Auch Grossbritanniens neuer Premierminister Gordon Brown ist infiziert. Er leidet am Harry-Potter-Virus. Wie Millionen Kinder, Jugendliche und andere Erwachsene auf der ganzen Welt wartet der 56-Jährige sehnsüchtig auf den 21. Juli. Um eine Minute nach Mitternacht beginnt der Verkauf des siebten und letzten Bandes über den inzwischen erwachsen gewordenen Zauberlehrling. Für den langjährigen Schatzkanzler steht fest: Harry und seine Freunde sind «der grösste britische Exporterfolg aller Zeiten».

Es ist natürlich kein Zufall, dass der siebte Band just zu dem Zeitpunkt in die Buchhandlungen kommt, in dem gerade Millionen Potterfans weltweit vor Kinos anstehen, um sich die Verfilmung des fünften Buches, «Harry Potter und der Orden des Phönix», anzuschauen. Dahinter steckt eine ausgeklügelte Marketingstrategie. Der Film lockt zum einen Millionen Fans in die Kinos, die das Buch bereits verschlungen haben, und nun gucken wollen, was die Filmemacher dieses Mal auf die Leinwand gezaubert haben.

Effizienter Marketing-Kreislauf

Das neue Buch wiederum animiert zum Anschauen der Filmversion des vor vier Jahren erschienenen Buches. Und weil Zeitungen, Magazine, Fernsehsender und Radiostationen weltweit über das Harry-Potter-Fieber berichten, fällt es Lizenznehmern wie Lego leicht, Spielzeug mit dem Potter-Logo zu verkaufen. Bücher und Filme forcieren ausserdem den Absatz von Hörbüchern, DVD, Videospielen, T-Shirts, Puppen, Tassen und sonstigem Nippes – es ist ein geschlossener Kreislauf aus Büchern und Spielfilmen. Die Marke Harry Potter soll nach Expertenschätzungen inzwischen 4 Mrd Dollar Wert sein.
Die Abenteuer des Zauberlehrlings erreichen Kinder und Jugendliche, die sonst vermutlich nie ein Buch in die Hand genommen hätten. Und nur wenige Buchtitel spülen richtig viel Geld in die Kassen der Verlage. Bloomsbury hat sich vor zehn Jahren die Rechte an den englischen Ausgaben für Grossbritannien gesichert, der Verlag Scholastic für die USA, den mit Abstand wichtigsten Absatzmarkt, und Carlsen landete völlig unerwartet einen Bestseller auf dem deutschen Markt.
Während sich die Verlage eine goldene Nase verdienen, bleibt für die grossen Buchhandelsketten in den USA kaum etwas übrig. Da es dort keine Buchpreisbindung gibt, kommt es mit jedem neuen Harry-Potter-Roman zu wahren Preisschlachten. Statt der empfohlenen 34 Dollar verschleudern Internetkaufhäuser wie Amazon und Handelsgiganten wie Barnes & Nobles die Bücher gleich zu Beginn mit bis zu 50% Rabatt. Während die Grossen hoffen, mit «Spontan-Käufen» zusätzliche Umsätze zu erwirtschaften, versuchen kleine, unabhängige Anbieter die Bücher zum vollen Preis zu verkaufen. Als Kaufanreize sollen Gewinnspiele und andere «Add-ons» locken.Auch die Filmbranche freut sich über die Marke Harry Potter. Warner Brothers, eine Tochter des US-Medienriesen Time Warner, hat sich bereits 1998 die lukrativen Filmrechte gesichert. Zusätzlich kaufte das Unternehmen Autorin Rowling die Merchandising-Rechte zum grossen Teil ab – zum Schnäppchenpreis von 500000 Dollar.
Trotz dieses Fehlers ist Harry-Potter-Autorin Rowling nach Berechnungen der «Sunday Times» inzwischen zur reichsten Frau auf der Insel vor Königin Elisabeth aufgestiegen. Allein mit den Buchhonoraren soll sie mehr als eine halbe Mrd Pfund (750 Mio Euro) verdient haben.
Bislang ist es Warner Brothers gelungen, die Marke Harry Potter auszubeuten, ohne dass es dabei zu einem «Merchandising-Overkill» gekommen ist. Pionier Lucas musste bei seinen jüngsten Star-Wars-Filmen erkennen, dass die Vermarktungskette durchaus abrupt aufhören kann, wenn plötzlich kein Konsumprodukt mehr ohne Star-Wars-Logo auskommt.

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Freizeitpark in Orlando geplant

Experten fragen sich trotz aller Spannung aber dennoch, ob die «Pottermania» in diesem Jahr den absoluten Höhepunkt erreichen wird. Schliesslich werden die Verfilmungen von Band sechs und sieben ohne die mediale Unterstützung weiterer Fortsetzungen auskommen müssen. Warner Brothers bereitet sich darauf jedenfalls bereits mit dem Bau eines Harry-Potter-Parks am Rande eines bestehenden Vergnügungsparks in Orlando, Florida, vor. Ab 2010 – vielleicht dann, wenn das letzte Buch als Film in die Kinos kommt – soll der Rummel eröffnet werden.
Derweil läuft bereits die Suche nach einem würdigen Nachfolger von Harry Potter auf Hochtouren. Während Bloomsbury darauf hofft, mit einem Buch von Investmentlegende Warren Buffett einen einmaligen Bestseller landen zu können, glaubt der Entdecker von Harry Potter, Barry Cunningham, einen neuen Goldesel gefunden zu haben, der sich ebenfalls «multimedial» vermarkten lässt.
«Tunnels», geschrieben von den beiden Autoren Roderick Gordon und Brian Williams, handelt von den Abenteuern eines Knaben, der als Hobby-Archäologe fantastische Abenteuer erlebt, nachdem er ein Loch in die Erde gegraben hat. Eine erste in Eigenregie vertriebene
Auflage war in wenigen Stunden ausverkauft. Für die Verlagsausgabe sollen bereits 500000 Bestellungen vorliegen. Ob Gordon Brown mit von der Partie ist, ist unbekannt.
Die in der Grafschaft Gloucestershire aufgewachsene Joanne Rowling (41) verdankt ihrer Romanfigur Harry Potter den Aufstieg von einer alleinerziehenden, von Sozialhilfe lebenden Frau zur reichsten Britin. Nach Schätzungen diverser Medien hat sie allein mit den Autoreneinnahmen aus den sieben Romanen mehr als 750 Mio Euro eingenommen.

Ihre Bücher veröffentlicht sie bis heute unter dem Kürzel JK. Der britische Verlag Bloomsbury sorgte sich zunächst, dass Knaben kein Buch lesen würden, das von einer Frau geschrieben wurde. Die Idee, ein Kinderbuch zu schreiben, kam ihr, als der Zug nach London wieder einmal Verspätung hatte. Sie begann zu schreiben; das Erstlingswerk verzögerte sich aber, weil sie zunächst ihre schwer kranke Mutter pflegen musste. Die Ehe mit ihrem portugiesischen Gatten ging 1993 bereits nach einem Jahr in die Brüche. Anschliessend zog sie mit ihrer Tochter nach Edinburg, in die Nähe ihrer Schwester.
Ende 2001 heiratete sie ein zweites Mal. Seitdem lebt sie mit ihrem Mann und zwei weiteren Kindern die meiste Zeit in einer Villa in Edinburg. Neben diversen Spenden für karitative Zwecke engagiert sich die selten in der Öffentlichkeit auftretende Autorin als Präsidentin der
Gesellschaft der Alleinerziehenden.

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Harry Potter in Zahlen

Bücher

Sieben Bände
Die weltweite Auflage beträgt 325 Mio Exemplare; davon sind 25 Mio in Deutsch erschienen. Am 21. Juli erscheint der siebte Band «Harry Potter and the Deathly Hallows» (deutscher Titel noch unbekannt).

Merchandising
Es gibt keine offiziellen Zahlen. Der Wert der Marke «Harry Potter» wird auf 4 Mrd Dollar geschätzt.

Filme

Bruttoerlös
Die Verfilmung Harry Potters brachte weltweit 3,54 Mrd Dollar ein. Beim
ersten Band, «Harry Potter und der Stein der Weisen», waren
es 976 Mio Dollar, bei Teil drei «Harry Potter und der Gefangene von Askaban», 790 Mio Dollar. Der Erlös des kürzlich angelaufenen fünften Teils
«Harry Potter und der Orden des Phönix», wird auf 900 Mio Dollar geschätzt.