Der Gegensatz ist eklatant. Da belegen Ratings immer wieder, dass die Schweiz bei Innovationen international Spitze ist, aber das Ausland weiss davon kaum etwas, wie Stefan Linder bedauert: «Der prosperierende Innovationsstandort Schweiz wird in anderen Ländern nicht gebührend wahrgenommen.» Linder ist CEO des «Swiss Innovation Forum» (SIF).

Als Referentin an der diesjährigen Veranstaltung (siehe Box) wird auch Bundesrätin Doris Leuthard auftreten. Für den 6. November hat sie eine Konferenz mit Vertretern aus dem Bereich Innovation und Technologie eingeplant. Dabei wird voraussichtlich, wie Departementssprecherin Evelyn Kobelt durchblicken lässt, ein Massnahmenpapier verabschiedet werden.

Insider gehen davon aus, dass Leuthard vorschlägt, einen Innovationsrat zu schaffen. Er soll unter anderem dafür sorgen, dass der im Ausland viel zu wenig bekannte Innovationsstandort Schweiz international ins richtige Licht gerückt wird. Kobelt dementiert allerdings klar: «Ein solcher Plan entspricht nicht den Tatsachen. Das Massnahmenpapier sieht keine Schaffung einer permanenten neuen Organisationsform vor.»

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Die Gerüchte und Spekulationen rund um das angekündigte Massnahmenpapier sind nicht aus der Luft gegriffen. Sie entspringen den Diskussionen um die Teilrevision des Forschungsgesetzes und um die darin vorgeschlagene Neuorganisation der staatlichen Förderorganisation KTI. In der Vernehmlassung stiess die Idee, die KTI aus dem Bundesamt für Berufsbildung (BBT) herauszulösen, jedenfalls auf breite Zustimmung.

Aufsplittung oder Autonomie

Die vorgeschlagene Umwandlung von einer Verwaltungs- in eine Behördenkommission geht allerdings vielen Politikern noch zu wenig weit. «Ideal wäre eine selbstständige Stiftung als Trägerin, damit die KTI möglichst autonom und fokussiert ihre Aufgaben wahrnehmen kann», erklärt FDP-Nationalrat Ruedi Noser. Ihm und vielen Politikern schwebt für die KTI eine unabhängige Struktur vor, wie sie zum Beispiel der Nationalfonds schon lange aufweist.

Was den Innovationsrat betrifft, so hat das Gerücht seinen Ursprung in der Absicht des Forschungsgesetzes, die bisherigen Funktionen der KTI aufzuspalten. Herausge-löst werden aus dem BBT soll nämlich die bewährte Projektförderung, mit einem Budget von rund 100 Mio Fr. pro Jahr die eigentliche Kernaufgabe, während Funktionen wie die Innovationssensibilisierung der Studenten oder die Betreuung von Plattformen für den Wissenstransfer zwischen Hochschulen und Wirtschaft weiterhin beim BBT verbleiben sollen.

Diese Trennung macht ? so der breite Tenor in der Vernehmlassung ? keinen Sinn. «Eine Aufteilung der KTI-Funktionen ist unbedingt zu vermeiden», fordert auch Economiesuisse in einem Strategiepapier zu den Reformschwerpunkten 2008?2011. Die vorgesehene Aufgabenteilung würde den Innovationsprozess bloss verlangsamen.

Nochmals über die Bücher

Ein Punkt wurde in der Vernehmlassung besonders beanstandet: Die Koordination internationaler Aktivitäten im Innovationsbereich, die ebenfalls beim BBT verbleiben soll. Das BBT hat hier der Gesetzesrevision faktisch vorgegriffen und bereits am 1. März, als die Vernehmlassung noch lief, einen von der KTI separaten Leistungsbereich internationale Beziehungen geschaffen. Der voreilige Schritt wurde mit der Reorganisation des BBT begründet und auch von Bundesrätin Leuthard verteidigt.

Kritiker fordern allerdings, dass gerade in diesem Punkt der Bundesrat nochmals über die Bücher geht. Er soll ihrer Meinung nach in der Botschaft zum Forschungsgesetz ein deutliches Zeichen setzen. Das könnte zum Beispiel ein auf internationaler Bühne tätiger Innovationsrat sein.

 

 


Was die Schweiz dringend verbessern muss

Der Innovationsstandort Schweiz darf sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen ? auch wenn die Beratungsfirma Booz & Company, die die Forschungsausgaben der weltgrössten Firmen unter die Lupe nimmt, der Schweiz in ihrer neusten Studie «Beyond Barriers: The global Innovation 1000» erneut ein gutes Zeugnis ausstellt. Im vergangenen Jahr steigerten Schweizer Firmen ihre Forschungsausgaben im Schnitt um über 20% (weltweit 10%). Mit Roche (Rang 8) Novartis (11) STMicroelectronics (67) und Nestlé (75) figurieren gar vier Konzerne mit Sitz in der Schweiz unter den globalen Top 100.

Doch der Innovationsstandort Schweiz hat auch Schwächen, wie Carlos Ammann, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Booz in Zürich, und Daniel Bartl, Experte für Innovation bei Booz, gegenüber der «Handelszeitung» ausführen: «Was in der Schweiz noch ausgeprägter stattfinden muss, ist die Umsetzung der exzellenten Grundlagenforschung in kommerziell erfolgreiche Produkte und Unternehmen.»

Ein Beispiel ist das Software Engineering: Obwohl die Schweiz seit Jahrzehnten international bekannt ist, ist es bisher nicht gelungen, dieses Potenzial systematisch in erfolgreiche Schweizer Softwarekonzerne umzusetzen. Zwar gibt es zahlreiche mittelgrosse Softwarefirmen, die zum grossen Teil jedoch keine eigene Standardsoftware entwickeln.

Die Finanzkrise dürfte sich laut Ammann und Bartl auf die Forschungsbudgets der Firmen auswirken. Dies werde vor allem bei jenen Firmen der Fall sein, die über kein systematisches Innovationsmanagement verfügen. Denn: «Erfolgreiche Unternehmen betrachten Innovation als Geschäftsgrundlage und langfristigen Prozess.» Das Rezept der beiden Innovationsspezialisten lautete: «Gerade jetzt können durch Investitionen in Forschung und Entwicklung die Grundlagen dafür gelegt werden, die Krise erfolgreich zu bewältigen und vom nächsten Wirtschaftsaufschwung zu profitieren. (pi)