steht die bis dato so erfolgreiche Quasi-Bank Postfinance urplötz­lich auf brüchigem Eis.

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Wie ein riesiger Staubsauger

Zahlen, Sparen – zur Beschreibung des Geschäftsmodells von Postfinance reichten bisher zwei Worte. Das eng abgesteckte Feld erwies sich als ausserordentlich fruchtbar. Im Zahlungsverkehr etwa hatte das Unternehmen von Anfang an einen Heimvorteil. Die Überweisungen waren einst das Monopol der Konzernmutter Post. Die Tochter wusste den Vorsprung zu nutzen. Heute kontrolliert sie nach eigenen Angaben 60 Prozent dieses Geschäfts und wickelt jährlich über 900 Millionen Transaktionen ab. Die UBS, aber auch Kantonal- und Regionalbanken lagerten ihren Zahlungsverkehr deshalb an den Marktführer aus. Erfolg hatte der Finanz­arm der Post auch mit seinen Sparkonten. Mit voller Staatsgarantie und hohen Sparzinsen floss das Geld in Strömen herein, erst recht während der Finanzkrise. In den letzten acht Jahren verdreifachten sich die Kundengelder auf 103 Milliarden Franken. Die Mittel wurden am Kapitalmarkt investiert, und Postfinance erwirtschaftete so eine stabile Marge.

Die Konkurrenz ärgerte sich nicht wenig über die Geldmaschine der Post. «Die Postfinance saugt wie ein riesiger Staubsauger Geld aus dem System ab, volkswirtschaftlich ist das bedenklich», schimpft der Chef einer Retailbank. Er gibt aber zu: «Betriebswirtschaftlich wäre es ein Fehler, von diesem Modell abzurücken.»

Alleingang nicht ganz einfach

Das weiss man bei Postfinance nur zu gut. «Sparkonten und Zahlungsverkehr bleiben das Hauptgeschäft», heisst es am Berner Hauptsitz. Das Geschäft mit Fonds und Wertschriften wird nur als «Ergänzung» betrachtet. Dabei darf Post­finance mit der Banklizenz bald selber als Effektenhändlerin tätig sein. Rasch vermutete die Branche, dass Köngs Team hier als Erstes in die Offensive gehen und ­bestehende Kooperationen aufkündigen würde. Bei den Fonds und den Säule-3a-Konti arbeitet die Postbank mit der UBS zusammen. Der Online-Wertschriftenhandel wird über die Waadtländer Kantonalbank abgewickelt. Mit dem Versicherer Axa Winterthur wiederum verkaufte Postfinance Lebensversicherungsprodukte.

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Doch der Alleingang ist nicht ganz einfach. Das zeigt der Vorstoss ins Geschäft mit institutionellen Investoren. Im Jahr 2009 liess Postfinance vom Berner Fondsanbieter OLZ ein für diese Klientel zugeschnittenes Produkt erstellen. Der Postfinance/OLZ Efficient World Equity Fund entwickelte sich zwar ansprechend und schlug gar den Vergleichsindex. Doch nachgefragt wurde er kaum. «Aus diesen Gründen wurde der Fonds schliesslich eingestellt», heisst es bei der Post-Tochter. Immerhin war die Übung mit OLZ nicht ganz umsonst. Im letzten Quartalsausweis konnte Postfinance dank der Eingliederung des Fondsvermögens ­einen ausserordentlichen Ertrag von 17 Millionen Franken verbuchen.

Die Episode zeigt deutlich – im Geschäft mit Finanzprodukten mangelt es Postfinance an Profil. Zudem ist das Fonds- und Wertschriftengeschäft mit seinen 4,4 Milliarden Franken Volumen im Vergleich zur Gesamtbilanz winzig. Köng würde viel wagen, plante er gerade hier ­einen massiven Ausbau.

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Unbefriedigendes Arrangement

Am ehesten liesse sich die neue Bank­lizenz als Druckmittel verwenden, um bei den Kooperationspartnern bessere Konditionen durchzusetzen, erklärt ein guter Kenner der Strategie von Postfinance. Offiziell beschwichtigt das Unternehmen, es bestünden «im Moment keine Pläne, ­Kooperationen aufzulösen oder neue einzugehen». Doch es könnte durchaus sinnvoll sein, mit den Partnern einmal über die ­bestehenden Verträge zu sprechen – auch beim Geschäft mit Hypotheken und Ausleihungen an Firmen. Mit einem Volumen von knapp 11 Milliarden Franken ist es gewichtiger. Doch hier muss Post­finance von Gesetzes wegen mit den Partnerbanken Valiant und der deutschen Münchener Hypothekenbank (MHB) zusammenarbeiten.

Befriedigend ist das Arrangement nicht. Die Marge wird aufgeteilt, und das Wachstum hält sich in Grenzen. Die Ausleihungen im Hypothekengeschäft stiegen von Ende 2011 bis im Herbst 2012 um 327 Millionen Franken. Die Firmenkredite stagnierten, was wohl nicht zuletzt den Problemen bei der Bank Valiant zuzuschreiben ist. «Wir spüren in diesem Bereich weder Post­finance noch die früher sehr aktive Valiant», berichtet der Chef einer grösseren Kantonalbank. Bei Valiant heisst es, die Zusammenarbeit funktioniere gut.

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Aber offenbar nicht gut genug für Köng. Erst kürzlich pochte er im Schweizer Fernsehen auf das Recht, Hypotheken ver­geben zu dürfen. «Diese Restriktion muss weg», sagte er in die Kameras. Mit solchen Forderungen renne der Post­finance-Chef gegen eine Wand, warnt ein ranghoher Verwaltungsbeamter. Eine direkte Bewilligung für die Kreditvergabe sei auf Jahre hinaus politisch völlig chancenlos. Der Bundesbeamte sagt aber auch: «Es gibt immer einen Umweg zum Ziel.»

Passionierter Orien­tierungsläufer

Auf Umwegen zum Ziel finden – das war die Spezialität des passionierten Orien­tierungsläufers und langjährigen Post­finance-Chefs Jürg Bucher. Letzten August noch lancierte er, kurz vor seinem Rücktritt als Leiter des Mutterkonzerns Post, die Idee einer «Volksaktie» für Postfinance. Was damals nach Phantasterei klang, hat im heutigen Licht durchaus Meriten. Das neue Postgesetz erlaubt nämlich theo­retisch eine Minderheitsbeteiligung von­ ­Privatanlegern. Und weil sich mit dem Eintritt von zusätzlichen Aktionären das Kreditrisiko auf mehr Schultern laden ­liesse, könnten Post und Bund doch noch gewogen sein, Postfinance das Hypothekengeschäft zu erlauben. Laut Insidern hat man bei der Postbank die Hoffnung nicht aufgegeben, die Bewilligung über diesen Umweg zu erlangen. Offiziell heisst es bei Postfinance, dass der Entscheid über eine allfällige Teilprivatisierung allein beim Eigentümer liege.

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Beim Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek), dem die Aufsicht über die Postfinance ­obliegt, will man davon heute nicht viel wissen. «Wir sehen bisher keine Tendenzen, welche in Richtung Teilprivatisierung ­zeigen würden.» Dass einige Kräfte einer solchen Entwicklung nicht grundsätzlich entgegenstehen, bestätigt Kurt Lanz, Geschäftsleitungs-Mitglied beim Wirtschafts­dachverband Economiesuisse. «Die Privatisierung der Postfinance darf nicht eine heilige Kuh bleiben und muss ernsthaft diskutiert werden», findet er. Für Lanz ist der Schritt Bedingung für den späteren Eintritt ins Kreditgeschäft.

Weitere Wege hin zum Hypotheken­geschäft entpuppen sich als Sackgassen. So etwa die Übernahme einer anderen Bank. Wegen der Turbulenzen bei Valiant kamen jüngst Gerüchte in diese Richtung auf. Doch Postfinance wiegelt ab. «Mit dem Kauf eines Kreditinstituts könnte die Restriktion im Kreditgeschäft nicht überwunden werden.»

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Härterer Wettbewerb

Zu langes Werweissen kann sich Post­finance-Chef Köng aber nicht leisten. Schuld daran ist das neue Postgesetz. Seit Jahresbeginn geniessen Kundengelder bei der Postbank nicht mehr unbegrenzte Staatsgarantie. Somit ist das wichtige Geschäft mit Sparkonti einem härteren Wettbewerb ausgesetzt. Ebenso bekam Köng vom Bundesrat explizit den Auftrag, den Wert von Postfinance längerfristig zu steigern.

Das Spiel in der Liga der «echten» Banken verspricht deutlich rauer zu werden.